«Innovation geht anders!»

28.05.2014

Der Handel reagiere völlig falsch auf die digitale Revolution, sagt Gunter Dueck. Der Referent der Handelstagung über Management in Zeiten der Verschmelzung von Mensch und Maschine.

Gunter Dueck kennt die Wirtschaft, er kennt das hochkomplexe System aus Menschen, Maschinen und Zahlen. Der 62-jährige Deutsche ist Professor der Mathematik und ehemaliger CTO von IBM Germany. Die Mangerszene kennt ihn als einen, der ihr einen grausam ehrlichen Spiegel vorhält. Seine satirisch-philosophischen Sachbücher über Wirtschafts- und Führungsthemen haben ihn zum Vordenker der digitalen Ökonomie gemacht. Dueck gilt heute als einer der einflussreichsten Menschen in der IT-Branche. Im Vorfeld seines Referates an der GDI-Handelstagung vom September haben wir mit ihm darüber gesprochen, wie der Handel in einer Zukunft aussieht, in der Mensch und Maschine zusammenwachsen. Desktop am Arbeitsplatz, Smartphones und Tablets in der Freizeit: Wir umgeben uns mit immer mehr Maschinen. Wohin geht dieser Trend? Mensch und Maschine kommen ja erst sehr neuerdings zusammen, seit es Tablets gibt. Vorher waren die Desktops und Laptops Werk- und Spielzeug, jetzt befassen sich langsam alle Menschen mit dem neuen Zeitalter. Die wirklich wichtigen Umwälzungen kommen dann aber noch, zum Beispiel mit den selbstfahrenden Autos. In Zukunft werden wir keine Privatautos mehr haben, nur noch Taxis, auch keine Parkplätze, Parkhäuser, Führerscheine, Tankstellen und Verkehrstoten mehr. Jeder kann noch mit 90 Jahren mobil sein und auf dem entlegensten Bauernhof sein Leben geniessen. Wenn das soweit kommt, dann darum, weil Maschinen immer schlauer werden. Wie soll die Gesellschaft darauf reagieren? Höherbildung. Die letzten Revolutionen haben die Körperarbeit vermeiden helfen, das war sehr angenehm. Nun kann der Computer auch das einfache Verwalten, Verkaufen, Bedienen und Managen. Ein Mensch, der nicht mehr als das kann, wird nicht mehr gut oder gar nicht mehr bezahlt.  In diesem Video erklärt Dueck, warum: Im Handel verändert sich das Verhältnis Mensch-Maschine gerade grundlegend. Für wen ist das gut, für die Menschen, die Unternehmen – oder für beide? Diese Frage wird sehr polar wertend diskutiert. Die Antagonisten machen das Neue möglichst lange schlecht, und die Protagonisten schwärmen zu naiv davon. Es wäre besser, alle zusammen würden das Neue gestalten, dann würde es gut. Wenn wir Ihre Frage zu lange nur diskutieren, dann nicht. Im Dorf, in dem ich wohne, frisst der Computer Arbeitsplätz bei der Sparkasse, der Volksbank, der katholischen und der evangelischen Kirche, dem Bäcker, dem Fleischer (der ist schon weg) und der Ortsverwaltung (die ist fast schon weg). Jede dieser Institutionen kann irgendwann nicht mehr eine Person voll ernähren – und am Ende schliessen sie alle. Könnten sie sich nicht zusammensetzen und die Dienstleistungen aggregieren? Das tun sie nicht. Wenn alles komplett dahingeht, werden sie alle sagen, «es ist schlechter geworden». Es wird aber nur nichts gut gemacht worden sein. «Lachende Unternehmen gehen unter», sagen Sie und meinen damit solche, die über Neuerungen lachen. Worüber lacht die Handelswelt heute zu Unrecht? Über Amazon lacht man schon seit mehr als 15 Jahren. Jetzt ist der Handel in eine neue Phase eingetreten, jetzt ist er besorgt. Es reagiert aber nicht gut: Er rationalisiert und verschlankt, in den Läden geht der Trend zu «Short Tail», die Vielfalt verschwindet. In Buchhandlungen zum Beispiel finden Sie nur noch Bestseller. Wer etwas Besonderes möchte, muss jetzt ins Internet. Früher hat also Amazon ins Internet gelockt. Jetzt werden wir dahin getrieben. Seltsam, oder? «Das Besondere nur online»: Das wird doch hartnäckig an der Sache vorbei anders herum gepredigt! Dann sagen Sie uns doch, was gepredigt werden sollte. Der stationäre Handel reagiert mit Strategien, die ihn dem Internet ähnlicher machen. Das ist das Gegenteil von Differenzierung oder Neuerfindung. Es kommt ja nichts Neues, weil immer wieder nur rationalisiert wird. Das geht auch leichter, dazu gibt es Beratungsmethoden, Kongressvorträge und man kann berechnen, wie viel man spart. Innovation geht anders! Wie die Internet-Branche langsam aber sicher die physische Welt normiert, erzählt Dueck hier: Sie haben viele Jahre bei einem Grosskonzern gearbeitet – hat das Neue in grossen, festen Strukturen überhaupt eine Chance? Die Strukturen eines Konzerns wirken wie ein Immunsystem eines Körpers. Wenn in mir Bakterien stören, kommen weisse Blutkörperchen und töten sie. Ähnlich geht die Struktur eines Unternehmens mit Innovationen um. Ein Innovator muss das sehr gut verstehen! Was genau müssen Innovatoren verstehen? Ich sag immer: «Work underground as long as you can.» Meist aber greinen die Möchtegern-Innovatorendarüber, dass ihnen keiner hilft. Das ist ein Missverständnis. Das Immunsystem hilft doch nie, dafür ist es nicht da. Es soll für die Einhaltung aller Prozesse sorgen. Und diese Prozesse muss man eben umgehen oder ignorieren. Das ist gar nicht so schlimm oder unmöglich, wie es scheint. Innovation bedingt auch gute Führung. Sie predigen die «artgerechte Menschenhaltung» in Unternehmen. Was heisst das? Ich habe mich lange mit den verschiedenen Persönlichkeitsunterschieden zwischen IT-Experten (sehr introvertiert, schwach autistisch, reserviert) und typischen Managern (extrovertiert, dauerbegeistert, «Geht nicht gibts nicht») befasst. Es gibt dann noch die Leute im Vertrieb, die Controller, Finanzer, Einkäufer, und sie alle haben sehr verschiedene Denkkulturen. Die sollte man verstehen und dann «artgerecht managen». Zum Beispiel? Zur Kongresseröffnung im Vertrieb etwa sind irre laute Trommler ganz gut. Aber bitte nicht bei Informatikern oder Controllern. Denen ist genau das körperlich peinlich, was Vertriebsleute motiviert. Oder: Bei normalen Menschen sagt man «danke», bei Experten ist das nicht so toll, die erwarten «Klasse, oh Meister!», und im Vertrieb ist «Wie clever, wow!» artgerecht gelobt. Ich protestiere immer, wenn Manager sagen, «wir sollten den Mitarbeitern jetzt einmal danken, auch wenn die Zahlen derzeit nicht gut sind». Hilfe, diese schwach unehrliche Art schadet noch mehr. Warum fordert man nicht zur Erneuerung auf? Zu welchem Typ sich Dueck selber zählt, verrät er hier: Kurz zum Schluss: Worüber reden Sie an der Handelstagung, was wir sonst nirgendwo von Ihnen hören? Ich überlege mir etwas! Ist ja noch lange hin. Ich schreibe gerade ein Buch über die Entstehung von Dummheit in Meetings, das ist dann fertig. Soll ich darüber etwas sagen, oder kennt das schon jeder? Nein, sehr gerne, wir freuen uns darauf! Gunter Dueck referiert an der 64. Internationalen Handelstagung, die am 11. und 12. September 2014 am GDI stattfindet. Die Konferenz trägt den Titel «Retail 2020: Mit Mensch und Maschine in die Zukunft des Handels». Melden Sie sich an!