Das Wichtigste vom 16. Europäischen Trendtag des GDI!

Kommt die Moral heute vor dem Fressen? Und was bedeutet das? Wie beeinflusst die Informationsflut unser Konsumverhalten? Wie hängt das mit der wachsenden Zahl an globalen Protesten zusammen? Letzte Woche diskutierten zehn internationale ReferentInnen diese und weitere Fragen am GDI. Die wichtigsten Erkenntnisse im Überblick.

DB ETD 20

David Bosshart: «Die Politik ist konsumistischer geworden, und der Konsum politischer»

Die Loyalitäten zwischen Menschen und Firmen werden zunehmend instabil, lösen sich schneller. Die Erwartungshaltung ist in einer Zeit, in der man alles auf einen Klick haben kann, gestiegen. Die Emotionen dominieren die Märkte, nicht mehr die Vernunft. 2019 war das Jahr der Proteste. Die Arten des Protests sind lokal sehr unterschiedlich, aber sie nehmen global zu, verlaufen meist wellenartig. Die Motivation, warum protestiert wird, hat sich verändert: Es geht nicht mehr um bessere Arbeitsbedingungen, sondern um das Recht auf Konsum. Die Arbeiterdemokratie ist zur Konsumdemokratie geworden. Die neuen Protestbewegungen sind medial, digital und flexibel. Sie sind aber nicht in der Lage, Strategien umzusetzen. Es ist oft unklar, was genau erreicht werden soll, welche konkreten Ziele verfolgt werden. Schlussendlich müssen wir uns als Gesellschaft die Frage stellen, ob wir klugen Eskapismus brauchen oder ob wir nicht doch die realen Probleme lösen sollten. 

Jacquelien van Stekelenburg: «”The logic of collecting action” vs “The Logic of connective Action”»

Seit 2008, dem Beginn der Finanzkrise, nimmt die Zahl der Proteste weltweit zu. 2019 explodierte die globale Zahl der Proteste. Auf der einen Seite sind es Demokratisierungsbewegungen (z.B. Libanon, Hong Kong, Chile), auf der anderen Seite solche, die sich über ein Thema definieren (z.B. Klima-Proteste). Der Anstieg an Protesten ist wesentlich auf die Nutzung Sozialer Medien zurückzuführen. Über sie lässt sich die Anstiftung zum Protest effizient unter vielen Menschen verbreiten. Um über einen längeren Zeitraum zu bestehen und etwas bewegen zu können, braucht es aber auch soziale Institutionen wie Schulen, Universitäten oder andere Organisationen, wo sich die Menschen von Angesicht zu Angesicht treffen können, wo individuelle Beschwerden in gemeinsame Beschwerden übersetzt werden, wo eine kollektive Identität und Vertrauen aufgebaut werden können, wo die Loyalität zu einer Bewegung gefestigt werden kann. Denn auch wenn die Anzahl an Protestbewegungen angestiegen ist, ihre Wirksamkeit nimmt zunehmend ab. Es fehlt an Strukturen, etwa an Führungsfiguren, mit denen zum Beispiel die Politik einen Dialog aufnehmen könnte. Die sinkende politische Wirksamkeit und zunehmende Repression bedrohen den Grundgedanken des Protests: Die Durchsetzung des demokratischen Rechts.

Ludosky und Mason ETD20

Priscillia Ludosky im Gespräch mit Luke Robert Mason: «Joining around ideas, joining around values not around political parties»

Die Zusammensetzung der Gelbwestenbewegung ist sehr heterogen. Sie vereint Menschen mit ganz unterschiedlichen politischen Ansichten, die gemeinsame Werte, aber auch das Misstrauen gegenüber der Regierung zusammenhält. Die Gelbwestenbewegung unterscheiden sich von anderen Bewegungen in ihrer Beständigkeit. Die Bewegung ist flexibel, kann sich auch mit anderen Bewegungen zusammenschliessen. Alle haben das gemeinsame Ziel, weniger Diskriminierung und weniger gesellschaftliche Unterschiede. Die Bewegung gibt den Menschen die Möglichkeit, sich ausdrücken zu können. Sie kommen zusammen über Ideen und Werte, nicht über eine politische Partei. Die Gelbwestenbewegung hat kein klares Ziel, aber es werden vier Ansätze verfolgt: eine fundamentale Veränderung des politischen Systems, die Stärkung der öffentlichen Dienste, eine Steuersenkung, mehr Umweltschutz. Dazu will die Gelbwestenbewegung die notwendigen demokratischen Werkzeuge schaffen.

Adam Harvey: «Privacy is communication: it regulates what can be known, like camouflage»

Der Widerstand gegen eine permanente Überwachung, etwa im Internet oder durch Kameras, wächst, weil immer mehr Leute die Mechanismen, das System dahinter verstehen. Im Gegensatz zu heute war Datenschutz 2010 noch kein grosses Thema. Im Gegenteil: Wer ihn forderte, wurde in der Post-Snowden-Ära verdächtigt, etwas verstecken zu wollen. Datenschutz ist im 21. Jahrhundert das, was Tarnung im 20. Jahrhundert war. Auch Tarnung wurde zuerst nicht verstanden als strategisches Kriegsmittel. Erst mit der Entwicklung neuer Kriegswaffen und der Erkenntnis, dass es beispielsweise doch besser ist, sich vor Artilleriefeuer zu verstecken als hinein zu laufen, fand es eine breite Akzeptanz. Die Akzeptanz von Tarnung  zeigt den Fortschritt der menschlichen Intelligenz. Das gilt analog auch für den wachsenden Widerstand gegen Überwachung. 

Kaiser Kuo: «The "Narrative of innovation": We believed innovation is only possible in a free and democratic society. Not anymore»

Bis 2016 hat die USA die technologische Entwicklung Chinas massiv unterschätzt. Heute wird sie hingegen massiv überschätzt. Die beiden Staaten befinden sich in einem Kalten Krieg der Technologien. Eine Überreaktion der USA aufgrund von Ängsten vor einer chinesischen Übermacht könnte zu einem neuen McCarthyismus führen. China und der Westen befinden sich in unterschiedlichen Stadien, was ihre Haltung gegenüber der Technologie angeht: China ist in einer «Star Trek»-Phase, Technologie wird als etwas Gutes betrachtet. Die USA hingegen befinden sich in einer «Black Mirror»-Phase, sind gegenüber den technologischen Möglichkeiten zunehmend kritisch und ängstlich eingestellt. 

Helen Job ETD20

Helen Job: «Brands have a role to play and a moral obligation» 

In Zeiten der Unsicherheit vertrauen immer mehr Menschen Marken statt Staaten. Zunehmend ist es nicht mehr die Politik, die Veränderungen hervorrufen kann, sondern es sind Unternehmen, Marken. Mit der Macht kommen die Verantwortung und eine moralische Verpflichtung. Um erfolgreich zu bleiben, braucht es echtes Engagement, nicht einfach eine Marketing-Kampagne zur Imageverbesserung. Markenaktivismus ist hier das Stichwort. Das ist nicht einfach eine Absicht, sondern verlangt, ein Handeln zu erwirken. Markenaktivismus bedeutet, sich für ein übergeordnetes Ziel einzusetzen, das über den Gewinn hinausgeht – etwa gegen den Klimawandel. Idealerweise baut dieses Ziel auf dem Zweck einer Marke auf, also beispielsweise Mode zu produzieren. So könnte sich ein Hersteller dazu entscheiden, vermehrt auf eine faire Produktion von Stoffen zu setzen. Zu einer echten Verhaltensänderung braucht es solche umsetzbaren Massnahmen.  

Glenn Manoff: «Trustworthiness is the thing that builds brands today»

Vertrauen, bzw. Misstrauen ist heute das den Diskurs bestimmende Thema. In Zeiten von Fake News und Co. ist es für Unternehmen wichtiger denn je, das Vertrauen seiner KundInnen zu haben. Wenn das gelingt, gewinnt man deren Loyalität, sie empfehlen das Unternehmen weiter, und das wiederum steigert die Umsätze. Die goldene Regel lautet: Wer Vertrauen will, muss vertrauensvoll handeln. Das gelingt dann, wenn ein Unternehmen Kompetenz, Zuverlässigkeit, Integrität und Wohlwollen ausstrahlt. Unperfekt ist das neue perfekt: Menschen schätzen es mehr, wenn Marken authentisch sind statt makellos. Die Mehrheit würde eher ein Produkt mit vielen durchschnittlichen Bewertungen kaufen, als eines mit wenigen, dafür ausgezeichneten. Zukünftig werden Verbraucher sich ebenso darum kümmern, wie ihre Meinung geteilt wird, wie wenn es um ihre Daten geht. 

Isaac Thomas: «Veganism is not a trend. It’s the fastest growing lifestyle in the world»

Die Anzahl Menschen, die sich vegan ernährt, wächst schnell. Doch die Infrastruktur hinkt hinterher. Man braucht mehr Möglichkeiten, sich mit anderen vegan lebenden Menschen zu verbinden. Vegan Nation bildet die technologische Infrastruktur, um die globale vegane Community in einer globalen Nation zu vereinen. Als Staat braucht man eine starke Wirtschaft. Diese  durch den Vegan Coin gestützt, eine digitale, Blockchain-basierte Währung. Mit jeder Transaktion mit Vegan Coin werden Aktivitäten unterstützt, die die Community zusammenbringen. Der Impact einer Transaktion geht also weit über den Geldwert an sich hinaus. 

Rushkoff ETD20

Bas van Abel: «In a world that does not care, caring is the most radical thing you can do»

Die Beziehung zwischen Mensch und Smartphone ist sehr eng. Doch woher ein solches Gerät kommt, wie es hergestellt wurde, ist meistens unklar. Es ist kein Thema im Produktmarketing. In einem Smartphone sind über tausend Teile verbaut und über 80 unterschiedliche Mineralien. Um ein faires Smartphone zu ermöglichen, muss man den ganzen Produktionsprozess neu denken. Von der fairen Mine in Afrika bis zur Produktion in China unter fairen Arbeitsbedingungen. Der Impact, den ein fair produziertes Smartphone hat, geht über den Herstellungsprozess hinaus. Es ist ein Statement. Es zeigt, dass es einen Markt gibt für fair produzierte Smartphones. Eine Produktion könnte sich auch für andere Anbieter lohnen. 

Douglas Rushkoff: «Being human is a team sport – that’s what technology and capitalism both want to undo»

Die Wissenschaft hat den Stellenwert einer Religion eingenommen. Sie ist als Begriff eng verknüpft mit Kontrolle. Francis Bacon, einer der ersten empirischen Wissenschaftler, prägte dieses Verständnis mit dem Bild einer Natur, die durch die Wissenschaft bezwungen und unserem Willen untergeordet werden kann. Dieses Verständnis hat sich festgesetzt, sodass alles, was den Anspruch erhebt, real zu sein, quantifizierbar sein muss. Wenn es nicht quantifizierbar ist, existiert es nicht. Im digitalen Zeitalter bedeutet das auch eine Reduktion der Möglichkeiten, eine Quantisierung: Entweder 1 oder 0. Dazwischen gibt es nichts. Technologie ist dadurch nie neutral. Die Menschen passen sich der Quantifizierung und der Quantisierung an, versuchen, Maschinen zu imitieren. Sie passen sich der Technologie an. Und das ist durchaus auch Intention, denn wenn Menschen immer besser von Algorithmen gelesen werden können, ist ihr Handeln besser prognostizierbar und beeinflussbar. So kann gezielt auf sie eingewirkt werden, etwa durch Werbung. Technologie sollte wieder zu einem Werkzeug, nicht zu einem Feind der Menschen werden. Etwa indem sie Menschen dabei hilft, zusammenzuarbeiten und so weiter zu kommen.