Die Offliner: Eine Typologie

31.08.2015

Je stärker der Trend, desto grösser der Gegentrend. Die Digitalisierung hat gleich eine Reihe von Gegenbewegungen hervorgerufen hat. Joël Luc Cachelin hat diese Widerstandskulturen für «GDI Impuls» erkundet.

Dies ist eine gekürzte Fassung eines Artikels der aktuellen Ausgabe von «GDI Impuls».
Den gesamten Artikel kaufen Sie hier.

Von Joël Luc Cachelin

Im Schatten der digitalen Leitkultur formiert sich eine Gegenkultur. Wie einst die unterdrückten Kolonien kämpft sie um Aufmerksamkeit und strebt nach einer Machtkorrektur. Diese Gegenkultur wird hier Offliner genannt. Im Folgenden werden sechzehn unterschiedliche Typen von Offlinern beschrieben, von denen jeweils vier wiederum einer eigenen Fraktion zugeordnet werden.


DIE WIRTSCHAFTLICHE FRAKTION


Die Verlierer
Immer wenn eine neue Technologie die Wirtschafttiefgreifend verändert, formiert sich Widerstand. Man befürchtet, dass die Maschinen Arbeitsplätzezer stören und die Menschen aus dem Arbeitsprozess verdrängen. Die Digitalisierung stösst jenen besonders sauer auf, die Status, Einkommen, Macht oder Besitz verlieren.

Die Nonliner
Es gibt drei Gruppen von Menschen, die keinen Zugang zum Internet haben: die Bildungsfernen, die Alten und die global Abgeschnittenen. Aufgrund des exponentiellen Verlaufs der Digitalisierung nimmt der Unterschied zwischen Onlinern und Nonlinern ständig zu.

Die Kapitalismus-Kritiker
Sie lehnen die Digitalisierung ab, weil sie das kapitalistische System stärkt. Die digitale Transparenz macht Bedürfnisse, Mediengewohnheiten und Arbeitsleistungen transparent. Mit den gewonnenen Daten werden wir zum Konsum verführt und die Preise unserem Portemonnaie angepasst.

Die Globalisierungskritiker
Sie lehnen die sozialen und ökologischen Folgekosten der Digitalisierung ebenso ab wie die zentralen Machtstrukturen. Während für die einen die Reduktion der kulturellen Vielfalt im Vordergrund der Kritik steht, ärgern sich andere über den Missbrauch armer Länder oder die gestiegene Mobilität.


DIE POLITISCHE FRAKTION


Die Nationalisten
Das Internet bedroht die heimische Wirtschaft und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Durch Überfremdung haben das Traditionelle und das Ein heimische keinen Platz mehr. Man hat Angst vor unkontrollierbaren Einflüssen, fühlt sich der Macht grösserer Systeme ausgesetzt und ist in seiner Identität verunsichert.

Die Datenschützer
Je mehr und je länger wir im Internet surfen, desto umfassender werden unsere digitalen Schatten. Das Internet der Dinge sowie intelligente Brillen, Uhren oder Armbänder werden die Datensätze weiter wachsen lassen. Datenschützer wollen nicht, dass wir zu gläsernen Kun den, Bürgern, Patienten und Schülern werden.

Die Situationisten
Sie stören sich an der Diktatur von Raum und Zeit genauso wie an der Normierung des Denkens. Das Internet ist die perfekte Maschine, um die Meinungsvielfalt zu reduzieren, den Zufall zu vermeiden und kritisches Denken zu unterbinden. Zensur und Propaganda normieren unsere Ideale und Visionen.

Die Selbstverwalter
Sie stören sich an den Machtzentren des Internets. In den Knoten des Netzwerks fliessen die Währungen einer digitalen Gesellschaft zusammen: Geld, Information und soziale Kontakte. Je grösser die Knoten, desto mehr soziales, kulturelles und finanzielles Kapital vereinen sie.


DIE SOZIALE FRAKTION


Die Romantiker
Als die Welt noch nicht digital war, hatte man noch Zeit füreinander und musste sich nicht alle Möglichkeiten offen lassen. Die Digitalisierung führt zu Dematerialisierung und zur Verdrängung des Realen durch die Simulation. Immer mehr Erlebnisse sind medial unterstützt oder nur noch durch die Medien vermittelt.

Die Einsamen
Sowohl zu wenig als auch zu viel Digitalisierung ruft das Gefühl hervor, al lein auf der Welt dazustehen. Während den Unterdigitalisierten Geld, Knowhow und Mut fehlen, um mit anderen in einen digitalen Kontakt zu treten, lei den die Überdigitalisierten an einem Manko an menschlicher Nähe.

Die Gottesfürchtigen
Das Internet installiert eine neue Metaphysik mit einer Aussicht auf ein unendliches Leben im Netz. Die Menschen haben das Vertrauen in Gott verloren und nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand. Die Gottesfürchtigen sehen im Internet zudem einen Katalysator des Sittenzerfalls, der zu Lust, Neid und Selbstsucht anstiftet.

Die Kulturpessimisten
Für die Kulturpessimisten verhindert das Internet gehaltvolle Kultur und Bildung. Die Vervielfältigung der Information provoziert eine Beliebigkeit des Wissens. Experten werden durch ahnungslose Crowds ersetzt. Es gibt nur noch Halbwissen, und alles ist eine Frage der Perspektive.


DIE TECHNOLOGISCHE FRAKTION


Die Paranoiden
Die Verlagerung ins Digitale fördert kriminelle Energie. Im Unterschied zum realen Raum sind Gefahren und Täter meist unsichtbar. Die diffuse Risikolage mündet in eine diffuse Angst vor Überwachung, Manipulation, Diebstahl, aber auch vor einem Zusammenbruch des Systems.

Die Anti-Transhumanisten

Man kann die Digitalisierung als evolutionäre Kraft lesen, die Mensch und Maschine verschmilzt. Einerseits wird der Mensch durch technisches und geistiges Enhancement immer mehr zur Maschine. Andererseits wird die Maschine so unauffällig, dass wir sie am Ende gar nicht mehr als Maschine wahrnehmen.

Die Entschleuniger

Das Internet ist der wichtigste Treiber der Beschleunigung. Wir sind gehetzt, wobei uns keine Zeit für die Dinge bleibt, die uns wirklich wichtig sind. Das Multitasking führt zu Erschöpfung, innerer Unzufriedenheit und hindert uns daran, die wahren Zusammenhänge zu erkennen.

Die Nachhaltigen
Sie lehnen die Digitalisierung ab, weil sie die Lebensgrundlage künftiger Generationen zerstört. Vor allem die produzierten Abfälle und der hohe Energiebedarf der digitalen Geräte sind störend. Die Nachhaltigen bekämpfen digitale Update-Zwänge, die uns zum Kauf immer neuer Geräte zwingen.