Kein Entweder-oder: Die Zukunft des Konsums ist vireal

Realität oder Fiktion? Zumindest was den Konsum anbelangt, wird diese Frage bald keine Rolle mehr spielen. Wir befinden uns mitten in einem fundamentalen Wandel, in dem sich die physischen Komponenten des Konsumierens immer stärker mit virtuellen verbinden: «Entanglement» und Virealität statt Entweder-oder.

Dieser Text ist ein Auszug aus der GDI-Studie «Das Ende des Konsums: Wenn Daten den Handel überflüssig machen»

Die Entwicklung, die zum Ende des Konsums führen kann, hat bereits begonnen. Bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts wird von dem, was wir heute als Produkte kennen, als Laden oder als Handel, nicht mehr viel übrig sein. Der Wandel, den Daten, künstliche Intelligenz oder auch das Internet der Dinge erzeugen, macht die Konzepte des Industriezeitalters zu Lösungen für nicht mehr existente Probleme. Und damit obsolet.  

Die materielle Welt des analogen Konsums, also all das, was wir bisher unter Konsum verstehen, wird dabei nicht einfach verschwinden: Menschen haben weiterhin physische Grundbedürfnisse, die durch Waren befriedigt werden, die irgendwo produziert und irgendwie distribuiert werden. Diese physische Komponente wird aber immer enger mit digitalen und mentalen Komponenten des Konsums verflochten. So eng, dass dabei neue Realitäten, neue Welten entstehen. Eine Unterscheidung zwischen Künstlichem und Natürlichem wird unmöglich. Wir werden das sein, was wir machen. Mit einem Begriff aus der Quantenphysik beschreibt der US-Computeringenieur Danny Hillis diese Entwicklung als «Entanglement»: eine Art Verwindung oder Verschränkung, die über das altbekannte Entweder-oder hinausgeht.

Anders formuliert: Nicht die Logik des ausgeschlossenen Dritten – entweder Produzent oder Konsument, Handel oder Industrie, Markt oder Staat –, sondern eine Art Yin und Yang treibt den Wandel voran. Ob die künftigen Strukturen dann eher zentral oder dezentral, diktatorisch oder demokratisch sein werden, wissen wir nicht. Wir können aber mit den heutigen Möglichkeiten bereits verstehen, in welche Richtung wir gehen.

Auf diesem Weg wird uns zunächst eine Mixed Reality begegnen mit vernetzten Produkten, Dienstleistungen und Infrastrukturen, die im Internet of Anything (IoAT) miteinander kommunizieren, ohne dass wir es bemerken (Calm Tech). Und mit ihr wird sich eine virtuelle Welt des Konsums verschränken, in der sich digitale Produkte nach unseren Wünschen konfigurieren (synthetischer Konsum) und die Bedürfnisse des Gehirns direkt befriedigt werden, ohne den physischen Umweg über den Körper einzuschlagen (intrakorporale Technologie). Der Konsum wird also vireal (virtuell und real).

Wir befinden uns in einer Übergangsphase, technologisch wie ökonomisch, politisch wie sozial. Wie lange sie dauert, weiss niemand. An ihrem Ende kann uns ein neuer Reichtum erwarten: der Datenreichtum. Um ihn zu erlangen, werden wir allerdings lernen müssen, das ökonomische Potenzial zu nutzen, das in den wachsenden Datenmengen steckt. Nur auf diese Weise können wir unsere globale Wettbewerbsposition sichern oder gar ausbauen. Nur auf diese Weise können wir unsere Gesellschaftsstrukturen flexibel und finanzierbar halten.