Gute Gewohnheiten, schlechte Gewohnheiten: Popcorn essen auf Autopilot

Oft snacken wir im Autopiloten, auch wenn wir eigentlich gar keinen Hunger haben. Mit einem eindrücklichen Popcorn-Experiment zeigten WissenschaftlerInnen, wie wir mit kleinen Veränderungen im Alltag schlechte Gewohnheiten abtrainieren können.

Popcorn Corina Rainer Unsplash
Photo by Corina Rainer on Unsplash

Der nachfolgende Text basiert auf einem Auszug aus der GDI-Studie «Prävention im Umbruch», die über unsere Website bezogen werden kann.

Veränderungen unseres Alltags können dazu führen, Gewohnheiten zu verlieren. Das kann einerseits ein Verlust sein, wenn es Verhaltensweisen sind, die man idealerweise gerne weiterführen würde, wie etwa sportliche Aktivität. Der Verlust von Gewohnheiten kann aber auch von Vorteil sein, wenn man schlechte Gewohnheiten hinterfragt und anpasst. Gleichzeitig sind Veränderungen des Alltags ein Einfallstor für neue Gewohnheiten – gute wie auch schlechte. Veränderungen der Umwelt können in dieser Hinsicht auch eine Chance sein.

Snacking auf Autopilot

Wie sich eine solche Disruption von Gewohnheiten auswirken kann, wird in einer Studie mit Popcorn eindrucksvoll veranschaulicht. Die Versuchspersonen schauten in einem Kino einen Film und konnten dabei so viel Popcorn essen, wie sie wollten. Der einen Hälfte gab man frisches Popcorn, der anderen Hälfte Popcorn, welches schon eine Woche alt und damit abgestanden war. Diejenigen Teilnehmenden, welche gewohnt waren, im Kino Popcorn zu essen (also einen «Autopiloten» dafür trainiert hatten), assen gleich viel Popcorn, egal ob frisch oder abgestanden. Das Popcorn wurde gedanken- und anspruchslos «reingeschaufelt». Anders sah es bei denen aus, die nicht auf den «Autopiloten» zurückgreifen konnten: Entweder, weil sie keine regelmässigen Kinogänger waren, oder weil die automatisierte Gewohnheitsausübung erschwert wurde – beispielsweise indem der Film in einer ungewohnten Umgebung gezeigt wurde (Sitzungszimmer statt Kino) oder indem sie mit der linken Hand essen mussten (die Rechtshänder unter ihnen). Ohne Möglichkeit, den «Autopiloten» zu nutzen, wurde mehr Popcorn gegessen, wenn es schmeckte. Das abgestandene wurde hingegen eher stehen gelassen. Das heisst: Diejenigen Probanden, die nicht auf Routinen bzw. den Autopiloten zurückgreifen konnten, passten ihr Verhalten der Qualität des Popcorns an.

Schlechte Gewohnheiten hinterfragen

Viele kennen die Situation, von einem Snack zu viel gegessen zu haben, obwohl man gar nicht Hunger hatte und der Snack auch gar nicht so gut schmeckte. An dieser Stelle kurz innezuhalten und zu reflektieren, ob man überhaupt Hunger hat und wie der Snack schmeckt, wäre hilfreich. Veränderungen des Alltags, welche den Autopiloten ausser Kraft setzen, können dazu beitragen, diese Aufmerksamkeit aufzubringen und schlechte Gewohnheiten zu hinterfragen. Diese Veränderung kann man natürlich aber auch bewusst herbeiführen, indem man etwa mit Stäbchen statt mit einer Gabel isst (bis man dies auch wieder automatisiert hat).

Facetten der Verhaltensresilienz

Kampagnen, welche beispielsweise zu gesunder Ernährung aufrufen, prallen in einer gewohnten Umgebung oft an eintrainierten Gewohnheiten ab. Auch wenn man sich eigentlich gerne etwas gesünder ernähren wollte, klappt es meist doch nicht. Befindet sich der eigene Alltag allerdings im Umbruch, sind auch diese Gewohnheiten nicht mehr so fixiert. So liessen sich Menschen, die gerade frisch umgezogen waren und deshalb ohnehin neue Gewohnheiten aufbauen mussten, eher von einer Kampagne zu mehr umweltfreundlichem Verhalten wie der Wiederverwertung von Einkaufstaschen oder einer Reduktion der Heiztemperatur bewegen. Diese Studie spricht von einem Zeitfenster von etwa drei Monaten, in dem Gewohnheiten formbarer sind und damit auch Interventionskampagnen eher eine Wirkung zeigen. Für einen besseren Effekt sollte die Intervention aber bereits vor dem lebensverändernden Ereignis beginnen und individuell abgestimmt sein.

Insgesamt kann man sagen, dass uns Veränderungen formbarer machen, für uns selbst und für äussere Einflüsse. Wünschenswert wäre also, diese Formbarkeit zu nutzen, um sich gute Gewohnheiten anzueignen und schlechte abzugewöhnen, gleichzeitig aber genug Stabilität an den Tag zu legen, um gute Gewohnheiten aufrechtzuerhalten und schlechte abzuwehren. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von Resilienz, verstanden als die Fähigkeit, bei Veränderungen und Krisen nicht nur standhaft zu bleiben, sondern daraus sogar noch gestärkt hervorzugehen.

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