David Bosshart: «Wir leben in dysfunktionalen Systemen»

04.07.2019
Interview

«Die nächsten Jahre werden ein Kampf gegen die Zeit sein, für schnellere Innovationen und konsequentere Lösungen», sagt GDI-CEO David Bosshart hier im Interview. Am 26. August 2019 diskutiert er mit dem Schweizer Ökonomen Mathias Binswanger am GDI.

David Bosshart

GDI: 2011 veröffentlichten Sie Ihr Buch «The Age of Less». Was hat sich seither getan?

David Bosshart: Wir leben überall in dysfunktionalen Systemen – von der Gesundheit über den Konsum und die Ernährung bis zu den Finanzen. Wir optimieren weiterhin Optimiertes und lügen uns in die Zukunft hinein. Vergangene Erfolge machen träge, die Angst vor politischen und wirtschaftlichen Dummheiten nimmt ab. Die Experten widersprechen sich. Wir müssten, wie im Buch beschrieben, mehr mit weniger machen. Dazu braucht es entweder eine Änderung des menschlichen Verhaltens. Das ist aber super langsam. Oder wir nutzen die exponentiell wachsende Technologie zu unseren Gunsten, um schneller lernen zu können. Allerdings haben wir mit ihr bisher eher Nullsummenspiele veranstaltet. Oder wir warten auf Unfälle und reagieren. In diesem Falle brauchen wir wohl ein immer besseres Notfallmanagement. Das wäre gerade für Schweizer, die ein hohes Mass an Normalität brauchen, um gut zu funktionieren, ein hoher Anspruch. Wir werden uns dann immer schneller an ein «New Normal» gewöhnen müssen.

Sie schrieben damals: «Auf den Wegweisern, die ins Age of Less führen, steht nicht "Verzicht". Sondern "Vernunft", "Vernetzung" und "Verführung".» Glauben Sie angesichts der rasanten ökologischen und demographischen Veränderungen heute noch an eine Zukunft ohne Verzicht?

Wenn der Wille und die Lust am aktiven Gestalten fehlen, und wenn es zu genügen scheint, dass wir die Probleme anstatt zu lösen selbstgefällig nur noch verwalten, werden wir unweigerlich vermehrt in den Reagier-Modus rutschen. Das geht nie ohne Abstriche und ist etwa so angenehm, wie programmiert zu werden statt selbst zu programmieren. Aber wir werden uns an den schnellen Wandel des New Normal gewöhnen und uns anpassen. Dann erst kommen die Chancen der Kreativen und Klugen – und neue Hoffnung.

Wenn wir unser Konsumverhalten nicht ändern, drohen Umweltkatastrophen. Gleichzeitig mögen wir unser Steak, Fast Fashion und Übersee-Trips. Wie soll das aufgehen?

Fairerweise muss man zugeben, dass die Kausalitäten erst heute viel bewusster geworden sind. Wir verfügen über ein viel besser abgestütztes Wissen um unser Fehlverhalten. Die nächsten Jahre werden ein Kampf gegen die Zeit sein, für schnellere Innovationen und konsequentere Lösungen.

Eine Kernfrage für unsere Konferenz lautet: Geht's auch ohne Wachstum? Wie sehen Sie das?

Über diese Frage wird Mathias Binswanger referieren. Ich kann nur sagen: Sozial gäbe es keinen Zwang zum Wachstum. Trotzdem warten wir weiter ab, obwohl wir die unbequemen Folgen des Wachstums sehen.

David Bosshart und Mathias Binswanger diskutieren am 26. August 2019 im GDI. Jetzt Ticket sichern!