Academy of Behavioral Economics: Spannende Insights auf einen Blick

Zwischen Vertrauen und Fakten: Wie entscheidet man in Zeiten des wachsenden Populismus richtig? Dieser Frage haben sich an der diesjährige Academy of Behavioral Economics internationale ReferentInnen – unter ihnen Gerd Gigerenzer, Ernst Fehr und Eyal Winter – angenommen. Die wichtigsten Erkenntnisse der Tagung im Überblick.

Fehr Academy 2020

David Bosshart, CEO, Gottlieb Duttweiler Institute 
(im Interview mit Moderator Florian Inhauser)
«Populismus ist der natürliche Bruder der Schwester Komplexität.»

Die gefühlte Unsicherheit nimmt zu und mit ihr der Wunsch nach Gruppenzugehörigkeit. Die Unsicherheit lässt sich etwa auf Veränderungen in der Arbeitswelt zurückführen: Während im Industriezeitalter klare Hierarchiestufen die Möglichkeiten der Einzelnen definierten, sind Hierarchien heute fast verschwunden. Neue Rituale müssen erst gebildet werden. Auch eine verschlechterte wirtschaftliche Situation steigert die Unsicherheit. Gleichzeitig löst sich die politische Mitte auf. Die Chancen der kleinen, entschlossenen Gruppierungen, Meinungslose für sich zu gewinnen, steigt. Verstärkt wird diese Entwicklung durch Social Media.

 

Gerhard Fehr, CEO und Executive Behavioral Designer, FehrAdvice & Partners
«Mit verhaltensökonomischen Tools erreichen wir, dass Unsicherheit und Komplexität in Gesellschaft und Märkten als Chancen wahrgenommen und genutzt werden.»

Klimakrise, Digitalisierung, eine alternde Gesellschaft, globale Machtverschiebungen und neuen Kundenbedürfnissen stellen heute die grossen Herausforderungen für Gesellschaft, Politik und Unternehmen dar. Mit verhaltensökonomischen Tools kann erreicht werden, dass Unsicherhheit und Komplexität in Gesellschaft und Märkten als Chance wahrgenommen und genutzt wird. Statt naheliegenden, einfachen und intuitiven Lösungen, wie sie Populisten versprechen, braucht es Experimente.

 

Johannes Haushofer, Assistenz-Professor für Psychologie und Public Affairs, Universität Princeton
«Armut verursacht Stress und damit höhere Cortisolwerte, was wiederum impulsive, schlechtere Entscheidungen fördert.»

Systematische Experimente auf dem afrikanischen Kontinent haben gezeigt, welche Verhaltensmechanismen den Ausstieg aus der Armut fördern können. Armut verursacht Stress und dadurch höhere Cortisolwerte. Das fördert mpulsive und damit oft schlechteren Entscheidungen. Gefestigte und gute Institutionen tragen dazu bei, Komplexität und Unsicherheit zu reduzieren. Das gilt sowohl in einem gesellschaftliche als auch einem unternehmerischen Kontext. Universell gültige Lösungen gibt es jedoch nicht. Darum sind experimentelle Verfahren wichtig. 

 

Christian Ruff, Professor für Neuroökonomie und Neurowissenschaft der Entscheidungsprozesse, Universität Zürich
«Erfolgreiche Leader zeigen konsistentes Entscheidungsverhalten – unabhängig vom Kontext.»

Menschen neigen in unsicheren Situationen dazu, Entscheidungen zu delegieren. Erfolgreich sind solche Leader, deren Entscheidungsverhalten konsistent, also unabhängig vom Kontext ist. Unternehmen sollten verstärkt gezielte Leadership-Trainings anbieten, in denen man seinen Führungsstil kennen lernen kann, um künftig konsistenter zu entscheiden.

 

Michel Maréchal, Professor der Ökonomie, Universität Zürich
«Entgegen den pessimistischen Erwartungen werden verlorene Geldbörsen sogar eher zurückgegeben, wenn sich ein Geldbetrag darin befinden.»

Wir sind ehrlicher als gedacht. Das zeigte ein in vierzig Staaten durchgeführtes Experiment mit verlorenen Geldbörsen. Das Ergebnis erstaunte: Geldbörsen mit höheren Geldbeträgen wurden entgegen der Erwartung eher zurückgegeben als solche mit weniger Inhalt. Gleichzeitig zeigte das Experiment aber auch, dass das Verhalten auch von der Gesamtsituation eines Staates abhängt. Bei Hinweisen auf eine krisenhafte Situation wurden die Geldbörsen weniger oft zurückgegeben. Ein Zeichen dafür, dass sich Unsicherheit negativ auf die Ehrlichkeit der Menschen auswirkt. 

 

Matthias Sutter, Direktor, Max Planck Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern; Professor für experimentelle Ökonomie, Universitäten Köln und Innsbruck
«Schon bei Kindern zeigt sich, dass Geduld eine grosse Auswirkung auf künftigen Erfolg im Leben hat.»

Geduld ist der alltägliche Abtausch zwischen Gegenwart und Zukunft ab. Bereits bei Kindern lässt sich zeigen, dass Geduld Auswirkungen auf den künftigen Erfolg im Leben hat. Das Spektrum reicht hier von einer höheren Bildung, über eine gesunde Lebensweise bis hin zu einer ausreichenden Altersvorsorge. Geduld sollte von früher Kindheit durch Eltern und Erziehungswesen gefördert werden. Stabile Rahmenbedingungen in einer Gesellschaft und Verlässlichkeit fördern ausserdem Geduld.

 

Eyal Winter, Professor für Wirtschaft, Hebräische Universität Jerusalem; Universität Lancaster
«Gemeinsam erlebte Emotionen wie Wut, Trauer und Freude stärken den Zusammenhalt – mit positiven wie negativen Folgen.»

Emotionen sind für Individuen gut, für die Gemeinschaft können sie sich aber negativ auswirken. Das hat evolutionsbiologische Gründe. Menschen sind so angelegt, dass sie für die Jagd kooperieren, gleichzeitig aber mit anderen Gruppen in Konkurrenz treten. Gemeinsam erlebte Emotionen wie Wut, Trauer und Freude stärken den Zusammenhalt. Das hat positive aber auch negative Konsequenzen. In der heutigen Zeit zeigt sich dies etwa in der Politik. Diese neigt zum Herdenverhalten und damit zum Populismus. In Unternehmen kann man dieser Entwicklung mit einer Mischung aus individuellen und Gruppen-Incentives gegensteuern.  

 

Peter Bossaerts, Professor für Experimental Finance und Decision Neuroscience, Universität Melbourne
«Handeln nach Versuch und Irrtum ist keine gute Strategie.»

Menschen vermeiden Komplexität und wenn sie sich in komplexen Situationen befinden, neigen sie zu einfachen Lösungen. Handeln nach Versuch und Irrtum ist jedoch keine gute Strategie. Um Komplexität zu reduzieren und damit den Schritt in die Populismus Falle zu verhindern, braucht es richtig gestaltete Marktmechanismen. 

 

Gerd Gigerenzer, Direktor emeritus, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung; Direktor, Harding-Zentrum für Risikokompetenz
«Eine Absicherungskultur mit immer mehr Dokumentation und Misstrauen hemmt Innovation.»

Mit klugen Bauchentscheidungen können aufgrund von Heuristiken und Intuition gute Ergebnisse erzielt werden. Die Verantwortung für solche Bauchentscheidungen zu übernehmen, fällt hingegen vielen Führungskräften schwer. Oft wird daher im Nachhinein nach Gründen für diese Entscheidungen gesucht, um sie faktenbasiert darlegen zu können. Das ist eine Verschwendung von Zeit, Geld und Intelligenz. Solches defensives Entscheiden ist ein wachsendes Problem in der heutigen Gesellschaft und für Unternehmen. Eine damit einhergehende Absicherungskultur mit immer mehr Dokumentation und MIsstrauen hemmt Innovation. 

 

Ernst Fehr, Professor der Mikroökonomik und experimentellen Wirtschaftsforschung, Universität Zürich
«Unter Stress treffen Menschen schlechtere Entscheidungen, das Vertrauen sinkt, kurzfristige Gewinne werden noch attraktiver.»

In Stresssituationen treffen Menschen schlechtere Entscheidungen. Ebenfalls sinken das Vertrauen und kurzfristige Gewinne werden attraktiver. Eine Spirale, die durchbrochen werden kann. Nicht durch Daumenregeln oder populistische Antworten, sondern durch inklusive Institutionen, systematische Experimente und eine effektive Kultur der Kooperation. Eine solche Kultur kann durch offenes Feedback und permanente Kommunikation über Werte erreicht werden.