Breaking Smart: Auf dem Weg in die Massenblütezeit

Hacker arbeiten nach dem Trial-and-Error-Prinzip: gelingt etwas nicht im ersten Anlauf, versuchen sie es auf anderem Weg und gelangen so Schritt für Schritt vorwärts. Folgen wir diesem Prinzip, werden sich Wohlstand und Lebensqualität auf der ganzen Welt graduell und fortlaufend verbessern, schreibt der US-amerikanische Vordenker Venkatesh Rao im dritten Teil seiner Essay-Reihe.

In diesem Teil von «Breaking Smart» werde ich nicht versuchen, das «Was» und «Wann» der Zukunft vorherzusagen. Denn ein Kernelement des Hacker-Ethos besteht in der Überzeugung, dass es notwendig ist, Chancen gegenüber offen zu bleiben und Unwägbarkeiten als gegeben anzunehmen. Nur so können sich künftige Entwicklungen positiv entfalten. Oder wie es der Informatik-Pionier Alan Kay formulierte: «Es ist einfacher, die Zukunft zu erfinden als sie vorherzusagen.»

Genau das ist es, was Zehntausende von kleinen Teams auf der ganzen Welt gerade tun. Mit «klein» sind dabei Gruppen gemeint, die «von maximal zwei Pizzas satt werden können» – eine von Amazon-Gründer Jeff Bezos propagierte Daumenregel.

Nichts ist bekanntlich so ungewiss wie die Zukunft. Bei Vorhersagen läuft man aber nicht nur Gefahr, falsch zu liegen. Das grössere Risiko besteht darin, sich auf ein bestimmtes «Was» und «Wann» festzulegen, auf eine ganz bestimmte Version des Paradieses, das gesucht, bewahrt oder rückerobert werden soll. Dabei handelt es sich oft um einen gravierenden philosophischer Fehler, für den Menschen im bukolischen Modus besonders anfällig sind. Dieser Fehler besteht darin, der Zukunft Grenzen zu ziehen.

So wenig ich davon halte, sich allzu lange mit dem «Was» und «Wann» aufzuhalten, so sehr plädiere ich dafür, stattdessen die Frage nach dem «Wie» möglichst konkret zu beantworten. Ich glaube nämlich, dass dank einer positiven Dynamik, die allmählich an Einfluss gewinnt, fast alle konkreten Lösungen für die Herausforderungen und Chancen der kommenden Jahrzehnte aus dem Hacker-Ethos heraus entstehen werden. Auch wenn dieses heute noch allenfalls eine Nebenrolle spielt. Genau auf eine solche Nebenrolle wird der Glaube reduziert werden, dass man durch umfassende Planung die Zukunft vorherbestimmen kann. Diejenigen, die prometheisch und à la breaking smart denken, werden eine zunehmend grössere Rolle bei der Gestaltung der Zukunft spielen. Demgegenüber werden diejenigen, die eine bukolische Haltung einnehmen und an traditionellen Denkmustern festhalten, einen immer kleineren Einfluss haben – und selbst diesen behalten sie nur noch in der immer kleiner werdenden Zahl von Branchen, für die eine klassische Zukunftsplanung immer noch das geeignetere Modell ist.

Bei Hackern erfolgt die Problemlösung durch Versuch und Irrtum, durch schrittweise Verbesserungen, durch ein Testen und Anpassen (teils automatisiert, teils durch Menschen). Daraus können wir vier Charakteristika ableiten, die darauf hinweisen, wie sich die Zukunft entwickeln wird.

Erstens: Obwohl gegenwärtig oft bezweifelt wird, dass die USA ihre weltweite Führungsrolle langfristig werden behaupten können, bleiben sie doch die grösste Kultur, die das pragmatische Hacker-Ethos verkörpert. Nirgendwo sonst wird dies deutlicher als im Silicon Valley. Die Vereinigten Staaten allgemein und das Silicon Valley im Besonderen werden daher auch künftig weltweit beispielhaft für den prometheischen technologiegetriebenen Wandel stehen. Und da sich die technischen Möglichkeiten einer virtuellen Zusammenarbeit stetig verbessern, wird die Wirtschaftskultur des Silicon Valley zunehmend zur globalen Wirtschaftskultur.

Zweitens: Die Zukunft wird von sehr kleinen Menschengruppen mit sehr grosser Wirkung gemacht. Eine im Silicon Valley allgegenwärtige Erkenntnis lautet, dass der Kern der besten Software praktisch immer von Teams geschrieben wird, die aus weniger als einem Dutzend Leuten bestehen. Er wird eben nicht von grossen Entwicklungsteams geschrieben, die von einem Gremium geleitet werden. Anders ausgedrückt: Eine Zunahme des Wohlstands für alle wird eher durch kleine Zwei-Pizza-Teams erreicht als durch grosse Entwicklungsabteilungen. Skaleneffekte werden zunehmend durch locker beaufsichtigte Ökosysteme aus zusätzlichen Prozessteilnehmern erzielt. Der Wohlstand wird dabei auf eine Art und Weise generiert, die mit den traditionellen Instrumenten der Wirtschaftwissenschaften kaum zu bemessen ist. Heerscharen von Menschen, die als Konzern-Kids ins Berufsleben einsteigen und dort so lange als Konzern-Männer und -Frauen bleiben, bis sie als Konzern-Pensionäre aussteigen – das ist ein Auslaufmodell. Die Arbeitswelt wird wesentlich vielfältiger werden.

Drittens: In Zukunft werden sich Wohlstand und Lebensqualität auf der ganzen Welt graduell und fortlaufend verbessern – nicht plötzlich durch das Auftauchen einer utopischen Software-Welt (oder den Rücksturz in eine Dystopie). Dieser Prozess wird von Anpassungen, Neustarts und spielerischen Experimenten gekennzeichnet sein. Er ist fehlerbehaftet und unvollkommen. Aber im Grossen und Ganzen wird es sich um eine Aufwärtsentwicklung handeln – hin zu mehr Wohlstand für alle.

Viertens: Die Zukunft wird dadurch gekennzeichnet sein, dass die Kosten für Problemlösungen rapide sinken. Das gilt selbst für stark regulierte Bereiche der Wirtschaft wie das Gesundheits- und Hochschulwesen, die sich in der Vergangenheit als resistent gegen kostensparende Innovationen erwiesen haben. Bei Software-basierten Verbesserungen werden ungeeignete teure Verfahren meist durch besser geeignete preiswertere (nicht selten sogar kostenlose) Lösungen ersetzt. Dieser Substitutionsprozess wird sich weiter beschleunigen.

In der Gesamtschau vermitteln diese vier Charakteristika das Bild eines ungeordneten, schleichenden Fortschritts, den der Ökonom Bradford Delong als ein «Schlendern in Richtung Utopie» bezeichnet hat. Gemeint sind eine allmähliche Steigerung der Lebensqualität sowie eine allmähliche Reduzierung der Kosten für einen zunehmenden Teil der Weltbevölkerung.
Eine grössere Auswirkung ist unmittelbar offensichtlich: Die asymptotische Entwicklung schafft für Verbraucher ein Paradies. Als Verbraucher werden wir mehr für weniger bekommen – und zwar viel mehr für viel weniger. Die grösste Unbekannte ist zurzeit noch unsere Zukunft als Produzenten. Das führt uns zu einer Frage, die viele als die derzeit zentrale ansehen: Wie sieht die Zukunft der Arbeit aus?

Dies ist ein Ausschnitt aus dem dritten Teil der «Breaking Smart»-Reihe des US-amerikanischen Beraters und Bloggers Venkatesh Rao (ribbonfarm.com). Hier weiter lesen.