Eine Gesellschaft im digitalen Unruhezustand

Das 21. Jahrhundert ist das Zeitalter der Digiphrenie: digi- für «digital» und -phrenie für «gestörter Zustand der geistigen Aktivität». Ein medientheoretischer Beitrag von Douglas Rushkoff.

Unsere Gesellschaft hat sich ganz auf die Gegenwart ausgerichtet. Alles geschieht sofort, in Echtzeit und online. Es handelt sich nicht einfach nur um eine Beschleunigung, auch wenn unsere Lebensweisen und Technologien die Geschwindigkeit unseres Handelns enorm gesteigert haben. Es handelt sich vielmehr um eine Verringerung von allem, das nicht genau jetzt geschieht – und um ein Vorpreschen genau dieser vermeintlichen Gegenwart.

EWIGE GEGENWART
Aus diesem Grund entwickelt sich die weltweit führende Suchmaschine in einen direkten, konfigurierten und vorhersehbaren Datenstrom mit der Bezeichnung «Google Now»; darum machen E-Mails SMS Platz, und darum werden Blogs von Twitter-Feeds abgelöst. Darum können die Kinder in der Schule keine linearen Argumentationen mehr führen; darum ist die Erzählstruktur dem Reality-TV gewichen, und darum können wir uns nicht mehr sinnvoll über die Bücher und Musik des letzten Monats austauschen, geschweige denn über langfristige globale Fragen. Darum kann eine Wirtschaft, die einst auf langfristigen Investitionen und einer verzinslichen Währung basierte, nicht länger Kapital für jene bereitstellen, die es für zukünftige Werte verwenden möchten. Darum sehnen sich so viele nach einer «Einzigartigkeit» oder einem Weltuntergang im Jahr 2012, um die lineare Zeit insgesamt zu beenden und uns in eine nachgeschichtliche ewige Gegenwart zu katapultieren – unabhängig von dem Preis, den das menschliche Handeln oder die Zivilisation selbst zahlen muss.

Doch darum wissen wir auch, was auf den Strassen im Iran geschieht, bevor CNN ein Kamerateam hinschickt. Darum kann ein unzufriedener, doch karrierebewusster leitender Angestellter seinen Arbeitsplatz kündigen und mit seiner Familie nach Vermont ziehen, um Kajaks zu bauen – obwohl er bisher glaubte, dazu erst als Rentner in der Lage zu sein. Darum können Millionen von jungen Menschen einen neuen Aktivismus leben, der auf einem geduldigen Konsens und nicht auf hitzigen Debatten beruht. Darum können Unternehmen wie H & M oder Zara Kleidung in Echtzeit herstellen, da die Daten der gescannten Preisetiketten von fünftausend Kilometern entfernten Kassen sofort vorliegen. Darum kann ein Präsident kandidieren und gewinnen, indem er sich von der scheinbaren Tyrannei der Vergangenheit und ihren falschen Hoffnungen loslöst und seinen Wählern erzählt, dass «wir diejenigen sind, auf die wir gewartet haben». Nun, das Warten hat ein Ende. Hier sind wir. Wenn das Ende des 20. Jahrhunderts durch Futurismus geprägt war, dann ist das 21. Jahrhundert das Zeitalter der Gegenwärtigkeit.

ABGESTANDENE MOMENTE

Die meisten Informationen, die wir so blitzschnell erhalten, sind zeitlich so flüchtig, dass sie bereits abgestanden sind, wenn sie uns erreichen. Wir hantieren mit den Knöpfen des Autoradios, um den richtigen Sender zur richtigen Zeit auf den aktuellen Verkehrsbericht einzustellen. Der Bericht warnt uns allerdings vor Staus, die sich längst aufgelöst haben, und teilt uns nichts von dem Stau mit, in dem wir uns gegenwärtig befinden – ein Stau, der erst bekannt wird, wenn wir ihn selbst unter einer speziellen Nummer melden. Die Ironie liegt darin, dass die Informationen während unserer verzweifelten Bemühungen, mit ihnen Schritt zu halten, mit uns selbst nicht mithalten können.

GEGENWARTSSCHOCK
Währenddessen laufen die aussergewöhnlichen Massnahmen, die wir ergreifen, um jeder kleinsten Veränderung des Datenstroms Rechnung zu tragen, darauf hinaus, die relative Bedeutung dieser Momentaufnahmen für die wirkliche Realität zu vergrössern. Investoren handeln, Politiker reagieren und Freunde urteilen auf der Grundlage von Mikrobewegungen virtueller Nadeln. Indem wir unsere Aufmerksamkeit zwischen unseren digitalen Erweiterungen aufteilen, opfern wir unsere Verbindung mit der wahrhaftigeren Gegenwart, in der wir gerade leben. Die Spannung zwischen der falschen Gegenwart der digitalen Bombardierung und dem wahren Jetzt eines Menschen erzeugt einen Gegenwartsschock, den wir Digiphrenie nennen: digi- für «digital» und -phrenie für «gestörter Zustand der geistigen Aktivität».

Das bedeutet nicht, dass wir diese digital vermittelte Realität komplett ignorieren sollten. So wie wir angemessener auf das Schwinden der Erzählung anstatt mit Panik und Wut reagieren sollten, gibt es auch Wege, sich auf digitale Informationen einzulassen, ohne dass sich unser Bewusstsein zwangsläufig zusammen mit ihnen in einzelne Bits auflöst. Anstatt der schizophrenen Kakofonie der geteilten Aufmerksamkeit und zeitlichen Loslösung nachzugeben, können wir unsere Maschinen so programmieren, dass sie sich auf die Geschwindigkeit unserer Abläufe, sei es auf unseren persönlichen Rhythmus oder auf die Zyklen unserer Unternehmen und Geschäftsbereiche, anpassen. Computer erleiden keinen Gegenwartsschock, Menschen jedoch schon. Denn wir sind die einzigen Lebewesen, die in der Zeit leben.

UHRWERK-UNIVERSUM
Wenn das Uhrwerk-Universum den menschlichen Körper mit der Mechanik einer Uhr gleichsetzt, stellt das digitale Universum das menschliche Bewusstsein mit der Verarbeitung eines Computers gleich. Wir scherzen, dass Dinge nicht rechnen können, dass wir einen Neustart benötigen oder dass unser Gedächtnis ausgelöscht wurde. In der Natur werden unsere Handlungen durch die Erdumdrehung bestimmt.

Während der zentrale Uhrenturm das menschliche Handeln von oben koordiniert, wird in einem digitalen Netzwerk diese Kontrolle verteilt – zumindest scheint es so. Jeder von uns hat seinen eigenen Computer oder ein Gerät, auf dem wir unsere bevorzugte Software installieren (wenn wir Glück haben) und das wir individuell verwenden oder auf das wir reagieren. Der Umfang, in dem sich unsere Geräte der äusseren Richtung und Synchronisierung anpassen, bleibt zum grössten Teil ein Rätsel für uns, und der Effekt fühlt sich weniger wie eine Koordination von oben, sondern vielmehr wie personalisierte, dezentrale Programme an.

Die analoge Uhr hat die Kreisförmigkeit des Tages imitiert, doch die digitale Zeitrechnung besitzt keine Zeiger, keine Kreise, keine beweglichen Teile. Sie ist eine Zahl, feststehend in der Zeit. Sie ist einfach da. Die Stammesgemeinschaft lebte in der Gesamtheit der kreisförmigen Zeit; die Bauern von Gottes Universum verstanden das Vorher und Hinterher; die Arbeiter des Uhrwerk-Universums lebten nach dem Ticken; und wir, die Kreaturen des digitalen Zeitalters, müssen uns auf den Impuls verlassen. Digitale Zeit verstreicht nicht, sie verklickt. Wie jede andere binäre, einzelne Entscheidung ist sie entweder hier oder dort. Im Gegensatz zu unserer Erfahrung mit dem Verstreichen von Zeit ist digitale Zeit immer in der Gegenwart oder in gar keiner Zeit. Sie ist still. Sie verharrt.

Ich erinnere mich daran, wie ich im Alter von zehn Jahren gebannt auf meine erste digitale Uhr starrte. Sie hatte keine LED, sondern funktionierte eher wie eine Anzeigentafel am Bahnhof. Jede Minute wurde eine Zahl umgeblättert. Ich wartete und zählte, um zu versuchen, das Klicken der nächsten umblätternden Zahl vorauszuahnen, und scheiterte – jedes Mal wieder von der Plötzlichkeit in einem winzigen Moment des Gegenwartsschocks überrascht. Der alte Wecker meines Vaters musste jeden Abend aufgezogen werden. Anschliessend wurde eine zweite Krone für die Weckzeit betätigt. Im Laufe des Tages drückte sich die potenzielle Energie, die er in das Gerät drehte, langsam in der kinetischen Energie der Bewegung der Zeiger und des Schlagwerks aus. Meine digitale Uhr stand einfach da, unterbrach sich selbst jede Minute, um dann wieder einfach nur da zu stehen. Die gesamte Minute 7:43 hatte die gleiche Anzeige. Digitale Zeit ist kein Teil des kreisförmigen Tages; sie ist eine unabhängige Zeitdauer.

DIASHOW IM RÜCKSPIEGEL

Im digitalen Universum wird unsere persönliche Geschichte und ihr Erzählstrang von unserem sozialen Netzwerkprofil ersetzt – ein Schnappschuss des aktuellen Moments. Die Informationen selbst – unser soziales Diagramm an Freunden und Interessen – sind ein Produkt, das Marktforschern verkauft wird, um unsere Zukunft besser vorhersagen und lenken zu können. Die Verwendung vergangener Daten zur Lenkung der Zukunft führt jedoch zur Negierung der Gegenwart. Das vergebliche Streben nach Allwissenheit, das ich zuvor erwähnt habe, ermutigt uns und vor allem Unternehmen, nach immer neueren und aktuelleren Beispielen zu suchen, die uns noch mehr mit der Gegenwart verbinden. Doch in Wahrheit jagen wir nur dem hinterher, was bereits geschehen ist, und wissen nicht, was in diesem Moment vor sich geht. Ähnlich verbinden uns unsere Bemühungen als Individuen, mit dem neuesten Tweet oder Update Schritt zu halten, nicht mit dem gegenwärtigen Moment, sondern sorgen dafür, dass wir uns auf das konzentrieren, was gerade irgendwo anders geschehen ist. Wir lenken uns selbst und unsere Unternehmen, als würden wir ein Auto allein durch Betrachten einer Diashow im Rückspiegel steuern.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus: Present Shock – When Everything Happens Now. Current Hardcover 2013. Übersetzung: Cerebro