Das gemeinschaftliche Engagement der Individualisten

13.11.2019

Möglichst individuell sein – aber auch dazugehören: Was klingt, wie die Quadratur des Kreises, ist das, wonach wir heute streben. In einer Studie beschreiben GDI-Forscher, wie eine Kombination der gegensätzlichen Bedürfnisse möglich sein könnte.

Der nachfolgende Text basiert auf einem Kapitel der GDI-Studie «Die neuen Freiwilligen – Die Zukunft zivilgesellschaftlicher Partizipation», die kostenlos zum Download bereit steht. 

Individualität in der Gemeinschaft leben, sich zugehörig fühlen und trotzdem ganz sich selbst ausleben können. Das sind Ideale, die unsere Zeit prägen – und auf den ersten Blick unvereinbar scheinen. Doch sind sie es wirklich? Nicht unbedingt, schreiben GDI-ForscherInnen in der Studie «Die neuen Freiwilligen». In einer Matrix zeigen sie verschiedene mögliche Konstellationen von Zugehörigkeit und Individualität. Beispielsweise ist  das Zugehörigkeitsgefühl in Clan-ähnlichen Strukturen maximal ausgeprägt, die Individualität hingegen minimal . In einer rein nach marktwirtschaftlichen Maximen ausgerichteten Gesellschaft hingegen steht das Individuum im Vordergrund, jedoch fehlen Zugehörigkeit stiftende Aspekte.

gdi grafik individualität

Wie lassen sich Zugehörigkeit und Individualität nun zusammenbringen? Die ForscherInnen des GDI schlagen ein zeitlich beschränktes und dadurch wenig verbindliches zivilgesellschaftliches Engagement vor. Eine konkrete Idee wäre etwa eine Art Crowdfunding, bei dem Zeit statt Geld gespendet würde. Menschen könnten für ein Projekt eine bestimmte Anzahl Stunden anbieten, die sie einzusetzen bereit sind. Sobald genug Stunden zusammenkommen, startet das Projekt. «SpenderInnen» fühlen sich so als Teil einer Gruppe, die gemeinsam etwas erreicht. Wie viel jedeR beiträgt, ist ihr und ihm überlassen.

Um eine Zusammenarbeit optimal zu gestalten und so das gesetzte Ziel zu erreichen, brauche es allerdings klare Abmachungen und Regeln, so die ForscherInnen. Diese müssten gemeinsam definiert werden. Denn: IndividualistInnen brauchen das Gefühl, die Spielregeln mitgestalten zu können.

Zugegeben: Mit dem, was man bislang unter zivilgesellschaftlichem Engagement oder Freiwilligenarbeit verstand, mag das auf den ersten Blick wenig zu tun haben. Doch vielleicht sind genau solche partizipativen Formen des Engagements der Mittelweg, um in einer individualistischen Gesellschaft das Gefühl einer, wenn auch zeitlich begrenzten, Gemeinschaftlichkeit zu erhalten.