Geplatzte Gross-Events: Das sind die Alternativen in Zeiten von Corona

30.04.2020

Was macht es mit den Menschen, wenn sie ihrer Lieblingsband nicht mehr am Open-Air zujubeln können, ihr Fussballteam nicht mehr anfeuern oder eine Messe nicht mehr besuchen können? Und was sind die Alternativen zu Massenveranstaltungen? Die GDI-ForscherInnen halten vier Szenarien für realistisch.

Band Grossevent

Events bringen Menschen zusammen. Doch in Zeiten von Corona müssen wir Abstand halten. Konzerte, Sportanlässe, Demonstrationen, Hochzeiten – alles abgesagt, verschoben oder umgestaltet. Soeben hat der Schweizer Bundesrat beschlossen, dass  Grossveranstaltungen bis Ende August 2020 verboten bleiben. Was passiert mit einer Gesellschaft in einem Jahr ohne solch Ereignisse?

Drei mögliche Entwicklungen für Grossevents während und nach der Corona-Pandemie

Neue Nüchternheit vs. Unterhaltungskultur

Events sind das Kontrastprogramm zum Alltag. Als Besucherin oder Besucher hat man Hochgefühle, die man in der Gruppe teilt. Man kann sich berauschen, Energie generieren oder auch ablassen, im Fussball genauso wie in der Oper oder dem Gottesdienst. Wohin verschieben sich solche Erlebnisse, wenn die Events ausbleiben? Bleiben sie gar ganz aus?
Vielleicht werden wir die Gross-Events ja tatsächlich nicht so sehr vermissen. Dann könnte als Gegenentwurf zur Unterhaltungskultur eine neue Nüchternheit und Genügsamkeit in Bezug auf Gruppenerlebnisse aufkommen. Treffen fänden im privaten Rahmen statt, und man verzichtete mehrheitlich auf öffentliche Events. Allerdings dürfte diese radikale Abstinenz kaum  für alle funktionieren. Ein leidenschaftlicher Fussballfan muss sich beinahe neu erfinden, wenn er Spiele nicht mehr live verfolgen kann. Ein Jazzfan schaut sich Konzerte zwar im Internet an, merkt aber, dass das nicht an das analoge Erlebnis herankommt. Welches sind die neuen identitätsstiftenden Momente?

Struktur vs. individuelle Festtage

Events strukturieren auch das Jahr: Fasnacht, Ostern, 1.-Mai-Demonstration, Frühlingsfestival, Fussball-EM, Open-Air, Jubiläen, Oktoberfest. Was passiert nun, wenn man nicht weiss, worauf man sich in der Zukunft freuen kann – sei es auf das kommende Wochenende, oder auch auf das kommende halbe Jahr? Wird plötzlich jeder Tag zum Festtag, oder zelebriert jedeR individuelle Festtage? Was geschieht, wenn das Jahr keine Struktur mehr hat? Was wird das neue Spezielle, der neue Kontrast, der neue Place-to-be? Und was passiert mit den leeren Hallen und Sälen?

Corona-Gangs vs. Innovation

Es wird Corona-Gangs, Corona-Crews oder Viren-Familien geben. Denn man muss sich entscheiden, mit welchen Menschen man regelmässig Kontakt hat und mit welchen man auf Abstand geht. Mittelfristig hat man seine Corona-Gang, der man nah ist und nicht nur das Leben, sondern auch seine Viren teilt. Eine Corona-Gang bildet gleichsam einen Körper. Menschen ausserhalb der eigenen Gang sind eine potentielle Bedrohung. Unbekanntem wird mit Skepsis begegnet. Jede Hand, jedes Niesen, jeder Atemzug ist eine potentielle Gefahr, welcher man aus dem Weg geht.Wenn sich die Menschen nicht mehr mischen, findet keine «Social Serendipity» mehr statt – glückliche Zufälle, in denen man Menschen trifft, die man vorher noch nicht kannte. Ohne Events bleibt auch die Bildung von «Weak Ties» aus. Das sind Bindungen zwischen Menschen, die sich zwar kennen, aber nicht besonders gut. In der realen Welt sind dies die Menschen, die einmal im Monat interagieren und die sich wahrscheinlich nicht sehr oft sehen. Impuls und Innovation kommt oftmals über Weak Ties – eine geschlossene Gesellschaft kann sich selber nicht gut weiterentwickeln und setzt eher auf Tradition statt Innovation.

Grossevents Corona

Vier Szenarien für die Fortführung von Grossevents

Mittelfristig sind vier alternative Szenarien für die Durchführung von Veranstaltungen denkbar (s. Grafik oben). Sie sind davon abhängig, ob sich die ProduzentInnen und die KonsumentInnen eines Events zentral versammeln oder sich dezentral miteinander verbinden. Beim Szenario «Geschlossene Gesellschaft» handelt es sich um einen exklusiven Club, in dem nur wenige Leute zentral zusammenkommen. Bei den «Pop-Up-Events» hingegen sind Künstlerinnen oder Produzenten selber nicht vor Ort. Das führt dazu, dass diese Events gleichzeitig oder asynchron kopierbar oder reproduzierbar sind. «Geister-Spiele» wiederum kennen wir  bereits heute – Stadien bleiben leer, und die Fans können sich nur via Kommunikationstechnologie zuschalten. Im Szenario «Together-Alone» schliesslich sind Produzentinnen wie Konsumenten dezentral. Sie verbinden sich digital.

Lockdown? GDI-ForscherInnen referieren auch online.

Die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Food-, Fashion- und Beautybranche – GDI-CEO David Bosshart referiert darüber in Ihrem Online-Event.