«Emotionen sind angelernt und nicht naturgegeben»

07.06.2014

Die Gefühlshistorikerin Ute Frevert referierte am Mittwoch in GDI. In der Reihe «Food for Thought» erklärte sie, warum wir heute mehr Mitgefühl empfänden als die Generationen vor uns.

In einer Antwort auf eine Publikumsfrage wurde Ute Frevert deutlich: «Wenn Sie heute eines mit nach Hause nehmen sollten, dann das: Gefühle werden uns angelernt, sie sind etwas Soziales und nicht etwas Natürliches!» Diese Aussage fasste das angeregte Referat der Professorin vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung zusammen.

Frevert, Leiterin der Forschungsabteilung «Geschichte der Gefühle», hielt am 18. Juni am GDI Gottlieb Duttweiler Institute einen Vortrag mit dem Titel «Digitale Gefühle: Warum wir heute mehr Empathie und weniger Scham empfinden». Im gut gefüllten Restaurant des Instituts erklärte die Deutsche, dass Gefühle historische Bedeutungswechsel durchliefen. So habe die Scham noch im 19. Jahrhundert eine gesellschaftlich zentrale Rolle innegehabt und sei vor allem als Repressionsinstrument gegen Frauen und Kinder eingesetzt worden. Feminismus und die sexuelle Aufklärung in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts hätten die Macht der Scham schliesslich aufgelöst.

Die exakt umgekehrte historische Entwicklung nahm ein anderes Gefühl, wie Frevert zeigte: die Empathie. Im 18. Jahrhundert sei das Mitgefühl ein zentraler Topos in ganz Europa gewesen, wie sie mit zahlreichen Beispielen illustrierte. Im 19. Jahrhundert führte die Tugend des Sich-in-andere-Einfühlens in den USA zur Herausbildung von Bürgerrechts-, Frauen- und Antisklavereibewegungen. Den Höhepunkt seiner sozialen Bedeutung habe die Empathie nach den Schrecken des zweiten Weltkrieges mit der Menschenrechtscharta erreicht.

Die ungebrochene Wichtigkeit des Gefühls in der Gegenwart zeigt sich laut Frevert im historisch ungesehenen Ausmass an Spendenbereitschaft – und in der Sprache des Digitalen Zeitalters. Gerade die Verknappung der Sprache in sozialen Medien und im SMS-Verkehr habe die Bedeutung des emotionalen Ausdruckes erhöht, was sich beispielsweise im regen Gebrauch von Emoticons zeige.

Nach ihrem Referat, das von einem Drei-Gang-Dinner umrahmt wurde, beantwortete Ute Frevert mit grossem Engagement Fragen aus dem Publikum, bevor man diesen Sommerabend mit Desserts auf der GDI-Terrasse beschloss.