Ich stelle Leute an, die smarter sind als ich

23.04.2014

In einer von Maschinen beherrschten Wirtschaft hat Claus Meyer Erfolg,
indem er auf ungewöhnliche Menschen setzt. Auch wenn er sein Unternehmen
dafür seinen Angestellten anpassen muss. Ein Interview mit dem
Keynote-Speaker der GDI-Handelstagung 2014.

Claus Meyer ist ein Ausnahme-Unternehmer. Was er anfasst, wird zu Gold. Das Restaurant Noma in Kopenhagen, das er mitbegründet hat, wurde 2010, 2011, 2012 und 2014 als bestes Lokal der Welt ausgezeichnet. Seine Kochbücher sind internationale Bestseller. Seine Fernsehshows haben eine Wiederentdeckung der nordischen Küche ausgelöst.

Der Däne ist ein Paradebeispiel dafür, dass in einer von Profitabilität bestimmten Wirtschaft menschliche Kreativität und Mut unabdingbar sind. Im September 2014 hält Meyer ein Keynote-Referat an der GDI-Handelstagung. Unsere Fragen beantwortet er bereits heute.

Sie haben die Nordic Cuisine erfunden und mit ihr eine neue Betrachtungsweise unseres Essens. Wie sind Sie auf diese Innovation gekommen?
Nachdem mich jahrelang die spanische kulinarische Revolution faszinierte, wie sie El Bulli verkörpert, war die Zeit reif dafür. Auch weil um 2002 herum das Glaubenssystem der besten Köche nicht in Einklang war mit dem globalen Zeitgeist. Zudem kam ich zum Schluss, dass wir im Norden uns noch nie die Mühe gemacht hatten, das Potenzial unserer eigenen Biodiversität zu untersuchen. Ich dachte, «warum sollten wir den südeuropäischen Foodkulturen das Monpol über die Idee von Terroir überlassen?»

Nordic Cuisine war kein Einzelfall. Sie haben sich als serieller Innovator bewiesen. Wie gehen Sie dabei vor?
Es ist sehr einfach. Wenn Sie den Leuten etwas geben, von dem sie nicht wussten, dass sie es tief in ihnen eigentlich wollen, dann werden sie Ihr Service oder Ihr Produkt lieben. Wenn es dazu auf einer höheren Bedeutungsebe wahr und schön ist, dann werden die Leute nicht auf ihren «unzivilisierten» Konsum-Modus zurückfallen. In den 30 Jahren meines Unternehmertums haben sich meine Methoden, meine Auswahlverfahren, meine Kommunikation und meine Arbeitsethik bewährt. Ich umgebe mich gerne mit grossartigen Leuten, die meine Werte teilen und die Kompetenzen meiner Organisation ergänzen. Ich starte kein neues Projekt ohne Win-Win-Aussicht.
 
Sie haben hehre Ziele: Sie wollen mit Ihren Unternehmen nicht einfach Geld machen, sondern die Welt verändern. Woher kommt dieser Sinn für Verantwortung?
Ich erhielt zu wenig Liebe in meiner Kindheit, und das Essen war fürchterlich. Als ich als Au-pair in Frankreich arbeitete, dämmerte mir, dass die beiden Dinge zusammenhängen. Sie können meine Unternehmungen als eine Art Rache betrachten.

Viele Unternehmen streamlinen ihre Produkte, damit sie auf der ganzen Welt wiedererkennbar sind. Würden Sie das auch tun?
Ich glaube, das braucht es, wenn man grosse Volumen, steile Wachstumskurven und herausragende Profitabilität will. In meinem Unternehmen streben wir an, die für die Welt beste Version unserer selbst zu werden. Auch wir sollen davon profitieren, aber in einem gesunden Mass.

Nicht nur im Food-Business kommt Erfolg mit einem Mass an Individualität und Unverwechselbarkeit. Wie integrieren Sie die Persönlichkeit Ihrer Mitarbeiter?
Zuerst mal suche ich Partner und Führungspersonen, die eigen sind. Dann passe ich, wenn nötig, meine Organisation diesen Mitarbeitern an. Auch auf der untersten Ebene machen wir unseren Angestellten Mut, hervorzustechen und sich selbst zu sein. Ich versuche Menschen anzustellen, die smarter sind als ich.

Unsere Konferenz trägt den Titel: «Retail 2020: Mit Mensch und Maschine in die Zukunft des Handels». Was ist Ihr Credo in der Arbeit mit Maschinen?
Über die Arbeit mit Maschinen weiss ich nichts. Ich werde über meine Erfahrungen als Unternehmer reden. Und zeigen, wie man die Nachfrage verändert.