Ernst Fehr: Unsicherheit ist bewältigbar – mit den richtigen Tools

08.10.2019
Interview

Globale Migration, Klimawandel, technologischer Wandel – Entwicklungen, die verunsichern und heute zu grossen Herausforderungen für Politik und Wirtschaft geworden sind. Was es in diesen Zeiten braucht, um das Vertrauen der Menschen zu gewinnen, erklärt einer der weltweit einflussreichsten Ökonomen, Ernst Fehr, im Interview mit dem GDI.

Ernst Fehr

GDI: Professor Fehr, im Januar findet die Academy of Behavioral Economics unter dem Titel «Trust and Facts: Better Decisions in an Age of Growing Populism». Was kann man sich darunter vorstellen, worum wird es gehen? 

Ernst Fehr: Wir leben in einer Zeit, in welcher Entscheidungen im politischen, aber auch im unternehmerischen Kontext immer stärker mit Unsicherheit behaftet sind. Der Klimawandel, die globale Migration, der Brexit und die damit verbundene Unsicherheiten auf dem Finanzmarkt. Aber auch der rasche technologische Wandel und viele weitere Herausforderungen lassen die Menschen, Unternehmen und PolitikerInnen immer unsicherer in die Zukunft blicken. Das wirft die Frage auf, ob Organisationen und Unternehmen heute richtig aufgestellt sind, um damit umzugehen. Auch der Politik fällt es immer schwerer die richtigen Antworten zu finden. Menschen haben gerne einfache Antworten, darum gewinnt der Populismus an Zustimmung und darum neigen Politiker dazu, populistische Konzepte anzuwenden. Die Frage, die wir uns als Gesellschaft stellen müssen, ist: Wollen wir das? Und wie können wir gegensteuern? Dafür braucht es geeignete Werkzeuge, die ermöglichen, das Vertrauen in die Politik und die Wirtschaft zu erneuern und nachhaltig abzusichern.

Wieso ist es für Politiker und Entscheidungsträger so wichtig, dass sie hier Expertise erlangen und mit neuen Werkzeugen arbeiten? 

Hier geht es um die langfristige Herstellung von Vertrauen. Politiker oder andere wichtige Entscheidungsträger werden dieses Vertrauen nicht bekommen, wenn sie Politik machen und Entscheidungen treffen, die nicht evidenz- und faktenbasiert sind. Dadurch sinkt die Kooperationsbereitschaft der Menschen und Veränderungen sind noch schwieriger umzusetzen. Wichtig ist, dass sich Politik und Wirtschaft dieser Herausforderung annehmen und eine Toolbox für den Umgang mit der steigenden Unsicherheit entwickeln, die mehr evidenzbasiertes Handeln und Entscheiden ermöglicht. Die Verhaltensökonomie kann massgeblich dazu beitragen solche Werkzeuge zu entwickeln. 

Wie wirkt sich diese Unsicherheit nun ganz konkret auf menschliches Verhalten aus?

Unsicherheit wirkt sich in vielfältiger Weise aus. Die Verhaltensökonomie kennt vier zentrale Bereiche als Treiber hinter menschlichem Verhalten. Da gibt es die kognitive Ebene, das bewusste Denken und Handeln, das aber vielen, teils unbewussten Fehlern unterliegt. Je höher die Unsicherheit, umso schwieriger wird es, vernünftige Entscheidungen zu treffen. Menschen verlassen sich dann stärker auf Heuristiken, also Daumenregeln, und ihre Entscheidungen werden dadurch fehleranfälliger.

Beim zweiten Verhaltenstreiber geht es um soziale Präferenzen wie Fairness oder Altruismus und damit auch um eine wichtige Grundlage der Kooperation. Die grossen Unsicherheiten in Bezug auf zukünftige Entwicklungen haben gravierende Implikation für das Fairnessempfinden, sei es in der Klimafrage, beim Thema Migration oder in der Altersversorgung. Fühlen sich Menschen unfair behandelt hören sie auf zu kooperieren und beginnen die wahrgenommenen Verursacher zu bestrafen. 

Geduld und Willenskraft sind weitere Verhaltenstreiber. Menschen neigen häufig dazu, Entscheidungen zu treffen, die ihnen kurzfristig etwas bringen und bewerten die langfristigen Folgen nicht ausreichend. Geld ausgeben ist immer einfacher, als es für die Zukunft zu sparen. Bei grösserer Unsicherheit sind die langfristigen Folgen von Entscheidungen schwerer abzuschätzen und die kurzfristige Belohnung noch verlockender. 

Zu guter Letzt orientieren wir uns stark an unseren Mitmenschen. Die Community – das kann die Gesellschaft insgesamt oder auch die Gruppe von Menschen sein, in der sich jemand befindet – beeinflusst das Verhalten. Man orientiert sich an sozialen Normen, an den ungeschriebenen Gesetzen des Miteinanders. Hier machen sich auch die Auswirkungen des technologischen Wandels bemerkbar. Menschen verhalten sich in digitalen Räumen fundamental anders als in persönlichen Interaktionen. Gründe dafür sind etwa Scheinanonymität, das Fehlen eines menschlichen Gegenübers und der Mangel an wahrgenommener sozialer Kontrolle. Experimente zeigen beispielsweise, dass Menschen gegenüber einem Anrufbeantworter wesentlich unehrlicher sind, als wenn sie direkt im Kontakt mit Menschen stehen. 

Was ist die wichtigste Botschaft, die die Teilnehmer der kommenden Academy of Behavioral Economics mitnehmen werden?

Unsicherheit und die daraus resultierende Komplexität ist eine Herausforderung, die bewältigbar ist – mit der richtigen Toolbox. Veränderung wird dann positiv wahrgenommen wenn nicht der Verlust des Status Quo im Mittelpunkt steht, sondern das was damit erreicht werden kann. Beispielsweise sind Business Experimente für viele Unternehmen kein Teil ihrer Kultur, können aber dazu genutzt werden neue Business-Modelle einfach und unkompliziert zu testen. Sie sind damit ein wichtiges Werkzeug um Unsicherheit zu reduzieren. 

 

Ernst Fehr referiert an der Academy of Behavioral Economics, die am 29. Januar 2020 am Gottlieb Duttweiler Institute stattfinden wird.