GDI-Umfrage zeigt: Junge bei Covid-19 mehrheitlich pro, Risikogruppe Ü65 contra Ausgangssperre

Zum Schutz vulnerabler Gruppen ist unser Leben derzeit zwar eingeschränkt, doch eine allgemeine Ausgangssperre gibt es nicht. Sollte es aber – zumindest wenn es nach den 20- bis 30-Jährigen geht. Das zeigte eine Umfrage unter 24 710 Personen, die das GDI und der «Tages Anzeiger» gemeinsam durchgeführt haben. Wie lässt sich das erklären?

Eine allgemeine Ausgangssperre? Eine Mehrheit der Menschen unter 60 Jahren sprach sich in einer Umfrage des GDI in Zusammenarbeit mit dem «Tages Anzeiger» dafür aus. Unter den 20- bis 30-Jährigen lag die Unterstützung mit fast zwei Dritteln am höchsten. Bei den Babyboomern und älteren Generationen hingegen sank die Zustimmungsrate unter 50 %. Bei den über 70-Jährigen lag die Zustimmung mit nur noch rund einem Drittel am tiefsten (siehe Abbildung 1).

Umfrage Ausgangssperre Corona

Doch warum sind es gerade die Jungen, eher weniger von schweren Krankheitsverläufen betroffenen Menschen, die sich für eine Ausgangssperre aussprechen? Wir haben diese Frage untersucht anhand weiterer Umfrageergebnisse zur Corona-Pandemie und im Speziellen zur Frage der Ausgangssperre . Dabei wurde klar: Eine einfache Erklärung für die Unterschiede zwischen der Meinung von jüngeren und älteren Befragten gibt es nicht – jedoch viele Teilaspekte, die es zu beleuchten lohnt.

Vorab zwei methodische Hinweise: Weil es sich bei dieser Untersuchung nur um korrelative Daten handelt, können keine Ursache-Wirkungs-Beziehungen abgeleitet werden. Jegliche Erklärungen  solcher Zusammenhänge bleiben spekulativ.  Vorsicht ist zudem geboten, weil sich die Teilnehmenden aus eigenem Antrieb beteiligt haben, sich also für das Thema interessieren. Eine repräsentative Stichprobe könnte womöglich leicht andere Muster aufzeigen.

Die Umfrageresultate im Überblick

Je älter ein Mensch, desto mehr sorgt er sich um seine Gesundheit (siehe Abbildung 2). Das überrascht wenig.

Sorge um Gesundheit

Zudem befürworten Menschen, die sich um ihre eigene Gesundheit fürchten, eine Ausgangssperre tendenziell (siehe Abbildung 3). Umso überraschender ist, dass sich jüngere Menschen in grösserem Umfang für eine Ausgangssperre aussprechen. Andere altersbezogene Effekte scheinen demnach stärker zu sein als Angst um die eigene Gesundheit: Angstfreie 20- bis 30-Jährige sind eher für eine Ausgangssperre als über 70-Jährige mit Angst.

Gesundheit Ausgangssperre

Während ältere Menschen eher um ihre eigene Gesundheit fürchten, ist die Sorge darum, dass das Gesundheitssystem aufgrund der COVID-19-Pandemie zusammenbrechen könnte, unter jüngeren verbreiteter (siehe Abbildung 4).

Zusammenbruch Gesundheitssystem

Unter denen, die einen Zusammenbruch des Gesundheitssystems befürchtet, liegt die Zustimmungsrate für eine Ausgangssperre in allen Altersgruppen um 20 bis 25 % höher (siehe Abbildung 5).

Gesundheit Ausgangssperre

Unter den 20- bis 30-Jährigen ist die Anzahl derer, die jemanden kennen, die oder der an COVID-19 erkrankt ist, am höchsten. Mit zunehmendem Alter nimmt dieser Prozentsatz ab. Ältere Menschen kennen also eher weniger Erkrankte (siehe Abbildung 6).

Covid-19 Bekannte

Interessant ist hier der Zusammenhang zwischen Bekanntschaft mit Erkrankten und Befürwortung der Ausgangssperre. Ältere Menschen, die jemanden kennen, der oder die erkrankt ist, sind eher dafür. Bei den 20- bis 30-Jährigen scheint die persönliche Erfahrung hingegen kaum eine Rolle zu spielen (siehe Abbildung 7).

Bekannte Ausgangssperre

Während jüngere Menschen viel weniger Angst vor einer Erkrankung haben, glauben sie viel eher daran, selbst an COVID-19 zu erkranken. So rechnen mehr als die Hälfte der 20- bis 40-Jährigen damit, an COVID-19 zu erkranken. Unter den über 70-Jährigen sind es hingegen nur 12.8 % (siehe Abbildung 8).

Voraussichtliche Erkrankung

Die Unterstützung einer Ausgangssperre ist jedoch in allen Altersgruppe unter denjenigen höher, die glauben, an COVID-19 zu erkranken (siehe Abbildung 9).

Erkrankung Ausgangssperre

Weiter zeigen unsere Untersuchungen, dass jüngere Menschen sich weniger Sorgen bezüglich der Folgen einer möglichen eigenen Erkrankung machen. Das obschon sie im Gegensatz zu den älteren Befragten viel eher damit rechnen, selber zu erkranken. Zudem empfinden jüngere Menschen auch eher eine gewisse Lust an der Ausnahmesituation (siehe Abbildung 10).

Extremsituation Lust

Zwischen der Lust an der Extremsituation und der Einschätzung, dass eine allgemeine Ausgangssperre angemessen wäre, lässt sich kaum ein Zusammenhang feststellen. Wenn überhaupt, dann ist die Unterstützung einer Ausgangssperre unter denjenigen, welche auch eine gewisse Lust an der Extremsituation erleben, sogar geringfügig höher (siehe Abbildung 11).

Extremsituation Ausgangssperre

Und wie sieht es mit dem eigenen Verhalten aus? Unter jüngeren Menschen ist der Anteil derjenigen, die weiterhin Freunde im kleinen Rahmen treffen, am höchsten. Bei den 20- bis 30-Jährigen macht er etwa ein Drittel aus (siehe Abbildung 12).

Freunde treffen

Des weitern sind die, welche sich noch mit Freunden treffen, auch eher gegen eine Ausgangssperre (siehe Abbildung 13).

Freunde treffen Ausgangssperre

Zusammenfassend heisst das, dass unter jüngeren Menschen die Befürchtung um das Gesundheitssystem verbreiteter ist, als in den Gruppen der älteren Teilnehmenden. Ausserdem kennen sie mehr Menschen, die erkrankt sind und rechnen auch eher selber damit zu erkranken. Gleichzeitig ist die Angst vor einer eigene Erkrankung in jüngeren Altersgruppen weniger stark verbreitet. Es gibt mehr jüngere Menschen, die eine gewisse Lust an der Extremsituation erleben als bei den älteren Menschen der Fall ist. Und es gibt mehr junge Menschen, die ihre Freunde noch treffen.

Wie lässt sich der Widerspruch erklären, dass jüngere Menschen einerseits ihre Freunde treffen, andererseits mehr Angst um das Gesundheitssystem haben und eine Ausgangssperre am stärksten unterstützen?

Vielleicht ist es genau die Widersprüchlichkeit dieser Altersgruppe an sich, die eine Erklärung liefert. So könnte es sein, dass sich mehr 20- bis 30-Jährige Sorgen um das Gesundheitssystem machen und eine Ausgangssperre unterstützen, weil sich ein Teil ihrer Peers keine Sorge um die eigene Gesundheit macht und weiterhin Freunde trifft. Bei den 20- bis 30-Jährigen unter den Befragten sind es nur etwa ein Drittel, die nach wie vor Freunde treffen. Die Mehrheit derjenigen jüngeren Menschen, die zu Hause bleiben, sieht aber via Social Media, dass sich ihre Freunde mit anderen treffen. Da zu Hause sein auf Social Media weniger angesehen ist, könnte der tatsächlich Wert derer, die tatsächlich noch rausgehen und Freunde treffen, sogar geringer sein als angenommen.

Sollten sie in ihrem Bekanntenkreis weniger Social Distancing erleben als andere Generationen, wäre das ein Grund dafür, warum jüngere Menschen eher um das Gesundheitssystem besorgt sind. Zudem könnte es auch ein Grund dafür sein, dass sie, wie sich in der folgenden Frage zeigt, der Schweizer Bevölkerung als Ganzes im Umgang mit der Krise weniger vertrauen (siehe Abbildung 14).

Vertrauen Krise

Ein interessanter Unterschied zwischen älteren und jüngeren Befragten ist auch die wahrgenommene Solidarität, bzw. der wahrgenommene Egoismus in der Bevölkerung. Dass die älteren Menschen eher mehr Solidarität wahrnehmen, könnte auch damit zusammenhängen, dass sie selbst mehr Unterstützung durch jüngere Menschen erfahren, die sich etwa auf hilf-jetzt.ch organisieren. Jüngere Menschen erleben diese Solidarität weniger und damit auch nicht die Tatkraft der Zivilgesellschaft. Stattdessen haben sie eher Kontakt mit ihren Freunden, die Social Distancing nicht streng befolgen und erleben dadurch auch mehr egoistische Verhaltensweisen (siehe Abbildung 15).

Wahrnehmung Solidaritaet

Abschliessend haben wir auch festgestellt, dass das geringere Vertrauen in die Bevölkerung sich wiederum positiv auf die Befürwortung einer Ausgangssperre auszuwirken scheint (siehe Abbildung 16).

Vertrauen Ausgangssperre