Die Sechziger-Schwelle

24.11.2016

Junge Menschen haben ein viel konservativeres Bild von den Zielen der älteren Generation als diese Generation selbst. Dies zeigt die Studie «Digital Ageing» des Gottlieb Duttweiler Instituts im Auftrag von Swiss Life. Eine Grafik daraus verdeutlicht, wie sehr sich die Vorstellungen, was im Alter wichtig ist, zwischen den Generationen unterscheiden.

«Wie wichtig sind Ihnen folgende Ziele für Ihr Pensionsalter?», fragte das GDI in Zusammenarbeit mit GIM (Gesellschaft für innovative Marktforschung) mehr als tausend Schweizer im Alter von zwanzig bis achtzig Jahren. Auf diese Weise liess sich unterscheiden, was junge Menschen glauben, was im Alter wichtig sein wird – und was den Alten von heute tatsächlich wichtig ist. Die Grafik zeigt die wichtigsten Ergebnisse.



Jüngere Menschen glauben, dass Ziele wie Familie, Partner und ein Eigenheim für sie im Alter wichtiger werden, als es für ältere Menschen der Fall ist. Das gilt insbesondere beim Eigenheim: Es scheint eine Klischeevorstellung junger Menschen zu sein, irgendwann ein eigenes Haus irgendwo zu besitzen, wo sie zufrieden mit Familie und Partner ihren Lebensabend verbringen können. Für viele ältere Menschen hingegen ist der Besitz eines Eigenheimes nicht mehr so wichtig. Viele wollen lieber im Stadtzentrum wohnen, wo sie nicht auf ein Auto angewiesen sind und auch am Stadtleben teilnehmen können. Andere scheuen davor zurück, sich auf einen Wohnort festzulegen, und wollen lieber flexibel bleiben oder vielleicht auch Wohnungen an unterschiedlichen Orten haben. Viele können sich ein eigenes Haus schlicht nicht leisten.

Die Altersziele Familie und Partnerschaft halten die Jüngeren ebenfalls für wichtiger als der Durchschnitt der Älteren selbst, allerdings verbergen sich hinter diesem Durchschnitt zwei sehr unterschiedliche Einstellungen. Eine kleine Gruppe von älteren Menschen hat den Glauben daran, einmal eine glückliche Partnerschaft und Familie zu haben, verloren – wozu vermutlich negative Erfahrungen im bisherigen Leben wesentlich beigetragen haben. Für die meisten älteren Menschen sind Partnerschaft und Familie weiterhin wichtige Faktoren für ihre Lebenszufriedenheit.
Ein umgekehrtes Bild zeigt sich, wenn man von diesen konservativen Bewahrungszielen zu den progressiven Wachstumszielen kommt, die in der Umfrage unter anderem in den Zielen «sich in der Freiwilligenarbeit engagieren» und «gebildet, belesen sein und sich weiterbilden» enthalten sind. Diese Ziele schätzen ältere Menschen als wichtiger für sich ein, als junge Menschen glauben, dass es für sie selber im Alter wichtig sein wird. Es scheint, dass jüngere Menschen mit ihren Altersvorstellungen noch von Altersbildern einer industriellen Gesellschaft geprägt sind, als Alter mit einem eher untätigen Ruhe- stand verbunden war, während sich heutige Pensionierte schon stärker im digitalen Altern befinden, das mit Aktivität und Engagement verbunden ist.

Eine wichtige Schwelle ist hier offenbar das sechzigste Lebensjahr. Wachstumsziele hängen mit der Erwartung zusammen, dass man noch eine Weile leben wird – und nach dem sechzigsten Geburtstag zeigt sich ein plötzlicher Anstieg der (subjektiv angenommenen) Lebenserwartung. Sobald Leute sechzig werden, merken sie, dass das Leben noch lange nicht vorbei ist. Diese Leute stehen vor der Chance, aber auch der Herausforderung, ihre Biografien für ihre übrigen Jahrzehnte neu zu gestalten. Wachstumsziele werden in diesem Moment wieder wichtiger. Und diejenigen, die jünger als sechzig sind, scheinen über diese Schwelle oft nicht hinauszudenken beziehungsweise tun die Zeit danach einfach als «alt» ab.

Die GDI-Studie «Digital Ageing – Unterwegs in die alterslose Gesellschaft» laden Sie hier kostenlos herunter.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Ausgabe 4/2015 des Wissensmagazins «GDI Impuls». Die Ausgabe bestellen sie hier.