Atomwaffen verhindern den dritten Weltkrieg

Was passiert mit Europa, nun, da Donald Trump Präsident der USA ist? Und weshalb machen atomare Waffen die Welt friedlicher? Antworten zu solchen machtpolitischen Fragen liefert der deutsche Philosoph Hermann Lübbe hier im Interview – und hochkarätige Denker an der Konferenz zur «Zukunft der Macht» am 16. Januar im GDI.

Herr Professor Lübbe, Sie haben 1997 in Ihrem Buch «Modernisierung und Folgelasten» geschrieben, dass die Bedeutung von Metropolen im Zuge globaler und dezentraler Netzwerkeffekte abnehmen werde. Würden Sie das heute noch ähnlich formulieren?
Gemeint war ja, dass sich die markanten und attraktiven Vorzüge städtischen Lebens heute netzverdichtungsabhängig ausbreiten. Siedlungspraktisch bedeutet das: Es bilden sich Agglomerationen. Die städtische Lebensform universalisiert sich mit dem Wegfall des traditionsreichen Unterschieds von Stadt und Land und die traditionellen altstädtischen Mitten mit ihren Repräsentationsbauten liegen in vielen sogenannten Metropolen weit ab von den wertschöpfungsreichsten Siedlungsarealen.

Was ich 1997 nicht thematisiert hatte – das ist der grossräumige Verfall stadtferner Lebensformen, die uns heute am Leerstand zahlloser kleiner Geschäftsbauten altmetropolitaner Kleinstädte auffällig sind, oder auch am Rückzug der Ärzte aus Regionen, die ihrer sich ausdünnenden Besiedlung wegen für die heranwachsenden Kinder weder Gymnasien noch Hochschulen bieten. Gleichwohl ist auch hier Modernität uneingeschränkt präsent – in der Gestalt industrialisierter Landwirtschaft nämlich, wo heute ein einziges Unternehmen die Produktion eines halben Dutzends alter Bauernhöfe weit überbietet. Mit der vormodernen Unterscheidung von Stadt und Land lässt sich das gar nicht beschreiben. Anders gesagt: «Mitten» – das sind in der modernen Welt Räume von Teilhabegelegenheiten und Kompetenzbetätigungschancen. Siedlungsgeographisch realisiert sich das, noch einmal, heute eher agglomerativ als metropolitan. Auch die Ödnis verfallender Fabriken und Arbeitersiedlungen in ehemals so genannten Montanindustriemetropolen lässt uns das sehen.

Experten erhalten ihren Status aufgrund ihres Fachwissens. Durch das Internet wurde aber Fachwissen für jeden frei verfügbar. Was bedeutet das für die Stellung und Funktion des Experten?

In der Tat: Auch Fachwissen ist uns heute wie nie zuvor frei zugänglich. Aber das heisst ja banalerweise nicht, dass wir, als Fachleute auf einem jeweils ganz anderen Gebiet, es uns auch fachkompetent anzueignen, gar zu nutzen wüssten. Nichtsdestoweniger verändert sich unsere Lage mit der freien Zugänglichkeit von beliebigem Fachwissen dramatisch. Wir wissen in einem Umfang wie nie zuvor, was man heute bereits weiss und wo sich die Personen und Instanzen befinden, an die wir uns wenden könnten. Unser Laienverhältnis zur Medizin wäre ein gemeinhin uns bekannter Fall, an dem sich ablesen liesse, wie sich unser Verhältnis zu einem Fachwissen verändert, von dem wir auch ohne eigene Verfügungskompetenz immerhin wissen, dass es verfügbar ist.

Eine Parallele dieser Demokratisierung des Wissens hat ja auch im Bereich der Politik stattgefunden. Die Masse könnte heute besser informiert sein, ist es vielleicht auch. Was bedeutet es für diesen Gegensatz von Elite, die früher die Macht inne hatte, und Masse, die traditionell weniger Macht besass? Wie verschiebt sich dieses Verhältnis heute? Wer hat heute Macht?
Wenn ich das wüsste! Diktaturen sind es doch, wo sich Machthaber durch Nennung eines einzigen Namens vergegenwärtigen liessen, und auch zu diesem Satz hätte man, für Nord-Korea sogar, noch einige Einschränkungen zu machen. In allen modernen Lebenswelten nimmt der Verteilungsgrad benötigter Fachkompetenzen zu, und über Nutzen und Nachteil ihrer interagierenden Leistungen steht das Urteil nicht einem Überfachmann zu, vielmehr Nutzerkommunitäten, die sich ihre Meinungen bilden und diese in letzter Instanz, statt mit durchschlagenden Argumenten, mit einem mehrheitlichen «Ja» oder «Nein» zur Geltung bringen. Dabei wird mit diesem «Ja» oder «Nein» ja Kompetenz und Zuständigkeit der Experten nicht dementiert, vielmehr von kompetenten Nutzern anerkannt.

Wer heute die Macht hat? Meine etwas resignative Antwort beruht natürlich auf der Erfahrung, dass das, was wir «Macht» nennen, durch unsere zunehmenden wechselseiteigen Abhängigkeiten diffundiert. Das heisst, der Sitz der Macht wird weniger offensichtlich.

Zusammengefasst sagen Sie also, dass den Menschen in einer immer komplexer werdenden Welt bewusst wird, dass sie auf Experten und deren Fachwissen angewiesen sind. Gleichzeitig steigt das Misstrauen gegenüber diesen Experten und Eliten. Ist das kein Widerspruch?
Nein, das ist kein Widerspruch. Das Scheitern der Idee der Technokratie lehrt es. Diese Idee schloss ja die Meinung ein, dass sich das politische Leben der Menschen endlich vernünftig organisieren werde, wenn die Sachverständigen und Sachkönner die Sache in die Hand nehmen. Ausgerechnet ein Engländer, ein politisch erfahrener überdies, Thomas Morus nämlich, machte daraus literarisch eine Utopie. Inzwischen tun bei uns die Sachverständigen und Sachkönner ihre Arbeit, und historisch beispiellos ist unser Wohlfahrtsniveau gestiegen. Aber zugleich herrschen doch bei uns nicht die Technokraten. Statt der Sachverständigen führen die schon erwähnten Nutzer das letzte Wort und statt der Technokraten die Demokraten. Wieso? Es ist evident: Je weiter die Könnerschaft der Experten reicht, umso entschiedener behalten wir uns das Urteil über die Bekömmlichkeit solcher Könnerschaft vor, und überdies wächst zugleich mit der Höhe unserer Lebensniveaus unsere Sensibilität für Fragen ihrer beeinträchtigenden Nebenfolgen und somit der Zukunftsfähigkeit unserer Lebensniveaus. Man sieht: Es ist gar nicht nötig, die Demokratie gegen die Technokratie aufzubieten. Verfügbare Könnerschaft steigert eo ipso den Bedarf an gemeiner praktischer Urteilskraft und an Mehrheitsfähigkeitstest, also an demokratischen Institutionen.

Welche Rolle würden Sie innerhalb dieses Prozesses den Medien, verstanden als vierte Macht im Staat und Informationsvermittler zwischen Regierung und Souverän, zuteilen? Welche Funktion werden die Medien morgen noch besitzen?
In einer modernisierungsabhängig zusammenwachsenden Zivilisation sind wir wie nie zuvor vom Handeln entfernter Anderer betroffen. Wie sollten wir davon, rechtzeitig genug, ohne weitreichenden Medienverbund etwas wissen können? Unsere Abhängigkeit von den Medien hat freilich ihrerseits Nebenfolgen. Mediennutzungskompetenzen sind ja nicht gleichverteilt, und in wohlbestimmten Hinsichten sind sie es sogar prinzipiell nicht. Das bedeutet: Allein schon in der Konsequenz unterschiedlicher Kompetenzen der Mediennutzung driften die Niveaus unserer Weltkenntnis auseinander, statt zu einer Massenmeinung zu verschmelzen. Die Warner vor der zukünftigen Massengesellschaft mit herabgedrückten Urteilsniveaus ihrer Mitglieder – Karl Jaspers zum Beispiel – haben Unrecht behalten. Wahr ist lediglich, dass ineins mit der Anhebung der uns massenhaft eröffneten Betätigungsmöglichkeiten zugleich auch Erfahrungen des Scheiterns bis hin zu Fällen manifester Hilfsbedürftigkeit häufiger, jedenfalls auffälliger werden. Allein schon die manifesten Selbstschädigungsfolgen durch den Missbrauch von Medien für Zwecke passivierender Dauerunterhaltung machen das sichtbar.

Wir beobachten eine Säkularisierung in Westeuropa. In einer kürzlich am GDI vorgestellten Studie zur «Zukunft der Weltreligionen» hat sich gezeigt, dass die Religionen ausserhalb Westeuropas an Bedeutung gewinnen. Wie würden Sie diese Beobachtung einordnen?

In der Tat ist die kulturelle und politische Virulenz religiösen Lebens ausserhalb Europas derzeit grösser als auf unserem Kontinent. Jedem Medienkonsument fällt bei diesem Vergleich sogleich die islamische Welt ein, und nicht nur die Länder des Nahen Ostens. Mit dem schon erwähnten medialen Weltverbund wachsen ja zugleich die Möglichkeiten, sich mit anderen zu vergleichen. Es lässt sich buchstäblich zu Hause medial sehen, dass man anderswo besser lebt, und die modernen Massenmigrationen sind entsprechend plausibel. Um so wichtiger muss einem darüber im Vergleich der Kulturen werden, was Herkunftsstolz verstattet und nährt. Und in der Tat: Zu den Erfahrungen unserer eigenen hiesigen Kinderzeit gehörte doch die Erfahrung, dass die Märchenwelt der Tausend und Einen Nächte prächtiger war als die Bescheidenheiten der Lebensmilieus von Hänsel und Gretel.

Aber es wäre eine Irrtum zu meinen, so oder so sei zivilisatorische Modernisierung eo ipso mit fortschreitendem Religionsschwund, mit so genannter Säkularisierung also, verbunden. Zur Korrektur dieses Irrtums sind Vergleiche innerhalb unserer zivilisatorisch hochentwickelten Weltregion nützlich – insbesondere ein Vergleich zwischen Europa einerseits und den USA andererseits. Die Säkularisierung, gewiss, ist auch in den USA ein Thema. Andererseits werden wir dort mit Formen der öffentlichen Präsenz der Religion konfrontiert, primär der christlichen selbstverständlich, die auf religionsfern existierende Europäer verblüffend wirken. Wäre es denn denkbar, dass der Präsident der Republik Frankreich öffentliche Reden mit einem Gebet beendet? Für den amerikanischen Präsidenten gehört eben das gelegentlich zum Alltag. Clinton zum Beispiel beschloss eine längere Afrikareise bei seinen Abschiedsreden regelmässig mit dem frommen Wunsch «God bless You!», und amtsoffizielles Gottvertrauen bekundet in den USA sogar jede Dollar-Note mit ihrer bekannten einschlägigen Inschrift.

Das sind nicht folkloristische Marginalien. Das ist weltpolitisch wirksam – in der amerikanischen Reaktion auf den Balkan-Krieg Mitte der neunziger Jahre zum Beispiel. Damals nahm bekanntlich die orthodoxe Artillerie Serbiens vor Sarajewo ausgerechnet die bedeutendste Moschee unter Feuer, und die Reaktion der EU-Länder blieb ineffizient. Selbst ein demonstrativer Besuch der Ministerpräsidentinnen der beiden bevölkerungsreichsten und zugleich militärstärksten islamischen Länder diesseits von Indonesien, nämlich der Damen Bhutto aus Pakistan und Çiller aus der Türkei in Sarajewo bewirkte für die Politik der Länder Europas in dieser Sache wenig. Es waren die USA, die mit wacherem Sinn für potentielle weltpolitische Dimensionen eines demonstrativen Angriffs auf missliebige Heiligtümer anderer Kulturen der Sache ein Ende machten. Auf der Rechtsgrundlage eines NATO-Befehls, den sie sich verschafften, liessen sie die serbische Artillerie durch einen Kampfbombereinsatz liquidieren.

Der im europäisch-amerikanischen Vergleich entwickeltere Sinn der USA für die fortdauernde Rolle der Religion als eines elementaren politischen Faktors lässt sich erklären. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: Allein schon die Rolle der USA als Zufluchtsland armutsbedrängter, ja sogar noch im 19. Jahrhundert religionspolitisch bedrängter europäischer Einwanderer hat hier die religiösen und konfessionellen Bindungen als Inhalt eines politisierbaren Interesses besser erhalten. Noch an einem Detail der amerikanischen Reaktion auf den 11. September 2001 lässt sich das erkennen. Es hatte ja seine Evidenz, dass gegen die Gewalt des Terrors Gewalt aufzubieten sein würde. Indessen: Der amerikanische Präsident besuchte zunächst eine Moschee, um weltöffentlich sichtbar zu halten, dass sich die einschlägige Gewalt gegen den Terror, keinesfalls aber wider die Religion der Muslime, gerichtet sein werde.

Europa hat ein sehr grosses Verlangen nach Frieden. Gleichzeitig muss man aber auch feststellen, dass sich die globalen Konstellationen verändern. Die Zeiten, in denen wir glaubten, es würde nie mehr Krieg geben, sind inzwischen vorüber. Man muss sich heute die Frage stellen: Ist Europa bereit für eine neue Welt mit ihrem stärkeren Hang zu Konflikten – sei es bewaffneter Konflikt zwischen Staaten, sei es in der Form von Terrorismus?
Die Beantwortung Ihrer Frage setzt voraus, was hier institutionell mit «Europa» gemeint ist. Die Länder Europas, die grossen wie die kleinen, sind ja auch verteidigungspolitisch uneingeschränkt souverän. Daran hat sich bekanntlich auch durch die supranationale Kooperation der Mehrzahl dieser Länder in der Europäischen Union nichts geändert. Entsprechend verfügt die Europäische Union auch nicht über die rechtlichen und materiellen Voraussetzungen einer kontinentalen Verteidigungspolitik. Unentbehrlich ist entsprechend unverändert die NATO. Nicht die Europäische Union, vielmehr die NATO und damit das amerikanisch-europäische verteidigungspolitische Bündnis hat über die ganze Dauer des Kalten Krieges hinweg Europa standhalten lassen. Aus historisch erklärbaren Gründen ist die Anerkennung dieses Bestandes Frankreich stets etwas schwerer gefallen als anderen europäischen Ländern und insbesondere den Briten. Aber eine weltpolitische Relevanz hat auch dieser Unterschied nicht mehr. Man erkennt das spontan an jüngsten Bemühungen, doch noch einmal eine Runde europäischer Länder verteidigungspolitisch effizient zu machen. Die deutsche Verteidigungsministerin sprach bei dieser Gelegenheit signifikant vom schönen Plan eines europäischen Militärlazaretts, das wider die Ausbreitung der Ebola-Seuche nützlich gemacht werden könne.

Wenn sich jetzt bewahrheiten sollte, dass Donald Trump zum neuen amerikanischen Präsidenten würde, dann müsste man wohl davon ausgehen, dass die Bereitschaft der Nato, Europa zu helfen, schwindet. Was bleibt Europa dann noch?
Diese Frage ist natürlich, wie etliche der vorhergehenden auch schon, für Philosophen eine Überforderung. Aber die Philosophie hat es ja traditionellerweise nicht allein, aber nicht zuletzt mit Fragen zu tun, die ineins unabweisbar und kaum schon beantwortbar sind. Was sagt man in solchen Lagen? Am besten etwas, das Zuversicht fördert und nicht evidenterweise falsch oder gar unmöglich wäre. Ich vertraue insoweit auf rationalisierende Wirkungen der Existenz absoluter Waffen, der Atomwaffen also. Sie waren es ja wohl, die in letzter Instanz einen Dritten Weltkrieg verhindert haben. Und jetzt sind sie, ohne dass darüber die Welt erneut an den Rand eines letzten grossen Krieges geraten wäre, schon recht weit verbreitet – von Pakistan über Indien bis nach China und wahrscheinlicherweise überdies von Israel bis Nordkorea, und Iran steht unter Beobachtung. Kompetenzen haben sich also ausgebreitet, und dennoch nimmt die einschlägige Panik nicht zu. Die Mut machende hypothetische Antwort lautet also: Im medialen Weltverbund wirken inzwischen die pragmatischen Lebensvorzüge der modernen Zivilisation bezwingend, und genau komplementär dazu verbreitet sich auch eine Einsicht von bezwingender Trivialität – die nämlich, dass der Besitz der absoluten Waffe nur einen einzigen pragmatischen Zweck haben kann, nämlich den, die Evidenz der Sinnwidrigkeit ihres aktiven Einsatzes zu verbreiten. So liegen also die Bomben nun schon seit mehr als einem Vierteljahrhundert wohlverwahrt in ihren Schächten, und selbst die aktive Erprobung ihrer Funktionstüchtigkeit durch Spätkommer ist, wie jüngst im nordkoreanischen Fall, nur noch vorübergehend ein Medienthema.

Also bleibt uns, zu vertrauen und zu hoffen, dass die Welt friedlicher wird?
Ja. Immerhin spricht für diese Antwort das Faktum, dass die übergrosse Mehrheit der Eigner der absoluten Waffe, was immer sie sonst trennen mag, in der Bereitschaft zur Verhinderung ihrer aktiven Nutzung zusammenhält.


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Prof. Dr. Dr. h. c. Hermann Lübbe war ordentlicher Professor für Philosophie und politische Theorie an der Universität Zürich und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Philosophie. Als akademischer Intellektueller und Grenzgänger zwischen Theorie und Aktualität trägt er zu einem informierten Diskurs in der politischen Öffentlichkeit bei. Der Philosoph erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen – darunter den Hanns-Martin-Schleyer-Preis und das Ehrendoktorat der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität München.

Das Interview wurde im Oktober 2016 aufgenommen.