«Als wäre ich der Einzige mit einem Faxgerät»

Unsere Offenheit gegenüber Neuem verändert sich im Alter. Was bedeutet das für die Medien? GDI-Researcher Jakub Samochowiec gab Antworten im Interview mit  «Link», dem Mitgliedermagazin der SRG Deutschschweiz.

Der nachfolgende Text basiert auf einem Interview-Auszug aus dem Mitgliedermagazin «Link» der SRG Deutschschweiz.

Jakub Samochowiec, Sie haben in einer Studie mit dem Titel «Nie zu alt?» die Offenheit gegenüber Neuem untersucht. Und, ist man nie zu alt für Neues?

Auf jeden Fall ist man nie für alles zu alt. Je nach Bereich gibt es aber grosse Unterschiede. Während wir bis ins hohe Alter erstaunlicherweise eine relativ grosse Offenheit bezüglich der Wohnsituation feststellen konnten – zumindest laut eigenen Aussagen –, hat sich gezeigt, dass gerade bei Apps und neuen Technologien die Offenheit rasch abnimmt.

Wann ist man «zu alt» für Apps und neue Technologien?

Der Begriff «alt» ist relativ. Im Fall von TikTok, der Trend-App für Kurzvideos, kann er aber schon für über 30-Jährige gelten ...

Warum hat das mit dem Alter zu tun?

Jüngere Menschen sind stärker auf der Suche, sei dies nach einer Gemeinschaft, einer Beziehung, einem Sinn, einer Identität. Das wird vielfach in sozialen Medien, in WhatsApp-Gruppen oder TikTok-Videos ausgehandelt.

Hat das auch mit dem sozialen Druck zu tun?

Natürlich. Es geht darum, nichts zu verpassen, nicht ausgeschlossen zu sein, sondern mitreden zu können.

Dennoch spielt bei der Technologie das Alter in gewissen Bereichen eine weniger starke Rolle, wie zum Beispiel bei Airbnb oder Uber. Wie erklären Sie sich das?

Der Nutzen von Uber und Airbnb hat nicht hauptsächlich mit der sozialen Aushandlung von Sinn und Gemeinschaft zu tun. Wenn niemand meiner Freunde Uber oder Airbnb benutzt, schränkt das meinen Nutzen nicht ein. Bei TikTok ist das anders, das ist, als wäre ich die einzige Person, die ein Faxgerät hat – allein kann ich damit nichts anfangen. Deshalb müssen Dinge, die einen sozialen Aspekt haben, eine kritische Masse erreichen.

Also unterscheiden Sie je nach Art des Nutzens?

Genau. Einerseits den individuellen Nutzen – was nützt es mir, wenn ich etwas allein zuhause konsumiere? Andererseits den Nutzen eines Konsums, der auf einer Bühne stattfindet. Auf dem Pausenplatz steht das erste Kind, das mit etwas Neuem spielt, im Rampenlicht – dann wollen andere das Spielzeug auch, um ebenfalls Aufmerksamkeit zu erhaschen, und die letzten kaufen es sich dann eher zur sozialen Schadensbegrenzung, um nicht ausgeschlossen zu sein.

Wieso spielt sich der Konsum jüngerer Personen eher auf einer Bühne ab?

Sie befinden sich in einer Phase der Identitätsbildung, und diese wird nun mal zu grossen Teilen auf einer Bühne ausgehandelt. Man muss seine Identität den Mitmenschen an den Kopf werfen, um zu schauen, wie sie darauf reagieren. Bei älteren Menschen ist die Identität meistens schon gefestigter, sie haben nicht mehr das Bedürfnis, all die Sachen auszuprobieren. Sie haben sich auf ein Gebiet fokussiert und versuchen eher, dort ihren Status auszubauen, weshalb sie nicht mehr jeden Hype mitmachen.

Lesen Sie hier das vollständige Interview.