David Bosshart: «Wir fallen in Stammesdenken zurück»

Wir denken und leben vermehrt in rivalisierenden Stämmen. GDI-CEO David Bosshart erklärt im Interview, was die Ursachen und Folgen vom trennenden Gruppendenken sind. Am 22. Januar 2018 diskutierten wir am GDI mit prominenten Referenten über die neuen Tribes.

David Bosshart

Das GDI sagt, es gebe eine Rückkehr der Stämme. Was ist das überhaupt, ein Stamm?

Stämme unterscheiden grundsätzlich stark zwischen Zugehörigkeit und Fremdem: hier wir, da die Anderen. Entscheidend ist der emotionale Austausch unter einander und die gemeinsame Erfahrung, dadurch entsteht das Wir-Gefühl – so wie bei unseren Vorfahren, die für die Nahrungssuche zusammen auf Jagd gingen. Solch gruppenspezifisches Verhalten dominiert immer noch, wie verschiedene Analysen zeigen. Wir orientieren uns anscheinend auch in einer hyperkomplexen, unverständlichen und globalen Welt an Gleichgesinnten, an sogenannten Peers. Das gilt für Ungebildete genauso wie für Gebildete, für Reiche genauso wie für Arme: Trump versammelt die Stämme der Steuervermeider, Al Gore die Stämme der Klimaretter, und bei den radikalen Islamisten können wir die Spaltung in Stämme wohl am plastischsten studieren.

Wie hat sich das Wesen des Stammes über die Zeit verändert?
Stammesmenschen waren wir vermutlich immer, waren es uns aber nicht mehr bewusst. In vormodernen Stämmen basierte die Ordnung auf Tradition, was Stabilität erzeugte. Moderne Tribes hingegen werden vor allem durch Gefühle getrieben, sind kaum strukturiert und geben im Alltag wenig Halt. Auch ist die Zugehörigkeit frei wählbar. Um moderne Stämme zusammenzuhalten, müssen die Emotionen daher ständig kochen – geteilte Emotionen verbinden, daran hat sich seit den Jägern und Sammlern nichts geändert. Neu hingegen ist die Technologie, die uns auf beinahe magische Weise erlaubt, ohne geographische Einschränkungen immer mehr Menschen zu erreichen und einen immer effizienteren Austausch zu pflegen. Allerdings mit dem scheinbar paradoxen Resultat, dass sich die Aufspaltung in Stämme noch verstärkt. Und so lautet die wichtigste Frage heute nicht mehr, was zu wem gehört, sondern wer zu was: Gleich sein schlägt gleichgestellt sein, und Ähnlichkeit besiegt Solidarität.

Wo manifestiert sich eine Rückkehr?
Wir können es sehr schön mit Social Media beobachten, denn die kommen dem Bedürfnis nach Stammeszugehörigkeit perfekt entgegen. Wichtig ist die geteilte Energie für eine bestimmte Meinung oder Handlung. Social Media erhebt den eigenen Stamm und grenzt ab. Vergessen wir nicht: Die führenden Leute der westlichen Welt dachten bis vor Kurzem, ihre eigenen Werte seien der Massstab für alles: Globalisierung sei gut, der Markt frei, die Politik demokratisch, und die Gesellschaft individualistisch und hedonistisch. Wir lernen aber gerade, dass sich diese anti-tribale Einstellung des «Wir alle sind eins» gegenüber der uralten tribalen Einstellung «Wir gegen die Anderen» nicht durchgesetzt hat – zumindest nicht so, wie wir uns das im Westen vorstellten. Wer über viele Jahrzehnte dominiert hat, verliert leicht das Mass und den Realitätsbezug. Immerhin: Selbst Ökonomen sehen heute ein, dass Globalisierung ein normatives Konzept ist, das sich aus Werten ableitet, und kein wissenschaftliches Konstrukt.

Was sind die Ursachen für die Rückkehr der Stämme?
Vielleicht kann man das am besten mit dem streitbaren Ethnologen Claude Lévi-Strauss beantworten: Kulturen entwickeln sich nur, wenn sie einen Austausch mit anderen Kulturen pflegen. Aber Achtung, zu viel Austausch, der zu schnell, zu unvermittelt und zu massiv verläuft, ebnet die Vorteile gleich wieder ein. Dann findet kein Lernprozess mehr statt. Zum Beispiel funktionierte der Austausch zu Beginn des Welthandels noch: Wir kamen in Kontakt mit neuen Gütern, die uns Kulturen näherbrachten und Interesse weckten. Das geschah langsam, und die Menschen konnten lernen, sich an Neues anzupassen. Heute mit dem Internet und Social Media hingegen passiert alles unvermittelt, distanzlos, und es gibt keine Zeit mehr, etwas vernünftig verarbeiten zu können. Statt dass Kulturen in ihrer Entwicklung zu wachsender Entropie neigen würden, ein gewisses Mass an fremden Elementen assimilierten und so sich selbst stärker machten, findet heute nach Lévi-Strauss kaum mehr eine Erneuerung nach innen statt. Nehmen wir beispielhaft China und die USA: Kein ranghoher Chinese ist mit einer Ausländerin verheiratet oder hat enge Beziehungen zu westlichen Personen. Rekrutierungen erfolgen strikte intern, es steigen keine Leute mit nichtchinesischer Biographie auf. In den USA wiederum sehen wir: Diversity ist im Ansatz eine gute Idee, aber wenn wir uns konsequent nur noch durch immer kleinere und exotischere Unterschiede definieren, fördert sie die Abschottung und die Feindbilder und zerstört das soziale Gewebe des Landes. Und dann sind wir wieder bei den Stämmen.

Welche Folgen hat der Neo-Tribalism?
Stämme haben sich wenig zu sagen, sie leben in ihren eigenen Welten. Sie begegnen sich ignorant oder konfrontativ. Das ist gefährlich, denn dadurch werden Kulturen pathologisch. Es dominieren dann statt Argumenten eine hohe Ritualisierung des Verhaltens, eine Emotionalisierung des Austauschs und reflexartige Befindlichkeitspflege. Wir müssen andere Stämme besser verstehen lernen.



Um Stämme besser zu verstehen, müssen wir ihre Ideen und ihren Einfluss kennen. An der GDI-Konferenz «Die Rückkehr der Stämme» vom 22. Januar 2018 diskutierten Philosophen, ein Politologe und ein Soziologe die populärsten Stämme.