Bio darf sich nicht auf einer Insel der Seligen einnisten

16.10.2014

Wie geht es weiter mit Bio? Am Trendgespräch des GDI Gottlieb Duttweiler Institute diskutierten Experten die «Zukunft des guten Konsums» – und sahen sich dabei mit kritischen Fragen aus dem Publikum konfrontiert.

Bio-Süppchen vom Kürbis aus der Region, Olivenciabatta mit Rauchlachs von «DasPure», «Demeter»-Polenta mit Schweizer Rindsschmorbraten: Beim Anblick der Speisekarte anlässlich des Trendgesprächs «Das nächste Bio» im GDI Gottlieb Duttweiler Institute läuft einem das Wasser im Munde zusammen. «Es geht uns gut», sagt TV-Moderatorin Katja Stauber zur Begrüssung der rund 80 geladenen Experten aus Handel, Produktion und Gastronomie. Doch sie meint damit nicht nur die Aussicht auf ein vielversprechendes Apéro riche mit Weindegustation und malerischem Ausblick auf den Zürichsee.

Gut geht es uns auch, weil sich die Gesellschaft in unseren Breitengraden mit der Frage beschäftigen kann, was es bedeutet, ein «gutes Leben» zu führen – und zum Schluss kommt, dass dazu eben auch «gutes Essen» gehört. «Die hohe Lebensqualität in unseren Ländern eint Österreich und die Schweiz», betont der Österreichische Botschafter Jürgen Meindl in seinem Grusswort, «und Nahrungsmittel spielen im Bezug auf Lebensstandards eine wichtige Rolle». Gut geht es den Anwesenden nicht zuletzt deshalb: Sie bewegen sich geschäftlich in einem Marktumfeld, das im Wachstum begriffen ist.

EINE ERFOLGSGESCHICHTE MIT UNGEWISSEM AUSGANG

«Bio ist auf dem richtigen Weg», hält GDI-CEO David Bosshart fest. Er hat im Auftrag des Handelskonzerns REWE International und dessen Bio-Marke «Ja! Natürlich» die Studie zur Zukunft des guten Konsums erstellt, um die es an diesem Nachmittag geht. Schon die Namen der österreichischen Auftraggeber zeigen, dass Bio-Produkte längst den Weg vom Reformhaus in die Regale der grossen Supermärkte gefunden haben. Österreichs grösste Bio-Marke feiert dieses Jahr ihr 20-Jahre-Jubiläum, und rund 17% aller Landwirtschaftsbetriebe haben bereits auf Bio umgestellt – Weltspitze, wie Botschafter Meindl stolz verkündet. Doch auch den Schweizer Dachverband BioSuisse gibt es seit über 30 Jahren, und der hiesige Gesamtumsatz mit biologischen Produkten hat 2013 erstmals die Zwei-Milliarden-Grenze geknackt.

Bio ist also erwachsen geworden, «aber es braucht nächste, visionäre Schritte», wie David Bosshart anfügt. Weltweit gibt es eine aufstrebende Mittelschicht, die sich ein gutes Leben leisten kann und will. Sie sucht nach Produkten, die Mehrwerte bieten: Nachhaltigkeit, Saisonalität und Regionalität etwa, aber auch Geschmack, Gesundheit und Gemeinschaftlichkeit. Werte, die Bio nicht alleine für sich gepachtet hat – man denke nur an Veganismus oder die Slow Food-Bewegung.

VERSTAND VS. GEFÜHL

«Die Sensation, meine Damen und Herren, ist, dass ich überhaupt hier bin», witzelt Wilhelm Klinger, der als Vertreter der Österreich Wein Marketing GmbH auf dem Podium sitzt. Er meint es durchaus ernst: «Noch vor zehn Jahren hiess es: Bio-Wein – igitt!». Klinger bringt damit eine wesentliche Erkenntnis der Studie auf den Punkt: Bio galt zwar lange Zeit als richtig, aber nicht per se auch als gut. Verstand gegen Herz sozusagen, Moral gegen Genuss.

Dass es mit Blick auf die Zukunft gilt, diese Werte miteinander in Einklang zu bringen, leuchtet ein. Die wesentliche Herausforderung für Bio-Marken dürfte jedoch darin bestehen, die Gratwanderung zwischen zwei gegenläufigen Tendenzen zu meistern, die Bosshart an den Begriffen «Science» und «Romance» festmacht.

«Romance» meint die Sehnsucht nach Lokalität und Ursprünglichkeit in einer globalisierten Welt. Aus den USA überschwappende Trends wie Urban Farming oder das Jagen in der Grossstadt stehen exemplarisch für den Wunsch nach einer Rückkehr zur Selbstversorgung. «Science» steht demgegenüber für die Realität der boomenden Nachfrage nach «Convenience Food» - industriell hergestellten Fertigprodukten. Für den Konsumenten wird es immer schwieriger, die komplexen Wertschöpfungsketten seiner Nahrungsmittel zu durchblicken.

SELBSTVERSORGUNG VS. WELTERNÄHRUNG

Bei der Romantik ist Martina Hörmer, Geschäftsführerin von «Ja! Natürlich», noch ganz mit dem Trendforscher: «Wir verstehen uns als heimische Marke, die Bio regional und saisonal definiert». Schwierig wird es aber beim zweiten Punkt: «Gewinnen wird, wer in der Lage ist, innovative Technologien in der Bio-Produktion einzusetzen», prophezeit nämlich Bosshart. Und hier kommt Erich Windhab ins Spiel.

Windhab ist Lebensmittelingenieur an der ETH Zürich und sagt: «Bio darf sich nicht auf einer Insel der Seligen einnisten, sondern muss auf globaler Ebene für 9 Milliarden Menschen im Jahr 2050 denken.» Die zentrale Frage für den Wissenschaftler lautet deshalb: Wie kann man den Menschen einen Zuwachs an Lebensqualität ermöglichen und sich gleichzeitig der Nachhaltigkeit verpflichten? Er gibt die Antwort darauf gleich selbst: «Wir werden Kompromisse machen und akzeptieren müssen, dass Technologie genau dazu da ist, solche Spagate abzufedern.»

Nicht nur für Martina Hörmer von «Ja! Natürlich» ist spätestens beim Soja-Schnitzel aus dem 3D-Drucker eine Grenze überschritten, «weil Bio das ist, was die Natur hervorbringt». Skepsis schlägt dem Lebensmitteltechnologen auch von Seiten der Zuhörerschaft entgegen: «Wir wissen nicht abschliessend, wie der menschliche Körper auf technologisch veränderte Lebensmittel reagiert», gibt eine Zuhörerin zu bedenken. «Schon heute reagieren Menschen mit Intoleranzen auf Lebensmittel, die als gesund deklariert sind.»

Eine andere Besucherin stellt grundsätzlich in Frage, in welchem Verhältnis Bio und Gesundheit eigentlich stehen. «Bio ist das Quäntchen weniger Umweltgift», antwortet Martina Hörmer. «Ob es Ihnen ein längeres Leben verspricht, sei dahingestellt.» In der engagierten Debatte wird klar, dass der Erfolg eines Labels eben auch stark vom Vertrauen seitens der Konsumenten abhängt. Die Offenlegung und Nachvollziehbarkeit von Produktionsprozessen wird in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen, darin sind sich die Diskussionsteilnehmer einig.

BIO UND DER MASSENMARKT

Ein Zuhörer erinnert daran, dass der Ursprung der Bio-Bewegung zurückgeht auf ein durch Food-Skandale und Umweltsünden ausgelöste Misstrauen gegenüber Produzenten. «Ich glaube nicht, dass wir in zehn Jahren von Industriefutter aus dem 3D-Drucker leben werden», schliesst er daraus und appelliert an die Rückbesinnung auf Qualitätsstandards. «Sind wir bereit, wieder einen grösseren Teil unseres Einkommens für die Ernährung auszugeben?»

«Lebensmittel sind zu kostengünstig geworden», bestätigt Erich Windhab. «Stetige Rationalisierungen zwingen zu immer drastischeren Hygienemassnahmen». Diese gewährleisten zwar die Lebensmittelsicherheit, unterlaufen Bio-Standards aber bei Weitem. Und so kumuliert die Diskussion schliesslich in der Frage, wie gut sich Bio und der Massenmarkt denn überhaupt vertragen. Wird eine Mehrheit der Bevölkerung bereit sein, mehr Geld auszugeben für qualitativ hochwertige Produkte? Oder, wie es ein Zuhörer aus dem Publikum formuliert: Kann Bio gar ein Gegenkonzept zur vorherrschenden Verbrauchermentalität sein?

FEHLGELEITETE WACHSTUMSPHILOSOPHIE

In der Ressourcenverschwendung sieht David Bosshart tatsächlich ein grundsätzliches Problem: «Selbst die Verwertung von Abfall ist heutzutage auf Wachstum ausgelegt, weil es damit Geschäfte zu machen gibt.» In der Schweiz landet heute rund ein Drittel aller Lebensmittel in der Tonne. «Wir sollten Nachhaltigkeit sauber definieren», findet deshalb auch Wilhelm Klinger. «Bio dürfte dabei Teil eines grösseren Ganzen werden.»

Wie weit die Entwicklung gehen könnte, macht Erich Windhab deutlich: «Nachhaltigkeit auf einer globalen Ebene bedeutet, dass wir ein traditionelles Lebensmittel wie das Müesli mithilfe von transparenter Technologie so verändern, dass das getrocknete Material zwei Jahre gelagert und danach zu einem hochwertigen Produkt regeneriert werden kann – ganz ohne Abfall. Stellen Sie sich vor, sie könnten das Müesli am Ende gar noch frisch schmecken lassen!»

Und so bleibt am Ende die Einsicht, dass vieles zu tun bleibt und manche Antworten erst noch gefunden werden müssen. Vorerst einmal stärken sich die Entscheidungsträger im Restaurant des GDI Gottlieb Duttweiler Institute an Schweizer Rindsschmorbraten und österreichischem Bio-Wein.


Jacqueline Beck, migros-kulturprozent.ch