Konsum-Entzug? Was wir jetzt wirklich vermissen

06.05.2020

Darf man noch Fleisch essen, nach Thailand jetten, SUVs fahren? Das letzte Jahr war geprägt von einer Diskussion darüber, welcher Konsum ökologisch vertretbar sei und welcher nicht. Einige forderten Verbote, andere mehr Selbstverantwortung. Einig war man sich darin, dass ein bewusster Konsum wichtig sei.

Die Diskussion um allfälligen Verzicht fand durch die Corona-Pandemie ein abruptes Ende. Nun werden wir alle zum Verzicht auf vieles gezwungen. Restaurants sind zu. Flugreisen so gut wie unmöglich. Trotz aller Probleme, die das mit sich bringt, können wir diesen disruptiven Augenblick nutzen, unsere Gewohnheiten, unser Leben und unseren Konsum bewusster zu reflektieren. Auf was können wir ganz gut, vielleicht sogar überraschend gut, verzichten? Ist es etwa schlimm, nicht mehr in Restaurants essen gehen zu können oder ins Ausland zu fliegen? Was nehmen wir überhaupt als Verzicht wahr?

In einer Online-Umfrage in Zusammenarbeit mit dem «Tages-Anzeiger» wollten wir deshalb erfahren, welche Einschränkungen für die Leser*innen schmerzhaft sind und auf was sie gut verzichten können.

Methode:
In einer Online-Umfrage in Zusammenarbeit mit dem «Tages-Anzeiger» wurde den Leser*innen eine Liste von Tätigkeiten vorgelegt. Aus dieser Liste sollten sie diejenigen Dinge auswählen, welche sie am meisten vermissen. Dabei war möglich, mehrere Punkte auszuwählen. 9924 Menschen haben an der Umfrage teilgenommen.

Weil die Leser*innen des «Tages-Anzeigers» nicht repräsentativ für die Schweiz sind, werden die Resultate nicht als Mittelwerte dargestellt, sondern aufgeschlüsselt nach den persönlichen Eigenschaften Alter und Partei-Sympathie (welcher Partei sie sich am nächsten fühlen) angezeigt.

Konsum

Insgesamt gibt die Mehrheit der Befragten an, die fehlenden Konsum-Möglichkeiten nicht besonders zu vermissen.

Am wenigsten scheint das Shoppen zu fehlen. Nur etwa jede*r Fünfte gibt an, dass ihm/r der Einkaufsbummel fehle. Unter Menschen mit bürgerlicher Einstellung wird das Shoppen leicht öfter vermisst als es bei Sympathisant*innen linker und grüner Politik der Fall ist. Die Daten verraten allerdings nicht, wer durch den Lockdown tatsächlich weniger konsumiert und wer einfach auf Online-Kanäle ausweicht. Die Verschiebung zum Online-Handel findet auf jeden Fall statt und wird nach der Krise nur bedingt rückläufig sein (siehe GDI-Studie «Das Ende des Konsums»).

Vermissen Infografik Einkaufsbummel

Während man problemlos online einkaufen kann, lassen sich Ferien nicht so leicht digital ersetzen. Dennoch zeigt sich ein ganz ähnliches Bild bei Fernreisen. Die meisten Befragten, etwa drei von vier, geben an, Fernreisen nicht zu vermissen. Wieder sind es mehr Sympathisant*innen bürgerlicher Parteien, die sich nach Fernreisen sehnen, als Menschen mit linken und grünen politischen Einstellungen. Interessanterweise sind es aber eher jüngere Menschen, eigentlich die «Fridays for Future»-Generation, denen Fernreisen am meisten fehlen. Aber auch unter den Jüngsten ist es nur ein Drittel der Befragten.

Vermissen Infografik Fernsreisen

Mehr als Fernreisen werden Fahrten ins benachbarte Ausland vermisst. Etwa zwei von fünf Teilnehmer*innen geben an, diese zu vermissen. Dabei sind es wieder die Anhänger*innen bürgerlicher Parteien, denen solche Ausflüge eher fehlen, als den Anhänger*innen linker und ökologisch orientierter Parteien. Die Unterschiede sind aber deutlich kleiner als bei den Fernreisen. Während Fernreisen jüngere Menschen eher vermisst haben, scheint der Verzicht auf Reisen ins angrenzende Ausland für ältere Generationen schmerzhafter.

Vermissen Infografik benachbartes Ausland

Die Gastronomie ist eine der am härtesten getroffenen Branchen. Die Möglichkeit, in Bars und Restaurants zu gehen, wird, vergleichbar mit den Fahren ins benachbarte Ausland, etwa von 40% der Befragten vermisst. Besonders jüngeren und bürgerlichen Teilnehmer*innen scheinen diese Angebote zu fehlen. Heimlieferdienste scheinen da nur bedingt Abhilfe zu schaffen.

Vermissen Infografik Gastro

Am meisten vermisst werden kulturelle Angebote wie Kinos, Konzerte oder Museen. Fast 50% der Befragten fehlen diese. Hier sind es eher Anhänger*innen linker und ökologischer Parteien, welche diese Angebote vermissen.

Vermissen Infografik Kultur

Kulturelle Angebote können zwar auch online konsumiert werden, doch sind es auch soziale Ereignisse. Und das Soziale ist das, was die Menschen in dieser Krise viel stärker vermissen, als jede der abgefragten Konsummöglichkeiten. Über fast alle Altersgruppen und Parteien-Sympathien hinweg sehnen sich etwa 80% der Befragten danach, Freund*innen und Familie zu treffen. Den unter 21-Jährigen fehlen diese Kontakte am meisten, den SVP-Sympathisant*innen unter den Teilnehmer*innen der Umfrage am wenigsten.

Vermissen Infografik Freunde Familie