Alle unter Kontrolle

28.10.2015

Wo Menschen sind, herrscht Kontrolle. Ein geschichtlicher Überblick von Jonas Frick in «GDI Impuls» über die Methoden, Überwachung auszuüben oder sich ihr zu entziehen – und was das Internet of Things damit zu tun hat.

Dies ist ein Auszug eines Artikels der aktuellen Ausgabe von «GDI Impuls».
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Jonas Frick

Als treffendes Sinnbild der effizienten Kontrolle dient das 1791 von Jeremy Bentham entworfene Panoptikum: ein zentraler Ort innerhalb der Gesellschaft, von dem aus wenige Individuen die Mehrheit überwachen und bestrafen können. Von Bentham selbst als Gefängnisbau entworfen, in dem sich die Häftlinge der permanenten potenziellen Kontrolle wegen besonders regelkonform verhalten sollten, sah Michel Foucault die Konstruktion als sinnbildlich für die «Disziplinargesellschaft» der Moderne. Deren Überblick in einem abgeschlossenen Raum ist inzwischen vom gesamten öffentlichen Raum auch auf den privaten unserer E-Mails und Telefongespräche erweitert worden. George Orwells «Big Brother» und der US-Abhörgeheimdienst NSA sind solche panoptischen Kontrolleure.

In der Darstellung auf dieser Seite wurde die Panoptikumsarchitektur aufgenommen – aber ins Zentrum nicht der Überwacher gestellt, sondern das Individuum. Es kann auf diese Weise am besten erkennen, welche Kräfte und Institutionen mit welchen Mitteln welchen Aspekt ihres Lebens kontrollieren und beeinflussen wollen.

VERNETZUNGSKONTROLLE

Doch neue Organisationsformen brauchen neue Kontrollmechanismen. Ein Terrornetzwerk wie al-Qaida stellt andere An forderungen als ein Diktator wie Kim Jong-un, Wikileaks ist schwieriger auszurechnen als CNN, und noch schwieriger wird es, wenn bislang unauffällige Ein zelpersonen wie Glenn Greenwald, Laura Poitras und Edward Snowden terabyteweise Staatsgeheimnisse enthüllen.

Auch in der Ökonomie geht der Trend von der Hierarchie zum Netzwerk und von geschlossenen zu offenen Systemen: Wikipedia, Uber, Airbnb, Coursera, Youtube, Kickstarter sind einige der bekannteren Beispiele. Mit der Vernetzung steigt die Komplexität, und die traditionellen Kontrollmechanismen des Analogzeitalters funktionieren nicht mehr.

Für diejenigen Kräfte, die an einer Aufrechterhaltung sozialer Gegebenheiten interessiert sind, stellt sich stets von neuem die Frage, wie darin die (soziale) Kontrolle aufrechterhalten werden kann. Ebenso jedoch beschäftigen sich subversive Kräfte damit, wie aus jener neuen Form der Kontrolle wieder entwichen werden könnte. Links sind beispielhaft einige dieser Methoden aufgeführt.

NACH DEM PANOPTIKUM

Mehr als zwei Jahrhunderte nach seiner Erfindung könnte seine ursprüngliche Funktion als Gefängnis bald obsolet werden. Heute bekommen Gefangene elektronische Fussfesseln, sie können sich in einem bestimmten Radius frei bewegen – die Kontrolle findet während der Gefangenschaft rein elektronisch statt.

Auch im übertragenen Sinn scheint sich das Panoptikum zu überleben. Anstelle der alten Angst vor Einschliessung fürchten wir uns heute mehr davor, ausgeschlossen zu werden. Es habe sich eher so etwas wie ein «Bannoptikum» entwickelt, wie es Zygmunt Bauman und David Lyon mit dem Soziologen Didier Bigo sagen – ein System also, das aufgrund von gesammelten Daten und Informationen entscheidet, wer dazugehört und wer draussen bleiben soll.

Es geht bei der Kontrolle also nicht mehr um Disziplinierung, sondern um Sicherheit: «Das Bannoptikum», so Bauman und Lyon, «bewacht die Tore zu jenen Bereichen der Welt, in deren Innerem die übliche Do-it-yourself-Überwachung ausreicht, um Ordnung herzustellen und aufrechtzuerhalten.» Der Albtraum des Panoptikums – du bist nie allein – habe sich in einen neuen Traum verkehrt: Du musst nie wieder allein sein!

SELBST-BEHERRSCHUNG

Mit dem Wandel der Organisationsstruktur von der Hierarchie zum Netzwerk wird Selbst kontrolle wichtiger. In einer freien Gesellschaft gehen wir im Allgemeinen davon aus, dass Selbstkontrolle wirkungsvoller und effizienter ist als Fremdkontrolle.

Die nächste Stufe der Kontrollgesellschaft wäre demnach ein System, das sich selbst kontrolliert, ohne zentrale Autorität, die alles überwacht. Bauman und Lyon nennen ein solches System «Synoptikum»: In netzwerkartigen, dezentralen Strukturen und einer digitalisierten Welt ist jeder Beobachter von allem und zugleich ein von allen Beobachteter.

Das Prinzip der Selbstkontrolle ist nicht neu, wie auch Bauman spöttisch bemerkt. «Das Genie des Herrschens besteht darin, die Aufgabe des Herrschens von den Beherrschten erledigen zu lassen.» Neu ist, dass wir die Mechanismen der Selbstkontrolle weiterentwickeln und verfeinern können – und dass dies der Kontrollgesellschaft weitaus besser gelingt als jeglicher früheren Form der sozialen Kontrolle. Die hierbei zum Einsatz kommenden neuen zentralen Kontrollmechanismen sind:
  • Verdatung/Digitalisierung und Transparenz. Wearables beispielsweise ermöglichen eine ständige Beobachtung und Optimierung von sich selbst und der Gesellschaft.
  • Feedback statt Befehle: Relevante Kontrollvariablen werden mittels Verhaltensökonomie identifiziert und Feedback-Loops optimiert.

DING-KONTROLLE

Spätestens mit dem Internet der Dinge wird jedoch auch die Selbst-Kontrolle nicht mehr ausreichen. Denn dann werden Technik und Geräte als eigenständiger Akteur mit ins Spiel kommen. Die Vielfalt der Verbindungen und die Komplexität der Vernetzung werden es dann in vielen Fällen schlicht unmöglich machen, zu sagen, wer da wen kontrolliert.

Der theoretisch nächste Schritt, eine reine Ding-Kontrolle, ist noch Science-Fiction. So wie von Leif Randt in «Planet Magnon» beschrieben. Dort ist «ActualSanity» (AS) ein satellitengestütztes Computersystem, das Ressourcen nach einem «Fairness-Schlüssel» verteilt. Damit lenkt es die Geschicke der Menschen ebenso wie umgekehrt. Denn, so schreibt Randt, «AS kann keine eigenmächtigen Entscheidungen treffen, sie ist abhängig von unseren Handlungen, Diskursen und Wünschen».