Khanna: «Der europäische Handel mit Asien wächst – auf Kosten der USA»

12.09.2019

Die Zukunft sei asiatisch, sagt Parag Khanna. Der Geostratege sprach in Zürich an einem Talk von Vontobel und der Asian Society Switzerland  über seine Erkenntnisse, und er gab Einblicke in sein neues Buch. In einem Interview mit dem Gottlieb Duttweiler Institut fasst Khanna die wichtigsten Punkte seines Auftritts zusammen.

Parag Khanna

GDI: Der Titel Ihres Buches lautet «The Future is Asian». Wann wird diese Zukunft beginnen?

Parag Khanna: Ich glaube, diese «asiatische Zukunft» hat bereits begonnen. Wir sind aber in unserer Denkweise noch nicht so weit, das anzuerkennen. Bereits heute macht Asien die Hälfte der Weltbevölkerung und die Hälfte des globalen BIP aus. Asien ist seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion näher zusammengerückt und entwickelt sich rasch weiter. 

 

GDI: Wie können wir über Asien als eine Einheit sprechen, wenn es sich  einerseits um eine so grosse Fläche und andererseits um so viele verschiedene Länder und Kulturen handelt?

Parag Khanna: Asien ist mit einem halben Dutzend grosser Kulturzonen eine sehr facettenreiche Weltregion und wesentlich vielfältiger als Europa. Darum wird Asien auch nicht den gleichen Weg gehen wie Europa, das heisst, keinen supranationalen Zusammenschluss anstreben. Trotz ihrer Verschiedenartigkeit schaffen es die asiatischen Staaten, an das alte System der Seidenstrasse anzuknüpfen. Dabei geht es nicht darum, zu dominieren oder zu integrieren, sondern sich gegenseitig zu ergänzen. Diese Entwicklung ist eine beeindruckende Leistung.

 

GDI: China hat den Westen mit Lichtgeschwindigkeit eingeholt. Was macht es besser als wir?

Parag Khanna: Aufholen ist einfacher als vorauszugehen. Es ist wenig erstaunlich, dass die Schwellenländer uns so schnell eingeholt haben. Die ganze Welt hat ihren Aufstieg mit Technologie, Investitionen und Handel unterstützt. In China wird dieser Aufholprozess ausserdem stark von staatlicher Seite gefördert, indem gezielt Schlüsselsektoren ausgewählt und Billionen darin investiert werden. Das hat entscheidend zur Entwicklung Chinas beigetragen. 

 

GDI: Im Zuge des Handelskriegs scheint sich Asien immer mehr zu entfernen. Wie kann diese Entwicklung korrigiert werden? Oder gibt es hier überhaupt etwas zu korrigieren? 

Parag Khanna: Asien entwickelt als Konsequenz des Handelskriegs den Binnenhandel weiter. Es löst die Bindung zu den USA, nicht aber die zu Europa und anderen Staaten. Der Handel Asiens mit China und Mexiko, Südamerika und Afrika wächst. Die Handelsaktivität zwischen Europa und Asien ist drastisch gestiegen – zu Lasten der USA. Asien ist also näher an Europa gerückt. Und das ist eine sehr gute Nachricht, wenn durch Handelsabkommen der gegenseitige Marktzugang gewährleistet wird.

 

GDI: Die derzeitigen Probleme in Hongkong scheinen das Ergebnis aufeinander prallender Wertesysteme zu sein. Wird es einen Gewinner geben?

Parag Khanna: Wertesysteme sind ein Teil des Streits zwischen China und Hongkong. Nicht ausser Acht zu lassen sind aber auch Faktoren wie die politischen Aspekte territorialer Kontrolle, Geld sowie die unklare Machtverteilung nach der britischen Übergabe des Gebiets an China 1997. Längerfristig wird China das politische und wirtschaftliche System Hongkongs nach und nach kolonialisieren – eine Entwicklung, die sich bereits heute abzeichnet. Wenn man bedenkt, wie Taiwan in vielerlei Hinsicht neutralisiert wurde, kann man davon ausgehen, dass sich die Situation weiterentwickelt in Richtung eines «Ein Land, drei Systeme»-Modells. 

 

Khanna, der zu den einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt zählt, war aussenpolitischer Berater von Barak Obama in dessen erster Amtszeit. Khanna mehrfach Referent am GDI. Die deutsche Ausgabe seines 2017 erschienen Buchs «Technocracy in America» (dt. «Jenseits von Demokratie») publizierte er zusammen mit dem GDI.