David Bosshart: «Entscheidend wird sein, was wir imitieren und ignorieren werden»

Wir erlebten gerade zugleich hohe Unsicherheit und permanenten Entscheidungsdruck im Alltag, schreibt GDI-CEO David Bosshart in einem Beitrag über Orientierung, Wissenschaft und Herdenverhalten in der Corona-Krise.

Mit Covid-19 haben wir nach dem Klimawandel und der Flüchtlingskrise wieder ein Thema, das unsere Aufmerksamkeit monopolisieren kann. Da Meinungsbekundung und Kommunikation noch nie so billig und leicht aktivierbar waren, ist die aktuelle Kakophonie kein Zufall, sondern völlig normal.

Viel wichtiger scheint mir: Wir erleben gerade zugleich hohe Unsicherheit und permanenten Entscheidungsdruck im Alltag. Menschliche Verhaltensmuster treten sehr plastisch hervor: Wir ignorieren und imitieren. Man imitiert das, was andere tun. In einer hypervernetzten Welt entsteht Herdenverhalten. Die Orientierung richtet sich an denjenigen aus, bei denen man vermutet, dass sie es besser können bzw. schon besser gemacht haben: Asiatische Länder wie Südkorea gelten einigen als Vorbild. Mutige wollen schwedische Verhältnisse. Experten spielen eine sekundäre Rolle: Wissenschaft ist immer viel langsamer als die politische Meinung und kann nur momentane Teilwahrheiten anbieten. Wissenschaft und Technologie geben uns zwar unglaublich Macht über viele Dinge, sagen uns aber nicht, wie und wozu wir diese Macht zu gebrauchen haben. Auch die besten zur Verfügung stehenden Modelle erfüllen zwar eine wichtige Funktion, haben aber immer nur einen probabilistischen Wert. Experten sind nicht zufällig häufig keine guten Praktiker. Immer mehr Wissen steigert gerade nicht die Sicherheit, sondern die Verletzlichkeit, weil mit jeder Antwort zehn neue Fragen auftauchen. Fehleranfälligkeiten häufen sich, im schlimmsten Falle bieten sie auch Raum für Verrücktheiten. Etliche Präsidenten von nicht unbedeutenden Ländern sind Beispiele dafür.

Entscheidend wird sein, was wir imitieren und ignorieren werden

Mindestens so entscheidend wie das Imitieren aber wird sein, was wir ignorieren werden in Zukunft. Die heutigen Risiken sind soziale Prozesse, und wir können gehirnphysiologisch genauso wie sozial nur überleben, indem wir fast alles, das auf unsere Sinne einprasselt, konsequent ignorieren und uns fokussieren auf das Wichtige, das unser Überleben zu sichern scheint. Aber was nehmen wir wahr und auch ernst, was können wir nicht ignorieren? Ziehen wir neue Rituale nun durch – etwa kein Händeschütteln oder Küssen beim Begrüssen? Steigen wir nur in eine U-Bahn ein, die Social Distancing umsetzt? Oder wo Maskenpflicht herrscht?

Social Distancing ist in der Krise zuerst einmal Mental Distancing

Entscheidend sind rasche und kontinuierliche Lernfähigkeit durch Wissensaustausch, klug abwägender Pragmatismus und Disziplin in der Umsetzung, solange wir andere Menschen gefährden könnten. Social Distancing ist in der Krise zuerst einmal Mental Distancing von kommunikativem Müll. Die Anzahl der Dinge, die man getrost nicht wahrnehmen muss, nimmt wunderbarerweise auch exponentiell zu. Wenn ich einige Tage keine Zeitungen lese, nicht Twitter folge, kein TV konsumiere, Social Media und Breaking News ganz abschalte, werde ich fast zwingend klüger, weil ich Distanz gewinne und im besten Falle aus dem Alltagstrott herauskomme: Was ist wirklich wichtig? Wieviel von dem, was ich bislang kopflos immer wieder gemacht habe, brauche ich wirklich, um gut leben zu können?

Gefährlich sind jetzt Fatalismus, Gleichgültigkeit und egoistisches Handeln. Wir müssen uns fragen: Wie können wir unseren Individualismus und unsere persönlichen Freiheiten bewahren, aber gleichzeitig den kollektivistischen Sinn stärken, den wir aus vielen asiatischen Kulturen kennen, die aus Respekt vor anderen z. B. vorsorgend Masken tragen?

Lockdown? GDI-ForscherInnen referieren auch online.

Die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Food-, Fashion- und Beautybranche – GDI-CEO David Bosshart referiert darüber in Ihrem Online-Event.