Das Ende «unseres» Wohlstandes

Was bedeutet Wohlstand in einer zunehmend entmaterialisierten Welt und wie lässt er sich angesichts des rasanten Wandels erhalten? Das GDI Gottlieb Duttweiler Institute stellte Strategien aus Sicht von Ökonomie, Philosophie und Trendforschung zur Diskussion.

Von Jacqueline Beck

So zufällig die Koinzidenz auch war, passender hätten die Schlagzeilen zum Jahresauftakt am GDI Gottlieb Duttweiler Institute nicht sein können: Just an dem Tag, an dem der Euro-Mindestzinskurs durch die Schweizerische Nationalbank aufgehoben wurde und eine Woche nach dem Terrorangriff auf die Redaktion von Charlie Hebdo stellten sich der Ökonom Mathias Binswanger, Medienphilosoph Norbert Bolz und Trendforscher David Bosshart der Frage nach der Zukunft unseres Wohlstands.

Dass der Lebensstandard und die Werte des Westens nicht in Stein gemeisselt sind, dessen war man sich schon vor der Zurückstufung der Wachstumsprognosen infolge des SNB-Entscheides und der wieder aufflammenden Diskussion um Mohammed-Karikaturen gewahr. Doch Erfolg macht bekanntlich blind, und wann drängen sich die grossen Fragen unerbittlicher auf als zu Beginn eines neuen Jahres: Wie solle es denn nun weitergehen? Satt – und doch nicht glücklich Die Welt wandelt sich im Zuge von Globalisierung und Digitalisierung dramatisch – und wir sind schlecht darauf vorbereitet, das stellte GDI-CEO David Bosshart schon 2011 in seinem Wegweiser The Age of Less fest. «Wir», damit ist in erster Linie die Generation X, also Jahrgang 1975 abwärts, gemeint, und sie macht denn auch die Mehrheit des Publikums aus, das sich an jenem Januar-Abend am GDI mit Reflexionsstoff versorgt.

«Unser Erfolg», schrieb Bosshart in seiner Studie, «wurde mit ‹alt, weiss, männlich, satt› erarbeitet.» Heute bekommen wir es mit «jung, asiatisch, weiblich, hungrig» zu tun. Und während sich in den Emerging Nations Asiens und Lateinamerikas eine wachsende Mittelschicht herausbildet, die hart an der Verbesserung ihrer Lebensgrundlagen arbeitet und sich mit Lifestyle-Produkten dafür belohnt, macht sich hierzulande die ernüchternde Erkenntnis breit, dass sich das subjektive Wohlbefinden mit noch mehr materiellem Wohlstand nicht weiter steigern lässt – sondern im Gegenteil: dass unsere innere Unzufriedenheit wächst.

Die Erfahrung der Enttäuschung, so sind sich die GDI-Referenten einig, ist in alle Wachstumsprozesse eingebaut. Mit dem Lebensstandard steigen die Ansprüche, und es wird immer schwieriger, sie zu erfüllen. Wachstum, so Mathias Binswanger von der Universität St. Gallen, sollte daher nicht mehr als absolutes Ziel gepredigt, sondern als Mittel zum Zweck eingesetzt werden: «So viel wie nötig, statt so viel wie möglich.» Spätestens seit der Publikation des Club of Rome 1972 über die Grenzen des Wachstums ist klar, dass die natürlichen Ressourcen sonst irgendwann zur Neige gehen.

MIT KREATIVITÄT IN EINE SPEKULATIVE ZUKUNFT

Unsere Erwartungen bedürfen also einer neuen Grundlage. Entsprechend wird Wohlstand für Trendforscher Bosshart künftig auf der Fähigkeit beruhen, Probleme zu lösen, statt sie zu verwalten oder zu verschieben. Wer heute lebt, muss sich auf ein ungewisses Morgen einstellen. Kreative Ideen und die Art und Weise, wie wir die uns zur Verfügung stehenden Technologien nutzen, werden über die Zukunft bestimmen. «Emotional und intellektuell sind wir Jäger und Sammler, doch wir haben gottesähnliche Geräte», so Bosshart in Anlehnung an den israelischen Wissenschaftshistoriker Yuval Harari («Selfmade Gods») und den Soziobiologen Edward O. Wilson («Star-Wars-Zivilisation»).

Angesichts der gegenwärtigen Weltlage ist man da nicht gerade optimistisch gestimmt, und Binswangers Blick auf die Geschichte des Kreditwesens gibt wenig Anlass zur Hoffnung: In seiner im März erscheinenden Publikation «Geld aus dem Nichts» will der Autor zeigen, «dass wir mit Geld immer noch so umgehen, als ob es sich um Goldmünzen handelte». In der Realität vergeben Banken aber Kredite, die nicht in reale Güter investiert, sondern grösstenteils auf dem Finanz- und Immobilienmarkt angelegt werden. Dort begründen sie spekulative Blasen, die irgendwann platzen. «Nach der Finanzkrise 2007/08 ist noch weitgehend offen, wie wir damit umgehen», sagt Binswanger.

... OHNE MORALISCHEN KOMPASS

Dass wir nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein philosophisches Problem haben, macht Norbert Bolz deutlich. Für ihn ist der Fundamentalismus, wie er sich jüngst in den Attacken auf Charlie Hebdo manifestierte, Ausdruck einer Sehnsucht nach absoluten Werten angesichts der Verunsicherung in einer globalisierten Welt. «Aufklärung und Technisierung haben den Menschen den sinngebenden Rahmen entzogen, in den sie ihre Existenz einbetten konnten», sagt Bolz.

Ob Migration, Kasino-Kapitalismus oder künstliches Leben: Big Data hilft uns bei der Beantwortung der komplexen (moralischen) Fragen, mit denen wir heutzutage konfrontiert sind, nicht weiter. Hinzu kommt, was Norbert Bolz unter dem Stichwort Kontingenz erfasst: Alles wäre prinzipiell auch anders möglich. Was sich in der Wissenschaftstheorie zwar bewährt, stösst im praktischen Leben an seine Grenzen: «Sie können wohl relativistisch denken, aber leben können sie so nicht», findet Bolz.

In der Frage nach dem richtigen Leben, die er in seiner neuesten Publikation zu beantworten versucht, schlägt Bolz die Rückbesinnung auf bewährte Werte der Bürgerlichkeit vor: Arbeit und Askese – und zwar beides im Namen der Leidenschaft. «Menschen, die richtig leben, wollen mehr als das gute Leben: Sie wollen sich selbst transzendieren mit ihren guten Ideen.» Bestes Beispiel sind für Bolz die Bourgeois Bohemiens (Bobos), wie sie «New York Times»-Kolumnist David Brooks 2000 als neue Elite des Informationszeitalters beschrieben hat. Die Bobos kommen in verwaschenen Jeans und T-Shirt daher, in der Hosentasche aber tragen sie ein neues Geschäftsmodell, das die Welt verändert.

TRUMPF DER KLEINEN STRUKTUREN

Nicht Besitz und schiere Grösse, sondern Schnelligkeit und Flexibilität sind die Parameter der Zukunft, das sagt auch David Bosshart. Grosses Potenzial attestiert der Trendforscher den wissens- und technologie-intensiven Branchen, vor allem auch Innovationen in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Mobilität. Gute Nachrichten für die Schweiz also, zumal sie aufgrund ihrer Kleinräumigkeit über einen gewichtigen Vorteil verfügt: «Wissen und Innovationskraft kommen am besten zu tragen, wenn die unterschiedlichen Teile der Wertschöpfungskette auch physisch nahe beieinanderliegen», sagt Bosshart.

Schlechte Nachrichten jedoch gibt es für die Überzahl jener Menschen, die keine höheren beruflichen Qualifikationen haben und zunehmend aus dem Arbeitsmarkt gedrängt werden, weil Roboter ihre Produktivkraft wegrationalisieren. Ob sie sich, wie von Norbert Bolz postuliert, im «Freizeitpark des guten Konsums» werden zufriedenstellen lassen, ist fraglich – und ob dies überhaupt wünschenswert wäre, sowieso. In einer Welt der globalen Abhängigkeiten wird sich die Zukunft unseres Wohlstands deshalb auch in der Frage klären, wie weit wir das «unser» fähig zu denken sein werden.