Homeoffice oder weniger Flüge: Was soll bleiben nach der Pandemie?

Ob Homeoffice oder gesteigerte Wertschätzung systemrelevanter Berufe, welche gesellschaftlichen Veränderungen wollen wir auch nach der Corona-Krise beibehalten? Eine Online-Umfrage in Zusammenarbeit mit dem «Tages-Anzeiger» präsentiert Einsichten. 

Viele Folgen der Corona-Krise sind tragisch, andere zumindest lästig. Die Krise hat aber auch gesellschaftliche Veränderungen mit sich gebracht, welche durchaus erfreulich sein können. Bleiben sie nach der Krise bestehen, oder werden wir, sobald wie möglich, in alte Muster zurückfallen? In einer früheren Umfrage haben wir gefragt, was in der Corona-Zeit am meisten vermisst wurde. Diesmal wollten wir wissen, welche Veränderungen die Menschen gerne beibehalten würden.

Homeoffice

Das Homeoffice, lange nur eine Randerscheinung, wurde durch die Pandemie zur Selbstverständlichkeit. Nicht nur berichtet die grosse Mehrheit, von zuhause aus mindestens so produktiv zu sein. Die Flexibilisierung scheint die Wirtschaft tatsächlich effizienter gemacht zu haben. Die vollen Pendlerzüge vermisst wohl kaum jemand, das viele Pendeln ist ökologisch unsinnig, und mit weniger Bürofläche können Unternehmen Kosten einsparen. Was dagegen spricht, ist, dass nicht alle zuhause genügend Platz und Ruhe haben. Ausserdem werden teilweise soziale Kontakte bei der Arbeit vermisst.

Insgesamt hofft die Mehrheit der Sympathisanten aller politischen Parteien, dass sich das Homeoffice in der Schweizer Arbeitswelt stärker etabliert. Unter AnhängerInnen linker und grüner Parteien ist die Hoffnung, möglicherweise auch aus ökologischen Gründen, etwas ausgeprägter als im bürgerlichen Lager.

Umfrage Tages Anzeiger Homeoffice Parteien

Der Wunsch, dass sich das Homeoffice stärker etabliert, ist bei der Altersgruppe zwischen 30 und 50 Jahren am stärksten vertreten. Am geringsten ausgeprägt ist dieser Wunsch bei den unter 21-Jährigen. Diese wohnen womöglich noch bei den Eltern und sind vielleicht nicht unglücklich, dem elterlichen Heim zu entfliehen und die Welt zu entdecken. Ab dem 50sten Lebensjahr nimmt der Wunsch nach Homeoffice mit zunehmendem Alter wieder ab. Vielleicht sind für ältere ArbeitnehmerInnen die sozialen Kontakte bei der Arbeit wichtiger.

Umfrage Tages Anzeiger Homeoffice Alter

Weniger Flüge

Eine Branche, welche vorübergehend völlig zum Erliegen kam, war die Flugindustrie. Noch heute sind kaum Flugzeuge am Himmel zu sehen. Für manche Menschen ist das eine willkommene Wende, wurde das Fliegen doch zum Symbol schlechthin für umweltschädliches Verhalten. So wird das Fliegen denn auch kaum vermisst. Andere wiederum sehen im fehlenden Flugverkehr eher ein Zeichen für eine erlahmte Wirtschaft.

Die politische Position ist beim eingeschränkten Flugverkehr deshalb auch deutlicher. Während vier von fünf SympathisantInnen der Grünen hoffen, dass der Flugverkehr auch in Zukunft eingeschränkt bleibe, sind es nur etwa halb so viele bei den AnhängerInnen von FDP und SVP. Jedoch auch dort fast jedeR Zweite.

Umfrage Tages Anzeiger Flüge Partei

Ausser bei den unter 21-Jährigen, wo die Hoffnung etwas höher ist, gibt es beim Wunsch, dass der Flugverkehr eingeschränkt bleibe, kaum Altersunterschiede.

Umfrage Tages Anzeiger Flüge Alter

Wertschätzung systemrelevanter Berufe

Mit der Krise wurde plötzlich sichtbar, wie wichtig zuvor marginalisierte Berufe für das Funktionieren unserer Gesellschaft sind. Das betrifft nicht nur Pflegende. Auch Reinigungskräfte, Lieferdienstleistende und Angestellte im Verkauf wurden plötzlich zu systemrelevanten Arbeitskräften.  Vor allem unter Menschen mit linker Werteorientierung ist der Wunsch, dass die Wertschätzung dieser systemrelevanten Berufe auch nach der Krise bestehen bleibe, mit etwa 80 % sehr ausgeprägt. Bei AnhängerInnen von FDP und SVP hingegen ist dieser Wunsch mit 50 % und 40 % deutlich geringer ausgeprägt. Die Mitte-Parteien liegen dazwischen.

Umfrage Tagesanzeiger Wertschätung Berufe Partei

Die Altersgruppen unterscheiden sich kaum im Wunsch, dass systemrelevante Berufsgruppen mehr Wertschätzung erhalten.

mfrage Tagesanzeiger Wertschätzung Berufe Alter

Strengere Grenzkontrollen

Die Hoffnung, dass strengere Grenzkontrollen auch nach der Krise beibehalten werden, ist bei AnhängerInnen keiner Partei besonders ausgeprägt. SympathisantInnen linker Parteien hegen diesen Wunsch so gut wie gar nicht. Und selbst bei den AnhängerInnen der SVP hoffen weniger als die Hälfte auf strengere Grenzkontrollen.

Umfrage Tagesanzeiger Grenzkontrollen Partei

Unter allen Altersgruppen ist der Wunsch nach strengeren Grenzkontrollen relativ gering ausgeprägt. Jedoch ist dieser Wunsch bei unter 40-Jährigen mit ca. 10 % nur halb so stark ausgeprägt wie bei über 70-Jährigen mit fast 20 %.

Umfrage Tages Anzeiger Grenze Alter

Methode

In einer Online-Umfrage (n=5015) in Zusammenarbeit mit dem «Tages-Anzeiger» wurde den LeserInnen eine Liste von gesellschaftlichen Corona-Folgen vorgelegt. Aus dieser Liste sollten sie diejenigen Dinge auswählen, bei welchen sie hoffen, dass sie auch nach der Corona-Krise bestehen bleiben. Dabei war möglich, mehrere Punkte auszuwählen. Wichtig ist: Wenn jemand einen Punkt nicht auswählt, bedeutet das nicht zwingend, dass die Person hofft, dass diese Veränderung wieder rückgängig gemacht wird. Es kann auch sein, dass dieser Punkt für diese Person einfach nicht so wichtig ist.

Weil die LeserInnen des «Tages-Anzeigers» nicht repräsentativ für die Schweiz sind, werden die Resultate nicht als Mittelwerte dargestellt, sondern aufgeschlüsselt nach den persönlichen Eigenschaften Alter und Partei-Sympathie (welcher Partei sie sich am nächsten fühlen) angezeigt.