David Bosshart über die wachsende Polarisierung

Die politische Polarisierung und das Risiko für Konflikte nehmen weltweit zu. Dennoch macht sich der GDI-CEO keine Sorgen um die Schweiz, wie er im Interview mit dem «Migros-Magazin» verdeutlichte.

Dies ist ein Auszug aus einem Interview mit dem Migros-Magazin. Lesen Sie das komplette Interview hier.

David Bosshart, die westliche Welt hat sich polarisiert in Abschotter und Weltoffene, was zu viel knappen Wahlergebnissen führt. Jeweils eine Seite fühlt sich betrogen und sieht den Weltuntergang nahen. Wird sich das wieder beruhigen?
Ausdrücke wie «Abschotter» und «Weltoffene» zeigen nur unsere Überforderung – es sind Versuche, eine neue Welt mit alten und noch dazu polemischen Begriffen zu beschreiben. Sie befriedigen kurzfristige emotionale Bedürfnisse, erklären aber nichts. Vielmehr werden Feindbilder zelebriert. Klar ist: Wir stecken derzeit mitten in einem starken gesellschaftlichen und kulturellen Umbruch, und noch zeichnet sich nicht ab, wohin er führen wird.

Wie würden Sie denn die Polarisierten beschreiben?
Die sogenannten Abschotter sind eher lokal verwurzelt, wollen ihre konkreten Probleme lösen und stehen den globalen skeptisch bis ablehnend gegenüber. Die sogenannten Weltoffenen glauben eher an Modelle, an abstrakte Ideen, die nicht an bestimmte Orte gebunden sind. Durch die Polarisierung wächst das gegenseitige Unverständnis.

Wie kam es dazu?
Drei Ereignisse der letzten Jahre sind noch nicht verdaut: 9/11 – Terror im Namen von Religion ist heute eine fast alltägliche Realität. Chinas Eintritt in die Welthandelsorganisation 2002 hat sich stark auf die Wirtschaft der westlichen Welt und das Selbstbewusstsein der Nationen ausgewirkt. Und die Finanzmarktkrise von 2007/2008 hat gezeigt, dass wir nicht in der Lage sind, komplexe Risiken in den Griff zu bekommen. Hinzu kommt die Digitalisierung, die die Arbeitswelt in naher Zukunft stark verändern wird. Dieser Cocktail führt zu einer grossen Verunsicherung und der beobachteten Polarisierung. Befeuert wird das von Politik und Medien, die beide ein Interesse daran haben, den Konflikt zu schüren. Aber in der Schweiz ist die Lage noch vergleichsweise komfortabel. In Frankreich, Grossbritannien oder den USA ist der Konflikt schärfer.

Liegt das daran, dass die politische Mitte hierzulande noch relativ intakt ist?
Genau, hinzu kommt unsere Kleinheit und Überschaubarkeit. Aber Verletzlichkeit und Gleichgültigkeit nehmen auch bei uns zu. Wegschauen ist kurzfristig immer billiger. Zudem bieten politische Parteien heute keine Orientierung mehr. In den 1980er-Jahren war man noch stolz, zum Freisinn zu gehören, heute ist die Identifikation viel weniger eng: Man wählt mal diese, mal jene Partei. Auch die Orientierung durch das Christentum ist kraftlos geworden. Ideologische und fundamentalistische Minderheiten erfahren in Europa wenig Widerstand.

Die Polarisierung führt dazu, dass das Vertrauen in Fakten zunehmend verloren geht. Jeder bewegt sich in einer Informationsblase, die seinem Weltbild entspricht, alles andere ist «Fake News».
Das wird masslos überbewertet. Politiker haben immer gelogen, wenn sie das Volk überzeugen wollten, auch wenn es häufig diplomatisch zurechtgebogene Lügen waren. Die Medien haben immer übertrieben, um Aufmerksamkeit zu generieren und Auflage zu steigern. Heute muss man aufgrund der Transparenz davon ausgehen, dass die Lügen aufgedeckt werden. In einigen Jahren ist dieses Thema überwunden.

Aber das Misstrauen gegenüber Staat, Institutionen und der «Elite» ist doch riesig.
Weil die Ansprüche bei uns im Westen hoch sind und wir dank der zunehmenden Transparenz vergleichen können – mit dem Nachbarn, den CEOs von Firmen, mit Politikern, die Dinge versprechen, die sie nicht einhalten. Man fühlt sich unfair behandelt. Hinzu kommt, dass bis vor Kurzem sichere Gewissheiten wie eine Arbeitsstelle auf Lebenszeit und eine Rente, die ein Altern in Würde erlaubt, plötzlich bedroht scheinen. Das erschüttert das Vertrauen in Institutionen.

Was heisst das für unsere Gesellschaft?

Noch sind die politischen Systeme im Westen relativ robust. Aber das Risiko steigt, dass es Phasen geben könnte, die unangenehm werden. Für die Schweiz bin ich jedoch auch in diesem Punkt zuversichtlich. Wir haben kurze Entscheidungswege, grosse Mitbestimmungsrechte, sind nicht zentralistisch, zudem wirtschaftlich divers und nicht so stromlinienförmig wie andere Länder, die Integration von Migranten funktioniert besser als bei unseren Nachbarn. Aus all diesen Gründen ist das Grundvertrauen in die Institutionen noch intakt. Mein Kollege Parag Khanna, der Ende Mai im GDI referieren wird, schreibt sogar, die Schweiz und Singapur seien die Modelle für die künftig Welt. Beide sind klein, gut organisiert, wirtschaftlich erfolgreich, lösungsorientiert – wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise.

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