«Europa hat im Vergleich ein grosses Wachstumspotenzial»

Wirtschaftsprognostiker Robert Gordon sagt dem Westen Nullwachstum voraus. Doch seine Warnung betreffe gar nicht alle, so Gordon: Der Wachstumszwang müsse ja nicht für alle Unternehmer gelten.

Herr Gordon, Sie sagen einen dramatischen Einbruch des Wirtschaftswachstums voraus. Die traditionelle Erfahrung, dass auf jeden Abschwung auch wieder ein Aufschwung kommt, soll also nicht mehr gelten?
Im 18. Jahrhundert kannte man solche Traditionen noch nicht, und vielleicht geraten sie ja eines Tages auch wieder in Vergessenheit. Dass eine Entwicklung seit Menschengedenken immer nur in eine Richtung geht, heisst nicht, dass das auch immer so weitergeht. Mein Lieblingsbeispiel hierfür ist die Entwicklung der Transportgeschwindigkeit. Sie war über Jahrtausende praktisch konstant niedrig, stieg seit der Erfindung der Eisenbahn 1830 mehr als hundert Jahre lang stetig und rapide an, und zwar bis 1958, als die erste Boeing 707 in Dienst gestellt wurde. Seither aber hat sich die Transportgeschwindigkeit nicht mehr erhöht. Ganz im Gegenteil: Heute fliegen Passagierflugzeuge sogar langsamer als 1958, um Treibstoff zu sparen.

Gelten ihre Prognosen eigentlich nur für die USA oder lassen sie sich auch auf andere Länder übertragen?
In einigen Teilen gelten sie, zumindest der Tendenz nach, auch für andere Staaten. Der prognostizierte Wachstumsrückgang von 2,0 auf 0,2 Prozent beruht zu etwa zwei Dritteln auf spezifischen «Gegenwind-Faktoren», mit denen die USA zu kämpfen haben …

… und über die Sie auch am 11. September am GDI sprechen werden.
Richtig. Und die betreffen so vor allem die USA. Das gilt insbesondere für die dortigen Probleme in den Bereichen Bildung und soziale Ungleichheit. Das restliche Drittel Wachstumsrückgang beruht hingegen darauf, dass die Innovationen von heute uns keine so wichtigen neuen Produkte bescheren, wie es im Jahrhundert zuvor der Fall war.

Eine Ihrer Thesen besagt, dass die Kommunikationstechnologie zu wenig Innovationspotenzial hat. Ist dieser Wachstumsrückgang durch unwichtigere Innovationen auf andere Länder übertragbar?

Europa hat sich den Innovationen der Informationstechnologie der letzten zwei Jahrzehnte nur sehr zögerlich geöffnet – deshalb gibt es dort bei der Umsetzung dieser Innovationen noch ein vergleichsweise hohes Wachstumspotenzial.

Das klingt doch geradezu hoffnungsvoll: Wachstumspotenzial durch die digitale Revolution – und der Einzelhandel fängt gerade erst an, zu lernen, damit umzugehen.

Dann muss ich Sie enttäuschen. Allerdings positiv enttäuschen: Der Einzelhandel hat nämlich schon vor Jahrzehnten damit begonnen, das Potenzial der digitalen Revolution zu erkennen und zu nutzen. Die ersten Scannerkassen gab es in den späten 1970er-Jahren, schon ein Jahrzehnt später hatten sie sich flächendeckend durchgesetzt. Zur gleichen Zeit revolutionierte Walmart in den USA die Grosshandelslogistik. Dann der Versandhandel: Als von Amazon noch gar keine Rede war, vor zwei Jahrzehnten, waren in den Autohäusern die Papierkataloge für Ersatzteile bereits verschwunden – von Computer-Bildschirmen verdrängt. Lauter alte, längst bekannte Entwicklungen also.

Und wie sieht es hier mit der Umsetzungsgeschwindigkeit bei den Europäern aus?
Die ist deutlich geringer. Aber das liegt eher nicht daran, dass man sich in Europa gegen ne
ue Technik sperren würde – den Einzelhandelsunterschied zwischen den USA und Europa macht nicht so sehr die Scannerkasse aus als vielmehr die Stadtgeschichte.

Stadtgeschichte?

Genauer gesagt: die historisch bedingten Grössen von Strassen, Häusern und Räumen in den Innenstädten. Überall gibt es in Europa diese niedlichen historischen Altstädte, mit kleinen Gassen und kleinen Geschäften …

… in denen viele Europäer auch sehr gern einkaufen – und nicht nur die, sondern auch viele Touristen von anderen Kontinenten.
Das glaube ich gern, und das will Ihnen ja auch niemand wegnehmen. Aber diese Kleinteiligkeit verhindert den Aufbau grosser Einzelhandels- und Parkflächen wie in Amerika. Und erst bei grossen Flächen, die von grossen Trucks beliefert werden, kann eine komplett durchcomputerisierte Lieferkette ihre Produktivitätsvorteile richtig ausspielen. Der geringere Einsatz modernster Technologie im europäischen Einzelhandel kann also nicht einfach aufgeholt werden.

Zum Schluss: Müssen Unternehmen denn tatsächlich die ganze Zeit wachsen?
Das kommt ganz auf die Branche an, in der Sie sich befinden. Kleine, rein lokal agierende Händler müssen nicht aus ihrer Nische heraus in andere Sektoren oder Regionen wachsen. In einigen Märkten aber hängen die Umsätze vorwiegend von der Stärke und Bekanntheit der Marke ab (so wie bei Coca-Cola, Samsung oder Apple), und die Unternehmen müssen international einen hohen Marktanteil erreichen und möglichst ausbauen, um das Markenbewusstsein zu wecken und zu halten.

Am 11. September 2013 referiert Robert Gordon im GDI Gottlieb Duttweiler Institute. Melden Sie sich an!