Das Grundeinkommen, eine Initiative gegen die Faulheit

05.02.2015

Mit seiner Volksinitiative zum bedingungslosen Grundeinkommen will Daniel Häni die Schweiz verändern, den Kapitalismus besiegen und die Welt verbessern. Mit einer Mehrheit bei der Abstimmung, vermutlich im Jahr 2016, rechnet er nicht. Mit einer Revolution schon.

Dies ist die gekürzte Version eines Interviews aus der aktuellen Ausgabe von «GDI Impuls». 

Interview: Detlef Gürtler


Herr Häni, wie viel Sisyphos steckt eigentlich in Ihnen?
Gar keiner. Es gibt kein Ziel ohne Weg.

Sie haben so gar kein bisschen das Gefühl der unabwendbaren Vergeblichkeit? Auch wenn es noch etwa anderthalb Jahre bis zur Abstimmung über das bedingungslose Grundeinkommen dauern dürfte, steht doch heute schon so gut wie fest, dass Sie keine Mehrheit für diese Initiative bekommen werden.

Es wäre in der Tat blauäugig, an eine sofortige Mehrheit zu glauben. Wenn wir heute abstimmen würden, wären es 20 bis 25 Prozent Ja-Stimmen, und es wäre ein Erfolg, wenn es gelingt, bis zur Abstimmung noch zehn Prozent zuzulegen. Auf alle Fälle ist die Abstimmung ein Meilenstein.

«Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen», schrieb Albert Camus, denn «der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen» – obwohl der Kampf selbst niemals gewonnen werden kann. Auch Sie wissen ja, dass Sie den Kampf um das Grundeinkommen bis zur Abstimmung nicht gewinnen werden – und scheinen trotzdem ganz glücklich damit.
Es ist kein Kampf, sondern echtes Interesse. Und fixieren Sie sich nicht auf die 50 Prozent. Es geht nicht um eine endgültige «Entscheidung», sondern um eine «Abstimmung». Wenn 2016 mehr als jeder Vierte mit Ja stimmt, prognostiziere ich, dass der Vorschlag spätestens in den Dreissigerjahren in der Schweiz Wirklichkeit wird. Wenn eine genügend grosse Anzahl Menschen die Idee der Selbstbestimmung hat, bekommen Sie das nicht mehr aus der Gesellschaft.

Woher nehmen Sie diese Zuversicht?

Aus der Geschichte. Nehmen Sie die Armee-Abstimmung von 1989: 36 Prozent sagten damals Ja zur Abschaffung der Armee. Damit hat sich das Verhältnis der Armee zur Bevölkerung wesentlich verändert. Bis in die Achtzigerjahre galt: Wer in der Schweiz Karriere machen will, muss zur Armee. Heute gilt: Wer in der Armee Karriere gemacht hat, hat ein Autoritätsproblem.

Auch bis zu 36 Prozent ist der Weg noch sehr weit.

Der Ja-Stimmen-Anteil wächst.

Woran merken Sie das? Meinungsumfragen geben Sie ja nicht in Auftrag.

Auch daran, wie sich die Gegner äussern. Überhaupt sind die Gegenargumente sehr interessant. Ich plane mit einem Journalisten ein Buch, in dem wir diese Position einnehmen: «Warum wir noch kein bedingungsloses Grundeinkommen haben» – um zu zeigen, wo wir noch auf dem Schlauch stehen.

Haben Sie denn auch so etwas wie ein Lieblingsgegenargument?

Das habe ich tatsächlich. Es stammt von «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel: Das Grundeinkommen verstosse gegen die Menschenwürde.

Kühn.

Ja, man muss erst verstehen, wie Köppel denkt. Meine «Forschungen» sind so weit gediehen: Er meint wohl, dass ein Grundeinkommen hinderlich daran sei, uns auf Teufel komm raus im Leben durchzusetzen, so wie es die neoliberale Ideologie verlangt. Die Köppel’sche Menschenwürde besteht vermutlich darin, dass sich der Einzelne selbst versorgt und keinesfalls auf staatliche Verbindlichkeiten angewiesen ist.

Sich selbst versorgen können und unabhängig von staatlicher Versorgung zu sein, klingt aber nicht unattraktiv.

Ich halte das für einen Grundlagenirrtum: Erstens ist es faktisch falsch, weil wir längst nicht mehr in einer Selbstversorgergesellschaft leben, und zweitens ist es ineffizient, weil sich im Köppel-Weltbild immer nur einige durchsetzen   – also hat man Gewinner und Verlierer, und entsprechend grosse Schäden.

Und bei Ihnen gewinnen alle?

Ja, das ist die Richtung. Ich halte nichts vom Darwinismus. Ich glaube, das nervt auch viele. Wenn man ein Spiel spielt, und dann lässt einen der andere gewinnen – das ist doch ein Spielverderber!

Gibt es denn überhaupt ein Gegenargument, das Sie nicht belustigt, sondern überzeugt?

Eines halte ich für besonders bedenkenswert. Es kommt von dem ehemaligen eidgenössischen Preisüberwacher Rudolf Strahm, ein Linker übrigens. Er sieht seine Lebensaufgabe darin, dafür zu sorgen, dass die Jugendlichen gut ins Studium und in den Beruf kommen. Wenn es jetzt ein bedingungsloses Grundeinkommen gäbe, wenn die Jugendlichen plötzlich nicht mehr müssen, sondern können, läuten bei Strahm die Alarmglocken. Er meint, sie würden dann gar nichts mehr machen – sein Lebenswerk fiele auseinander. Und in der Tat: Wenn ich mich in den Konsummeilen am Freitag oder Samstag umschaue, frage ich mich auch manchmal, warum ich Idiot noch ein Grundeinkommen vorschlage.

Im Grossen und Ganzen ist in der Gesellschaft das vorhanden, was benötigt wird. Also kann ein Grundeinkommen gar keinen Mangel beseitigen.

In der Schweiz stellt sich die Frage: Was fehlt, wenn alles da ist? Wir leben hier in materiellem Überfluss. Trotzdem wird am Laufmeter gejammert. Der Mangel ist wohl ein anderer. Meine Antwort ist: Die Menschen wollen mehr gefragt werden und mehr selber bestimmen können, was, wie und wofür sie arbeiten. Genau da setzt das bedingungslose Grundeinkommen an.

Aber wenn jeder alles hat, muss doch keiner den anderen fragen.

Es geht hier nicht nur ums Materielle. Das Grundeinkommen sorgt auch dafür, dass wir Nein sagen können. Die Freiheit besteht laut Rousseau nicht darin, dass ich machen kann, was ich will   – sondern darin, dass ich nicht machen muss, was ich nicht will.

Dennoch dürfte das Grundeinkommen doch dazu führen, dass der gesamtgesellschaftliche Gefragt-werden-Bedarf abnimmt – dass es also wesentlich weniger Situationen gibt, in denen sich der Einzelne gefragt fühlen kann. Werden die Menschen sich dann in erster Linie darum kümmern, etwas für die Gesellschaft zu tun – oder bemühen sie sich nicht doch vor allem darum, ihr eigenes Leben behaglich einzurichten?
Sich selber gut zu fühlen, ist die beste Voraussetzung, auch für andere Gutes zu tun. Wer nicht muss, der kann.

Wenn Menschen ihre freie Zeit eher in Ayurveda-Kurse für sich selbst investieren, als bedürftigen Mitmenschen zu helfen, ist das denn so ein erstrebenswerter Zustand?
Die Selbstliebe muss man zulassen. Selbsterkenntnis ist auch Welterkenntnis. Undemokratisch wäre, die Selbstbestimmung nur denen zuzusprechen, die vorher sagen, was sie dann tun. Wir wollen eben Freiheit, nicht Freizeit. Wir wollen Freiheit in der Arbeit, nicht Freizeit nach der Arbeit. Die Freiheit ist ein Risikogeschäft, und nicht wie ein Einkauf bei Zalando, wo man zurückschickt, was einem nicht gefällt. Freiheit ist kein Versandhaus.

Das klingt anstrengender, als man es sich gerne macht.
Freiheit ist anstrengend. Wieso glauben Sie, dass Menschen es sich gern bequem machen – gern faul sind? Faulheit ist nicht angeboren, sie entsteht im Lebenslauf, wenn man Dinge tun muss, in denen man keinen Sinn sieht. Sinn ist der grosse Motivator – wenn man keinen Sinn sieht, wird man lethargisch und faul. Das Grundeinkommen ist eine Initiative gegen die Faulheit.

Da schwebt Ihnen nicht nur eine neue Gesellschaft, sondern auch gleich ein neuer Mensch vor?
Im Industriezeitalter wurde der Mensch zum Kostenfaktor und musste sich so sehr an die Maschinenwelt anpassen, dass er selbst fast zur Maschine wurde. Und jetzt, im Kulturzeitalter, kann der Mensch nicht mehr ein Rädchen sein. Er muss lernen, dass er nicht in Abhängigkeitsstrukturen Dinge tut, die er eigentlich gar nicht machen will.