Die Care-Disruption-Map

Die Disruption-Map der Pflegebranche stellt sowohl absehbare als auch weit entfernte Neuentwicklungen für die Pflegebranchen in der Schweiz dar. Sie hilft, Innovationen in der Branche besser zu verstehen und Umbruchprozesse einzuordnen.

Dies ist ein Auszug aus der GDI-Studie «Take Care». Die vollständige Studie steht zum Gratis-Download bereit.

Sogar im relativ technologiefernen Care-Sektor kann es zu einem disruptiven Wechselspiel kommen. Auf dem Weg von der anbieterorientierten Betreuung hin zur nachfragezentrierten Betreuung werden Disruptionen eine entscheidende Rolle spielen.

Eine Möglichkeit, um Disruptionen abzubilden, bietet der am Gottlieb Duttweiler Institut entwickelte Ansatz der Disruption Map. Er ordnet neue Entwicklungen und Technologien auf zwei siebenstufigen Skalen ein: für den Entwicklungsstand der Technologie sowie für die Entwicklung des Bewusstseins hinsichtlich der jeweiligen Neuerung. Die Modellvorstellung der stufenweisen Anpassung von Mensch und Gesellschaft an neue Technologien wurde von der «Technologie-Pyramide» des niederländischen Zukunftsforschers Koert van Mensvoort inspiriert. Sie besteht aus sieben Stufen – von der vagen Vorstellung von etwas völlig Neuem bis zur kompletten Naturalisierung des längst Vertrauten.

Für die Disruption Map wurde dieses Konzept des Bewusstwerdungsprozesses durch Hinzufügen einer zweiten Dimension erweitert: um sieben Stufen des technologischen Fortschritts – von der Vision über die Entwicklung im Labor und Durchführung von Markttests bis zu Massenproduktion und Alltäglichkeit. In beiden Prozessen ist jeweils eine «Kampfzone» enthalten: «Mind Shift» und «Technology Shift» bezeichnen die Situation, in der sich entscheidet, ob eine Disruption den Durchbruch schafft.

 

2018VISIONNOCH IM IDEENSTADIUM, NICHT KONKRETISIERTPROTOTYPENTWICKLUNG IM LABORSTADIUMEINGESETZTBEGRENZTER EINSATZ, MACHBARKEITSTESTSTECH-SHIFTTECHNISCHER DURCHBRUCH, WEITERE EINSATZGEBIETEETABLIERTDIE TECHNOLOGIE WIRD TEIL UNSERES LEBENSVITALSCHWER VORSTELLBAR, DARAUF ZU VERZICHTENNATURALISIERTKAUM MEHR ALS TECHNOLOGIE ZU ERKENNENGEW‹NSCHTWIRD (ODER SOLLTE WERDEN) TEIL DES TƒGLICHEN LEBENSAKZEPTIERTMAN GEW÷HNT SICH DARAN, ES ZU VERWENDENMIND-SHIFTWANDEL VON BEWUSSTSEIN ODER VERHALTENKONTROVERS/NISCHEIN NISCHEN EINGESETZT, IM MAINSTREAM ABGELEHNTNICHT AKZEPTIERTIDEEN, DIE WEDER UMGESETZT WERDEN K÷NNEN NOCH SOLLENFREMDKLINGT WIE (ODER IST) SCIENCE-FICTIONNATURALISIERTGEH÷RT ZUR MENTALEN DNATECHNOLOGIEBEWUSSTSEINUNSTERBLICHKEITHOLOPHONIEINSTANT FEEDBACKTELEPATHIEDIGITAL-DOKTORDNA-TUNINGANFALLVORHERSAGESELBSTFAHRENDE ROLLST‹HLESTAATLICHE STERBEHILFECARE-ROBOTERVIRTUAL LIFECARE CURRENCYDIGITAL-BUTLERLAUFWUNDERKRAFTPAKETCPS (CARE POSITIONING SYSTEM)UBER CAREGEDƒCHTNISST‹TZE

 

Detailansicht der Care Disruption Map

Die Entwicklung in beiden Dimensionen ist meist gleichgerichtet: Je weiter fortgeschritten eine Technologie ist, desto höher sind die Chancen, dass sie breit akzeptiert wird. Mit der Care-Disruption-Map wird der Versuch unternommen, sowohl absehbare als auch weit entfernte Neuentwicklungen für die Pflegebranchen in der Schweiz darzustellen.

Als realisierbar gelten:

  • Hardware-Lösungen bei körperlichen Einschränkungen: Hilfsmittel wie zum Beispiel Care-Roboter oder Exoskelette könnten schon bald die Arbeit der Pflegenden erleichtern sowie die Mobilität der Gepflegten verbessern. Interessant ist hierbei die Differenz bei der Beurteilung des Einsatzes von Exoskeletten je nach Anwendungsbereich. Wenn es um ihren Einsatz zur Erleichterung der Arbeit für Pfleger geht (Disruption Kraftpaket) ist die Differenz zwischen den Werten für Realisierbarkeit und Akzeptanz deutlich grösser als bei ihrem Einsatz zur Erleichterung des Lebens für Pflegebedürftige (Disruption Laufwunder). Letzteres gilt den befragten Experten als technisch schwieriger zu realisieren, würde aber eher akzeptiert als Exoskelette bei Pflegern.
  • Software-Lösungen bei geistigen Einschränkungen: Erinnerungshilfen oder Ortungs-Software können mentale Erkrankungen wie Demenz zwar nicht heilen, aber deren Auswirkungen reduzieren. Die Betroffenen könnten zumindest eine Zeitlang ein normaleres Leben führen als bisher, für Pflegende und Angehörige könnte sich die psychische Belastung reduzieren.
  • Institutionelle Lösungen für das Verhältnis zwischen Pflegenden und Gepflegten: Die Einschätzungen der Experten zeigen für übergeordnete Plattformlösungen (wie ein Uber für den Care-Sektor) ein ähnliches Bild wie für lokal vernetzende Nachbarschaftshilfe, etwa bei einer Pflegewährung – es wird ein Potenzial gesehen, um Care-Nachfrage und Care-Angebot besser als bislang zusammenzubringen.

Auch für die weniger nah an der Realisierung eingeschätzten Disruptionen lassen sich teilweise besondere Empfehlungen ableiten:

  • Besonderer Forschungsbedarf besteht dort, wo potenzielle Disruptionen technisch noch nicht machbar sind, aber bereits auf gesellschaftliche Akzeptanz treffen.
  • Besonderer Kommunikationsbedarf besteht dort, wo potenzielle Disruptionen bereits realisierbar wären, aber in der Gesellschaft auf Unwissen, Unverständnis oder Ablehnung stossen.

Je grösser die Diskrepanz zwischen technischer Realisierbarkeit und gesellschaftlicher Akzeptanz ausfällt, desto höher ist der jeweilige Investitionsbedarf in Forschung beziehungsweise Kommunikation.

 

Eine ausführliche Beschreibung der Disruptionen findet sich in der GDI-Studie «Take Care». Hören Sie auch unseren Podcast über die Zukunft der Pflegebranche.