Die Menschen machen nicht mehr mit

01.01.2010

Nur langsam würden unsere politischen und wirtschaftlichen Entscheider erkennen, dass unser Lebensstil immer mehr Extreme provoziere, so David Bosshart in einem Beitrag im neuen «GDI Impuls». Der GDI-Direktor ruft auf zu einer neuen Nüchternheit.

Von David Bosshart

Das «Age of Less» ist bei vielen Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft noch nicht wirklich angekommen. Bequemlichkeit im Wohlstandslärm und der sogenannte Status-quo-Bias (die Realitätsverzerrung, zu glauben, es gehe mit entsprechenden Massnahmen schon irgendwie so weiter wie gerade jetzt) beherrschen die Köpfe, wenn auch mit unterschiedlichen Motiven. Aber das Bewusstsein, dass wir immer mehr die Extreme provozieren, wenn wir so weitermachen wie bis jetzt, hat in vielen Ländern und nach meinen Beobachtungen auf allen Kontinenten zugenommen. Brasilien, die Türkei, die Schweiz, die USA, Spanien, Frankreich, Ägypten, China, Japan … an aktuellem Anschauungsmaterial fehlt es nicht. Wer nicht lernt, die Grenzen seines Handelns zu erkennen, wird bald schon wieder Mauern errichten – wie damals in Berlin 1961. Wollen tut das ja ernsthafterweise niemand.

Was aber sind die entscheidenden Weichenstellungen, die uns in immer konfliktreichere Polarisierungen hineinführen?

Können wir uns eine Welt vorstellen, in der die Mitte nicht die dominierende Rolle für die Zukunft abgibt?

Alle Hochrechnungen der Schwellenländer beruhen auf der Vorstellung, dass die Mitte kontinuierlich wächst. Denn die Mitte ist Hoffnung, dass das Leben sich verbessert: der Job, der materielle Wohlstand, der Besitz. Aus der Sicht abstrakter Finanzmärkte mag das mit viel Optimismus aufgehen. Vor allem, wenn viel billiges Geld vorhanden ist. Damit werden Probleme gerne zugedeckt. Heute sehen wir: Revolutionen beziehungsweise soziale Unruhen kommen nicht von unten   – wer unten ist, will Kalorien und ein Dach über dem Kopf. Unruhe kommt aus der Mitte – in Brasilien, Ägypten, der Türkei etc. sind die ambitionierten Mittelschichten nicht mehr zufrieden, wenn der Staat die entsprechenden Infrastrukturen nicht zur Verfügung stellt: sichere Schulwege für die Kinder, Investitionen in den entlastenden Sozialstaat, eine angemessene Vorsorge, Versicherungsleistungen in der Gesundheit.

Es scheint, dass die Zeit der Akronyme wie BRIC oder MIST oder CIVETS abgelaufen ist. Es genügt nicht mehr, einfach die theoretischen Wachstumspotenziale von Schwellenländern hochzurechnen, ohne die Rechnung mit dem Wirt, also der Bevölkerung und ihren konkreten Bedürfnissen, zu machen. Es ist nicht schwierig, mit billigem Geld rasch einige hundert Millionen Menschen in die Mittelschicht zu heben   – viel anspruchsvoller ist es, sie dort auch eine Weile halten zu können. Wer also die realen Ambitionen der Mitte nicht politisch und wirtschaftlich einberechnet, wird scheitern.

Warum denn, unter normalen menschlichen Voraussetzungen, soll es möglich sein, dass etwa Länder wie Indien oder Mexiko oder Indonesien oder gar Nigeria innerhalb kurzer Zeit vom Image des Zurückgebliebenen zum High Potential aufsteigen? Warum sollen diese Kandidaten nun innerhalb von wenigen Jahren umsetzen können, was Deutschland oder England oder Frankreich in 200 Jahren erreicht haben? Die Gefahr der zu hohen Erwartungen in der Mitte ist gross, vor allem, wenn nicht das richtige Tempo und die angemessenen Reformen begleitend mitwirken.

Für die Mitte in den reichen westlichen Ländern ist die Situation anders: Haben dort vor allem die jungen Menschen noch genügend Spielraum, sich zu entfalten? Wir wissen inzwischen, dass die Ungleichheit auch zwischen den Generationen zunimmt: Wer in westlichen Ländern in den Siebzigern oder Achtzigern geboren wurde, hat über sein Leben hinweg weniger gute Einkommensaussichten, als wer in den Fünfzigern oder Sechzigern geboren wurde. Vor allem die Pensionskassensituation wiegt immer schwerer. Demografie ist Schicksal – und wird uns mehr denn je beschäftigen. Wir lernen auch: Immigration kann zum Teil lindern, aber mehr nicht. Entweder man ist ein kompromissloser Immigrationsstaat wie die USA oder ein Sozialstaat, wie er aus den westlichen Nationalstaaten herausgewachsen ist. Deren relative Homogenität ist nicht beliebig strapazierbar, will man die Zahl der – wenn auch häufig nur gefühlten – Verlierer nicht explodieren lassen.

Können wir uns eine Welt vorstellen, in der nicht immer grössere Blöcke dominieren, sondern kleinere Einheiten?

Globalisierung ist mehr «self-fulfilling prophecy» als Realität. Pankaj Ghemawat hat sehr schön aufgezeigt, dass wir noch weitgehend in einer traditionellen Welt leben, aber die Medien, die Analysten, die Politiker uns weismachen wollen, wir lebten globalisiert. Doch wem würde eine voll globalisierte Welt tatsächlich nützen? Das ist alles andere als klar.

Den oberflächlichen Hochrechnungen folgen nun die nüchternen Tatsachen. Wir dachten, nur immer grössere Einheiten könnten in der globalen Welt bestehen. Es braucht etwa die privilegierte Situation des US-Dollars, der gegen den Aufstieg Chinas ein Gegengewicht für die freie Welt darstellt. Und die Europäer brauchen auch die EU und den Euro, weil ja schliesslich Frau Merkel vom chinesischen Präsidenten nur ernst genommen wird, wenn sie mindestens 500 Millionen Europäer repräsentiert und nicht nur 80 Millionen Deutsche. Diese Vorstellungen verdanken sich einem typischen Volumendenken. Es braucht Masse, nicht Klasse. Wachstum, letztendlich egal wie. Nationen und Menschen sind statistische Aggregate, über die man politisch und wirtschaftlich verfügen kann.

Doch ist das richtig? Die Menschen machen nicht mehr mit. Die Katalanen wollen es lieber allein machen. In etwa die Bevölkerung der Schweiz. Die Schotten stimmen über ihre Unabhängigkeit ab. Die Texaner wollen einen eigenen Staat. Silicon Valley ebenfalls. Die Bayern bezahlen zu viele Transferbeiträge – zumindest für einige Eliten ein Hinweis, dass man es auch allein machen könnte. Die Bretagne bleibt ein Spezialfall in Frankreich. Die Liste lässt sich beliebig verlängern. Das Unbehagen gegenüber Politik und Wirtschaft ist heute vorwiegend ein Unbehagen gegenüber der Gleichgültigkeit von abstrakten Systemen, die sich nicht mehr um Menschen und ihre Bedürfnisse kümmern wollen.

Können wir uns eine Welt vorstellen, in der die Städte dominieren und nicht mehr das Land – und auch nicht die Nation?


Fakt ist wohl: Immer mehr Menschen zieht es in die Städte. Überfüllte Städte sind normal, Megacitys dominieren die Wirtschaft. Die einen kommen, weil es cool ist, das Angebot und der Lifestyle abwechslungsreich, andere suchen pragmatisch einfach einen Job, weil das Land ihnen keine Einkommensmöglichkeiten mehr bietet. Wenn aber bald zwei Drittel oder gar drei Viertel der Menschheit in grossen Städten wohnen, stellt sich politisch die Frage, was Regierungschefs und Premierminister noch sollen beziehungsweise noch können   – sind nicht die Bürgermeister der grossen Städte längst die wichtigsten Moderatoren und Impulsgeber für Wirtschaft und Gesellschaft geworden? Für Finanzmanager ist England uninteressant, was einzig zählt, ist die City, also London. Nimmt man London aus England heraus, nimmt man fast ein Drittel des BIP weg. Analoges gilt für Paris. Singapur gilt vielen Eliten als Vorbild. Hongkong ist ein interessanter Spezialfall, ein Experiment.

Stadtstaaten sind flexibler, mobiler als Nationen. Städte setzen die Trends, Städte definieren Gewinner und Verlierer   – siehe Detroit. Doch ist das die Zukunft? Das Land überlebt als Erholungszone, als Investitionspark für coole Liegenschaften, als starke touristische Marke, wie Aspen oder St. Moritz oder Courchevel. Ländliche Menschen sind verwurzelt, konservativ, überlebensfähiger als die nervösen und hektischen Städter. Wie lange werden die Städte noch bereit sein, ländliche Gegenden mit Glasfasernetzen und Spitälern zu unterstützen? Oder, umgekehrt gefragt: Welche Städte werden in Zukunft noch regierbar sein? Und welche werden herrschen können? Kairo? Mumbai? Beijing?

Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe von «GDI Impuls».