Dinner for one – Pause vom Leistungsdruck

Vernissagen zum Networken, Kaffepausen zur Selfpromotion. Wir optimieren uns und unser Image laufend selbst. Anspruchslose «Me-Time» sei eine Antwort darauf, schreibt der Wirtschaftswissenschaftler Branko Milanović. Am GDI-Trendtag diskutierten wir weitere.

Dining alone

«New York sei die Stadt mit dem grössten Anteil an Einzeltischen in Restaurants im Vergleich zur Gesamtbelegung, las ich kürzlich. Das kommt nicht von ungefähr. Meiner Erfahrung nach hat sich diese Entwicklung in den letzten Jahren noch weiter verstärkt. Nachdem ich seit vier Jahren grösstenteils allein in New York lebe und mindestens 400 Abende allein das Nachtessen eingenommen habe, steht es mir sicher zu, mich zum «Dinner for one» zu äussern und dazu, was dieses uns über unsere Welt verrät.
 
Welchen Vorteil hat es, alleine zu essen? Einige liegen auf der Hand: Man kann selbst entscheiden, wann und wo man isst, braucht sich nicht um die Aufteilung der Rechnung zu sorgen und kann so lange im Restaurant sitzen bleiben, wie man nur will. Man erfährt auch viel mehr über die Menschen in seinem Umfeld. In unserem normalen Leben sind wir zu beschäftigt, um unsere Umwelt wirklich wahrzunehmen: Arbeitsweg, Arbeit, Kollegen, Freunde im etwa gleichen Alter, mit ähnlichem Hintergrund oder Einkommen – darauf beschränkt sich unser Wissen.

Wer alleine isst, hat nichts Anderes zu tun, als die Menschen um sich herum zu beobachten und deren Gesprächen zuzuhören. Man nimmt ihre Körpersprache wahr, wie wohl oder unwohl sie sich im Beisein anderer fühlen, erfährt, ob Männer mehr reden als Frauen, sieht, wer am liebsten angibt oder eher still ist und wer die Rechnung bezahlt. Der Solo-Esser hört zu, was sie sagen, wie sie sich über ihren Job beklagen, welche Pläne, politischen Ansichten und Beziehungsprobleme sie haben. Es gibt noch weitere Aspekte: Man muss nicht einem langweiligen Tischgespräch folgen oder Interesse an Themen vorgeben, die einem eigentlich egal sind.
 
Aber gibt es auch Nachteile? Man hört so einige, aber all dieses Wissen stammt nicht aus erster Hand, sondern eher aus – teilweise vielleicht sogar missverstandenen – kurzen Gesprächsfetzen, die man nebenbei mitbekommt. So heisst es, man lerne nie jemanden kennen, und die Menschen, die man kennenlerne, seien dies Barkeeper, Kellnerinnen oder Türsteher, würden dafür bezahlt, einem zuzuhören und einen zu unterhalten.
 
Da fragt man sich doch, was die Tatsache, dass wir so oft alleine essen, über unsere Lebensweise aussagt. Ich denke, das Solo-Leben ergibt sich aus dem Aufbrechen traditioneller Familien und Gesellschaftsstrukturen. Es geht auch mit einer grösseren Arbeitsmobilität einher und wird durch ein höheres Einkommen ermöglicht. Auf der anderen Seite wird dieser Trend auch durch extremen Wettbewerb und die zunehmende Kommerzialisierung unseres Lebens getrieben.
 
Dieser extreme Wettbewerb fordert viel Zeit und Einsatz. Wenn wir mit immer mehr Menschen im Wettbewerb stehen, frisst das nicht nur Zeit, sondern wir werden uns auch immer bewusster, dass jede Handlung, jedes Wort und jeder Kommentar gut überlegt und abgewägt sein will, damit uns die Vergangenheit nicht irgendwann einholt. Allein zu sein, bietet uns eine willkommene Verschnaufpause von diesem Leistungsdruck und der Anforderung, unser öffentliches Image aufrechtzuerhalten.
 
Die zunehmende Kommerzialisierung bedeutet, dass ein Grossteil unserer Privatsphäre und unseres privaten Handelns von finanziellen Interessen geleitet wird. Geburtstagsfeiern, verschiedene Anlässe und Theatervorstellungen können sich als nützliche Gelegenheiten entpuppen, sich ein Netzwerk aufzubauen. Museen vermarkten Vernissagen gar öffentlich als Networking-Anlässe. Unser «totes Kapital», die Zeit für uns selbst und unser Zuhause, haben sich zu Geschäftschancen entwickelt: Wir können mit dem Privatwagen Geld verdienen oder unsere Wohnung gewinnbringend untervermieten. Das Alleinsein verschafft uns eine Verschnaufpause von dieser unaufhörlichen Kommerzialisierung. Networking betreibt man schliesslich nicht mit sich selbst.
 
Ist es unser oberstes Ziel im Leben, alleine zu essen, alleine die Freizeit zu verbringen und Sport zu machen, alleine ins Konzert zu gehen und alleine zu leben? Es scheint so. Mit zunehmendem Einkommen sinkt die durchschnittliche Haushaltsgrösse. Reichere Länder haben nicht nur ein niedrigeres (oder gar negatives) Bevölkerungswachstum, auch die Haushaltsgrösse nimmt ab, je reicher das Land ist. Wir bewegen uns hin zu lauter Einpersonenhaushalten. Dänemark, Norwegen und Deutschland haben das schon fast erreicht: Dort besteht ein Haushalt durchschnittlich aus 2,2 Personen (im Senegal und in Mali liegt die durchschnittliche Haushaltsgrösse bei 9,1 bzw. 9,5 Personen). Japan versinnbildlicht die Vision einer extremen Ellenbogengesellschaft kombiniert mit Einsamkeit.
 
Diese Daten überraschen kaum. Das Zusammensein mit Anderen hatte immer einen wirtschaftlichen Hintergrund: niedrigere Pro-Kopf-Ausgaben, Kinder, die einen im Alter unterstützen, und Ehepartner, die die Rechnungen bezahlen. Aber mit steigenden Einkommen und der zunehmenden Beteiligung am Erwerbsleben können wir uns teure Wohnnebenkosten leisten, für das Alter vorsorgen und später in gemütliche Altersheime ziehen (zumindest heisst es heute so). Unsere Kinder, wenn wir überhaupt welche haben, sind aufgrund von Jobangebot und Job-Wettbewerb zu weit weg, um sich um uns zu kümmern.
 
Das Alleinsein ist sowohl persönliche Wahl als auch eine Antwort auf eine Welt voller Wettbewerb, Kommerzialisierung und Einkommenssteigerungen. Die neue Welt, in welcher wir vermehrt alleine sind, ist somit keine reine Dystopie. Eher eine Utopie – mit Vorbehalt.»



Wie wir dem Leistungsdruck mit Wellness, Yoga und Brain-Hacking begegnen und welche Auswirkung unser Optimierungsdrang auf Wirtschaft und Gesellschaft hat, diskutierten wir am 14. März 2018 am 14. Europäischen Trendtag «Super You: Die wachsenden Märkte der Selbstoptimierung» am GDI.

Dies ist ein Auszug aus dem Blogpost «Dining alone...in a hyper-competitive world» des Wirtschaftswissenschaftlers und Ungleichheitsforschers Branko
Milanović.