Die Schlaf-Revolution

Die «Always on»-Gesellschaft verändert die Art, wie wir ruhen: Wir schlafen weniger und suchen neue Schlafqualitäten. Das GDI prognostiziert in seiner Studie einen Wandel der Schlafgewohnheiten, wie es ihn zuletzt in der industriellen Revolution gab.

Dieser Text entstammt der aktuellen Ausgabe von «GDI Impuls». 

Von Daniela Tenger, Researcher

Schlafen ist ein Grundbedürfnis wie Essen und Trinken, beides braucht der Mensch, um seine Energieressourcen aufzufüllen. Gesellschaftlichen und technologische Entwicklungen haben in den letzten Jahren das Essverhalten stark verändert: Statt drei fixe Mahlzeiten am Esstisch zuhause, essen wir, wann und wo es uns gerade passt. Beim Schlafen hat diese Anpassung noch nicht stattgefunden. Obwohl Schlafgewohnheiten durch Smartphone, Leistungsgesellschaft und Mobilität unter Druck geraten, schlafen wir noch wie zu Beginn der Industrialisierung — in der Nacht, zuhause und am Stück.

Allerdings schlafen wir immer kürzer, durchschnittlich eine Stunde weniger als noch vor zwanzig Jahren. Gründe dafür sind, dass unser Alltag überfrachtet ist und wir dem Schlaf keine Priorität einräumen. Trotzdem gewinnt das private Schlafzimmer als Refugium der «Always on»-Gesellschaft an Bedeutung; es wird mehr denn je in Bettsysteme und Design investiert. Die paradoxe Konsequenz: Schlaf war noch nie so komfortabel und gleichzeitig so knapp wie heute. Doch längerfristig können wir die ständige Übermüdung genauso wenig ignorieren wie den Hunger.

SCHLAF ALS LIFESTYLE-PRODUKT

Dass der Schlaf vermehrt in den Fokus der Aufmerksamkeit rückt, zeigt sich nicht zuletzt im Bedürfnis, das eigene Schlafverhalten zu messen. Wir können auch unsere Schlafmuster weltweit vergleichen, diese Dienstleistung bietet beispielsweise die Website sleepingtime.org. Auch die Hersteller des Fitnessarmbands Jawbone haben die Aktivitäten ihrer User weltweit analysiert und festgestellt: New York, die Stadt, die niemals schläft, geht als erste zu Bett; in Dubai sind immer mindestens zehn Prozent der Jawbone-User aktiv; und in China und Madrid wird auch tagsüber geschlafen.

Die Vermessung des Schlafes birgt das Versprechen, diesen zu verbessern — wie es die Datenerhebung im Fitness- und Gesundheitsbereich vorgemacht hat. Diverse Anbieter haben das Potenzial erkannt: Es gibt Apps zur Schlafüberwachung und -optimierung, Fitnesszentren bieten «Mindfulness-Training» zur Entspannung, Hotels werben mit Erlebnissen für gesunden Schlaf. Auch rund ums Träumen entsteht ein Markt: So hat ein Start-up in Brooklyn eine Traummaske entwickelt, die «aktives Träumen bei klarem Verstand» verspricht; sein Sammelziel auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter hat das Unternehmen bei weitem übertroffen.
Das Spannungsfeld von Technik und Natur manifestiert sich im Kontext des Schlafes besonders deutlich. Einerseits entwickelt die Forschung Produkte und Dienste, um den Schlaf zu verstehen und zu verbessern, andererseits fasziniert das Mysteriöse und Natürliche des Schlafes. Der neue Schlafmarkt bedient beide Bedürfnisse — vom Baldriantee bis zur Schlaftablette, von der Daunen- bis zur Hightech-Bettdecke, vom biologischen Wecker bis zur Sleeptracking-App.

WANDEL DER SCHLAFMUSTER

Schlaf entwickelt sich von einer Selbstverständlichkeit zu etwas, mit dem man sich bewusst auseinandersetzt. Technologische und gesellschaftliche Entwicklungen setzen das Schlafverhalten unter Druck und machen es heute immer mehr zu einem Thema des guten Lebens. Ebenso wie sich das Essen zu einem identitätsstiftenden Akt entwickelt hat, wird der Schlaf zum Lifestyle-Produkt und entsprechend zelebriert. Dahinter steht das Bedürfnis nach Entschleunigung, dem die Tourismus- und die Gastrobranche bereits Rechnung tragen. In Japan fahren «turtle taxis» ihre Kunden extra langsam ans Ziel, die Slow-Food-Bewegung zelebriert weltweit lokales, nachhaltiges und bewusstes Essen. Wird Schlaf als Teil dieses Slow-down-Trends verkauft, wird er automatisch attraktiver.

Einschneidende Veränderungen beeinflussten die Schlafmuster schon früher. Die Industrialisierung machte das Bett als Massenprodukt erschwinglich und beendete in Europa den Gruppenschlaf auf hartem Boden. Die Erfindung der Glühbirne hatte zur Folge, dass sich der Zwei-Phasen-Schlaf früherer Jahrhunderte zum Monoschlaf verschob. Heute stehen wir vor ähnlich tiefgreifenden Entwicklungen, die die Strukturen des Alltags auflösen. Im Food-Bereich spiegeln Power-Snacks und Take-away die Essgewohnheiten der mobilen 24/7-Gesellschaft. Auch beim Schlaf findet diese Flexibilisierung statt, denn Mobilität und ständige Erreichbarkeit fordern Veränderungen.

Der Nachtschlaf am Stück fällt immer kürzer aus, aber unser Bedarf an Erholung bleibt. Setzt sich die kollektive Überzeugung durch, dass ein Tagschläfchen die Leistung erhöht und den zu kurzen Nachtschlaf ideal ergänzt, wird sich die «Powernap»-Kultur durchsetzen — nicht zuletzt, weil Leistung im Arbeitsmarkt immer mehr an Resultaten gemessen wird und nicht an abgesessenen Bürostunden. Vier von fünf Tagschläfern machen ihr Nickerchen zuhause, nur einer von zehn schläft unterwegs und nur einer von hundert auch im Büro. Ironischerweise nehmen wir unsere Arbeit mit nach Hause, unseren Schlaf aber nicht ins Büro. Das Schlafzimmer gilt als eines der letzten privaten Refugien, der Schlaf als etwas Privates und Intimes, das man nicht in die Öffentlichkeit trägt.

NICKERCHEN-KULTUR

In anderen Erdteilen ist der Schlaf durchaus in der Öffentlichkeit präsent. In Japan gibt es Schlafcafés, wo man eine Pause im Bett einlegen kann. Powernaps sind fester Bestandteil des Alltags, jede Möglichkeit zum Schlafen wird genutzt, insbesondere während des Pendelns. Auch China ist berühmt für seine Nickerchen-Kultur.

In unseren Breiten sind Schlafende im Zug oder auf einer Parkwiese kein ungewöhnlicher Anblick, im Parlament oder am Kantinentisch dagegen fallen sie auf. Ein schlafender Arbeitskollege stört das Mittagessen. Zunehmend erweitert sich aber das Verständnis, wo Schlafen angebracht ist und wo nicht. Bereits wird auch bei uns häufiger unterwegs geschlafen.
In westlichen Airports kommen Schlafkapseln auf, die man von japanischen «Kapselhotels» her kennt: Ein abgeschlossener, schalldichter Raum mit einfacher Ausstattung ermöglicht eine wirkungsvolle Ruhezeit. In New York bietet Yotel die Luxusversion an Flughäfen und in der City an. Der Erfolg dieser Kapseln zeigt das Bedürfnis der Kundschaft nach Schlaf ausserhalb der eigenen vier Wände. Die Tagesabläufe werden flexibler, und statt des Monoschlafes wünschen sich die Menschen eine Erholung dann und dort, wo es passt.

ÜBERMÜDUNG WIRD DAS NEUE ÜBERGEWICHT

Auch unser Schlafwissen wächst. Die Auswirkungen von Schlafmangel auf Gesundheit und Leistungsfähigkeit sind mittlerweile ebenso bekannt wie die negativen Folgen des Rauchens oder eines fetten Essens. Übermüdung wird zur Kostenfrage und rund um die Schlafförderung entstehen Kampagnen und entsprechende Tools. Dabei wird die Optimierung des Schlafes aber nicht nur bei Problemen zu einem Thema, sondern zum allgemeinen Diktat einer leistungsorientierten Gesellschaft. Alles, was mit Schlafen zu tun hat, wird zelebriert, Übermüdung wird das neue Übergewicht und guter Schlaf zum Schlüsselfaktor für den Erfolg.

In Zukunft werden wir den Powernap nicht mehr loben, sondern genügend Schlaf und gute Schlafqualität sind dann ein Statussymbol. Guter Schlaf ist rar und deshalb wertvoll, das Verliererimage des Vielschläfers verschwindet aus den Chefetagen. Auch unsere Schlafmuster passen sich den Umfeldtrends an und flexibilisieren sich nach dem Muster von Alltagshandlungen wie Essen oder Kommunizieren. Wir sind viel unterwegs und auch nachts aktiv, wir schlafen vermehrt unterwegs und wann es sich gut in den Tagesablauf fügt. Deshalb rückt der Schlaf aus dem privaten Schlafzimmer in die Öffentlichkeit. Dies verlangt nach neuen Angeboten im öffentlichen Raum — inklusive eine Prise Privatsphäre.