Im Blockchain-Labor

Vít Jedli?ka ist Präsident der Freien Republik Liberland. Ein Land, in dem das grösste Blockchain-Projekt der Welt durchgeführt wird, das aber von keinem anderen Staat anerkannt wird. Mehrere hunderttausend Menschen haben sich um die Staatsbürgerschaft von Liberland beworben. Erlangen können sie diese durch gute Taten.

Dies ist ein Auszug eines Artikels aus der Ausgabe 2.16 des Wissensmagazins «GDI Impuls».
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Vít Jedli?ka ist viel beschäftigt. Will man mit ihm sprechen, erreicht man ihn meistens in irgendeinem Hotel, kurz vor wichtigen Gesprächen oder der Eröffnung einer weiteren Botschaft. Der Tscheche ist Präsident der Freien Republik Liberland. Die wird zwar noch von keinem Staat der Welt anerkannt, aber um das zu ändern, muss Jedli?ka sich umso mehr wie ein echter Präsident verhalten. Er nennt das den «Ententest»: So wie man eine Ente daran erkennen könne, dass sie geht wie eine Ente, schwimmt wie eine Ente und schnattert wie eine Ente, könne man auch einen Staat daran erkennen, dass er sich verhält wie ein Staat.

Immerhin, Liberland proklamiert eine sieben Hektar grosse Fläche an der Donau zwischen Kroatien und Serbien für sich. Das ist dreimal so viel wie Monaco und macht das Projekt damit glaubhafter als jeden in einem Garten oder Hinterhof ausgerufenen Mikrostaat. Dazu kommt, dass es sich um eine Fläche handelt, die seit 25 Jahren weder von Kroatien noch von Serbien beansprucht wird – das Ergebnis einer Flussbegradigung, nach der Unklarheit über den offiziellen Grenzverlauf der beiden Nachfolgestaaten Jugoslawiens herrschte, die bis heute nicht ausgeräumt wurde. Eine Flagge, eine Hymne, eine Verfassung – all das hat die junge Republik bereits. Und das gilt auch für einen weiteren wichtigen Punkt des Ententests: das Staatsvolk.

Mehrere hunderttausend Menschen aus der ganzen Welt haben sich inzwischen um die Staatsbürgerschaft von Liberland beworben. Und darunter befindet sich auch eine Gruppe, die besonders interessant ist: einige hundert Blockchain­Experten. «Wir sind durch Zufall zum grössten Blockchain­Projekt der Welt geworden», lacht Jedli?ka, wenn man mit ihm darüber spricht. Aber das ist nur die halbe Wahrheit, denn so zufällig ist diese Entwicklung gar nicht. Um das zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die Idee hinter Liberland.

Alternative Wirtschafts­ und Wohnprojekte gibt es viele, überall auf der Welt. Meistens werden sie aus einem antikapitalistischen, antikonsumistischen, also eher linken Impuls heraus gegründet. Alles gehört allen, was oft sogar für die Körper der anderen gilt. Liberland will genau das nicht. Seiner Gründung liegt vielmehr der libertäre Impuls zugrunde, nachdem es nicht in Ordnung ist, wenn der Staat über Steuern und Abgaben massiv in die Eigentumsverhältnisse seiner Bürger eingreift. Liberland will einen Staat ohne Steuern. Um diese Vision möglich zu machen, setzt man massgeblich auf die Möglichkeiten einer Technologie: der Blockchain. Denn, so die Überzeugung, wenn man es schaffe, über diese den Traum einer Null­Transaktionskosten­Gesellschaft (fast) Wirklichkeit werden zu lassen, könne man getrost auf einen Staat verzichten, der überall seine Finger im Spiel hat. Wer eine solche Vision in die Tat umzusetzen beginnt, muss sich nicht wundern, dass er die Blockchainer dieser Welt schnell an seiner Seite hat.

Zu den aktuellen Projekten im Rahmen der Staatsgründung gehört etwa ein Katasteramt, das automatisiert die Verwaltung des Staatsgebiets von Liberland übernimmt. Sobald jeder einzelne Quadratmeter über die Blockchain einem Eigentümer zugewiesen ist, sind die Verhältnisse geklärt und nicht mehr manipulierbar. Situationen wie in Griechenland, wo ein nicht funktionierendes Katasterwesen zu dauernden Rechtsstreitigkeiten führt, wären dann undenkbar.

Auch für die Verteilung des Landes hat man sich schon etwas überlegt, wiederum auf der Blockchain basierend. Dazu muss man ein wenig ausholen. Auf dem Weg zu einem funktionierenden Staat gibt es noch eine Menge zu erledigen – dafür braucht es Ressourcen, in diesem Fall: Geld und Arbeit. In einem «normalen» Staat wird das Geld, um die Arbeit zu bezahlen, über Steuern eingenommen. Wenn man aber, wie Liberland, auf Steuern verzichten will und allein auf Freiwilligkeit setzt, braucht man andere Möglichkeiten. Der Anreiz ist in diesem Fall die Währung Liberlands, «Merit» genannt. Diese kann man erwerben, indem man «Tasks» erledigt, also Aufgaben, die im Rahmen des Aufbaus von Strukturen und deren Administration anfallen, oder indem man schlichtweg Geld bereitstellt. Ein Merit entspricht derzeit einem US­Dollar – ab hundert Merits gewinnt man die ersten Mitgestaltungsmöglichkeiten, mit 10 000 Merits den Anspruch auf die Staatsangehörigkeit.

Auch wenn es zunächst widersprüchlich wirkt: Dass Liberland auf Steuern verzichten will, aber trotzdem Anreize setzt, Geld zu investieren, hat Methode. Denn wer auf Freiwilligkeit setzt, muss umso mehr auf seine Bürger setzen – und damit diese auch in die Verantwortung nehmen. Ein libertäres Projekt ist vielleicht eines, in dem einen der Staat in Ruhe lässt, aber keines, indem man nichts zum Gelingen beitragen muss. «Merit» ist daher auch kein zufällig gewählter Name, steht der Begriff doch gleichermassen für Wert, Leistung und Verdienst. Und damit für das Versprechen, sich einen Wert – wie etwa ein Stück Land oder die Staatsbürgerschaft von Liberland – durch eigene Leistung verdienen zu können.

In Zukunft sollen dann auch die Transaktionen zwischen den Bürgern von Liberland über eine mobile App auf Basis der Blockchain – und damit unabhängig vom Staat – abgewickelt werden können, ebenso wie die An­ und Abmeldung oder der Verkauf von Firmen, wie Jedli?ka erklärt. Die Wertpapierbörse von Liberland wird selbstverständlich ebenso auf Basis der Blockchain laufen. Angelehnt an die direkte Demokratie der Schweiz und die digitalen Abstimmungen in Estland, soll ausserdem ein sicheres Abstimmungssystem auf Basis der Blockchain entwickelt werden.
Die Entwicklung läuft bereits. Das grösste Problem von Liberland ist derzeit noch, dass es seine Projekte zwar skizzieren und entwickeln, nicht aber in der Realität, sondern nur digital testen kann. Noch steht auf dem Gelände in der Flussbiegung ein altes, unbewohntes Jagdhäuschen. Die kroatische Polizei hält die Siedler davon ab, das Land zu betreten und sich dort niederzulassen – «illegal», wie Jedli?ka betont. Um den Ententest endgültig abzuschliessen, planen die Liberländer zunächst die Besiedlung des Landes von der Flussseite her, mit Hausbooten. Aber auch das wird noch eine Weile dauern.

Wo in der Schweiz mit der Blockchain experimentiert wird und wie ein Coworking-Space in Hannover die Technologie für sich nutzt, erfahren Sie in der Ausgabe 2.16 des «GDI Impuls». Den gesamten Artikel kaufen Sie hier.