David Bosshart im Interview: «Uns läuft die Zeit davon»

Europa wird sich warm anziehen müssen, um im Kampf um die Weltmärkte mithalten zu können. Im Interview mit dem österreichischen Handelsmagazin «Cash» spricht David Bosshart, CEO des Gottlieb Duttweiler Instituts, über das Beharren auf Traditionen, über fehlendes erotisches Kapital sowie über den notorischen Kopierwahn der Lebensmittelketten.

David Bosshart

Cash: Herr Bosshart, was sind die Assets der chinesischen und amerikanischen Märkte gegenüber den europäischen?

David Bosshart: Erstens die Skalierungsmöglichkeiten und die grossen Heimmärkte. Zweitens hat China im Handel kaum Legacy-Probleme und kann sozusagen aus dem Nichts aufbauen. Und drittens die kulturellen Unterschiede. Auch ein wichtiger Faktor: Die Chinesen haben gelernt, dass der Staat pragmatisch und verlässlich die Leitplanken der kommenden Jahre setzt und auch umsetzt. Das schafft Sicherheit und gibt mehr Vertrauen, als wenn die Politik nur auf Umfragen schielt und mit schönen Worten zum nächsten Wahltermin stolpert. Der Aufwand bei uns, die Menschen vom Wandel zu überzeugen, wenn sie doch eigentlich das bewahren wollen, was ihnen lieb und teuer ist, ist ungleich grösser. Uns läuft die Zeit davon.

Die alten europäischen Führungsstrukturen aufzubrechen, wird nicht einfach sein. Was raten Sie den Unternehmen?

Wir könnten auf Architektur setzen, noch mehr romantische Ernährung, tolle Läden und inspirierende Kulturinstitutionen aufbauen und uns als Museum für künftige Touristen aus China, Indien und dem arabischen Raum positionieren. Das bietet aber eine viel zu bescheidene Wertschöpfung. Wenn wir ambitioniert sind, müssen wir wissenschaftlich-technisch ganz oben mitmischen. Das wäre mit dem Kapital und den Talenten in Europa sehr gut möglich. Ich vermute, dass bei uns der Druck zu gering ist, um grosse Ambitioniertheit wecken zu können, wie das ansatzweise bei Airbus einst der Fall war. Man ist lieber talentierter Bohemien, bastelt an eigenen Lebensstilen, geniesst Teilzeit, philosophiert über Grenzen des Wachstums und verabschiedet sich rechtzeitig in Pension. Wir bräuchten eigentlich den Airbus des Handels.

Woran liegt es, dass sowohl Talente als auch Gelder in Europa falsch bzw. nicht im richtigen Masse in Richtung Zukunft getrimmt werden?

Der Hauptgrund liegt wohl darin, dass sich trotz EU jede Regierung logischerweise zuerst ihren eigenen Wählern im Lande verpflichtet fühlt. Macron und Merkel sind nur die prominentesten, kraft ihres wirtschaftlichen Gewichts letztendlich aber entscheidende Beispiele dafür. Es müsste doch machbar sein, 100 Milliarden Euro in die Hand zu nehmen und ein europäisches Google aufzubauen, wenn man schon nicht die Kraft hat, Google zu europäisieren.

Sie sprechen von zwei Urbeziehungen – die eine zwischen Mann und Frau und die andere zwischen Mensch und Maschine. Können Sie die Komplexität beider Urbeziehungen kurz erläutern?

Fast alles, was das Leben in unserer Zivilisation lebenswert macht, hat im Kern mit erotischen Spannungen und Verführung zu tun. Kreativität, Ansporn zu Leistung und Kunst. Ehrerbietung. Das führt uns zur Urbeziehung Mann-Frau zurück. Es mangelt an erotischem Kapital, das uns zur Leistung anstachelt. In der Beziehung von Mensch und Maschine wiederum haben wir dank künstlicher Intelligenz immer mehr Möglichkeiten, Arbeitsschritte, Prozesse und mühsame Arbeiten zu automatisieren. Das geht aber nur, wenn wir die menschliche Intelligenz und die künstliche Intelligenz kontinuierlich weiterentwickeln und wir voneinander lernen.

Die qualitative Annäherung der an sich konkurrierenden Händler ist offensichtlich. Was haben diese für Chancen, um sich hinkünftig wieder mehr zu differenzieren?

Ich glaube nicht, dass das noch gelingen wird – imitieren, kopieren, konformieren ist die Losung im sich konsolidierenden Umfeld. Viel wichtiger werden die neuen Kundenbedürfnisse – wir haben es in unserer jüngsten Studie «Das Ende des Konsums» unter anderem als «Entortung» des Konsums beschrieben: Schnelligkeit, Flexibilität und Präzision werden viel wichtiger, als dass ich mir zuerst noch überlege, ob ich nun bei Hofer, Spar, Rewe oder Lidl in den Laden gehe und einkaufe, oder gar welche Markenartikel ich will. Der POS ist überall, Convenience heisst rasche Verfügbarkeit, unabhängig vom Ort, wo ich bin. Predictive Personalization und smarte Logistik entkoppeln sowohl den Konsum wie auch die Produktion von bestimmten Standorten – warum sollte das bei der Distribution anders sein? Nur weil für den Händler der traditionelle Laden ein ökonomischer Eckpunkt ist, heisst das noch lange nicht, dass das so bleiben muss.

Zum ganzen Interview mit «Cash».

David Bosshart referiert an der 69. Internationalen Handelstagung am GDI vom 5. und 6. September 2019 über die neuesten Trends im Handel. Sichern Sie sich Ihr Ticket jetzt!