Geschichten definieren uns – nicht Fakten

Die Studien des Gottlieb Duttweiler Instituts sind das Resultat seiner Trendforschung. Doch was heisst das genau? Karin Frick, Leiterin der GDI-Forschungsabteilung, über die Arbeitsmethoden des Zukunftsinstituts.

Astronaut Erde Trendforschung
Seleneos / photocase.de

Die Trendforschung untersucht das Neue. Sie spürt bahnbrechende Entwicklungen auf. Sie ist ein Frühwarnsystem für Disruptionen und Innovationen, die in den nächsten fünf bis zwanzig Jahren auf uns zukommen und unsere Welt nachhaltig verändern: wie wir leben, arbeiten, denken, fühlen, essen und einkaufen werden.

Um das zu leisten, arbeitet das GDI mit unterschiedlichen Methoden. Es nutzt Erkenntnisse aus der Naturwissenschaft (Sciences) und der Geisteswissenschaften (Humanities). Es beobachtet aktuelle Moden, Hypes und Strömungen des Zeitgeists.

Der Phantast ist der wahre Realist.

Gottlieb Duttweiler

Forschung mit sozialem und ökonomischem Potenzial

Im Unterschied zur Vergangenheit und der Gegenwart, die mittels quantitativer Analysen und qualitativer Methoden (wie Interviews oder teilnehmende Beobachtung) erforscht werden können, gibt es über die Zukunft keine Daten. Zwar versucht die noch sehr junge Wissenschaft der Predictive Analytics, grosse Datenmengen in Echtzeit zu entschlüsseln und Muster zu identifizieren, aus denen sich Vorhersagen für die Zukunft ableiten lassen. Auf Predictive Analytics ruht die Hoffnung, die Dynamik sozialer Systeme – konkret zum Beispiel Unruhen, Verbrechen oder Flüchtlingsströme – ebenso zuverlässig wie Unwetter oder Erdbeben vorhersagen zu können. Auch für die Wirtschaft birgt diese neue, smarte Art der Datenanalyse grosses Potenzial: Unternehmen könnten neue Bedürfnisse ihrer Kunden erkennen, bevor diese sie artikulieren könnten.

Die Zukunft ist zunächst das Land der Fantasten. Am Anfang grosser Entwicklungen stehen immer Träume und Spekulationen, die langsam ins Alltagsbewusstsein sickern und realitätsmächtig werden. Geschichten über die Technik, Wirtschaft, Gesellschaft und die Menschen von morgen zirkulieren dabei als Meme, sozusagen kulturelle Gegenstücke zu den biologischen Genen, bis sie sich im menschlichen Bewusstsein festsetzen und verbreiten.

So wird unsere Gesellschaft durch Geschichten definiert – und nicht durch Fakten. Die dominanten Narrative bestimmen, wie wir die Welt sehen, wie wir leben und wie wir Entscheidungen treffen. «Der menschliche Geist ist ein Geschichten-, kein Logikprozessor», erklärt der amerikanische Kulturanalytiker Jonathan Gottschall. Es ist diese Ebene der kollektiven Imagination, die Ideosphere, wie der britische Vordenker Venkatesh Rao sie nennt, auf der sich entscheidet, welche Zukünfte sich durchsetzen.

Kernkompetnz: neue Möglichkeitsräume erkunden

Geschichten über die Zukunft sind also keine Vorhersagen, sondern Gedankenexperimente zur Erkundung der künftigen Möglichkeitsräume. Insofern lotet auch das GDI aus, was möglich werden könnte. Die Kernkompetenz des Institutes liegt in der Erkundung neuer Möglichkeitsräume, des heute noch Undenkbaren und Unvorstellbaren sowie in der Vernetzung von neuen Ideen und Innovatoren quer durch verschieden Fachgebiete. Die Trendforschung des Think Tanks soll Entscheidern aus Wirtschaft und Gesellschaft als Anhaltspunkt und Leitplanke dienen.

Es liegt in der Natur von Zukunftsszenarien, dass sie nicht positiv sein müssen, um wirksam zu werden. Katastrophenszenarien warnen vor Fehlentwicklungen und übersteigerte Erwartungen und fordern zur Kurskorrektur auf. Der Blogger und Science-Fiction-Autor Cory Doctorow bringt es schön auf den Schlusspunkt: «The way to change the future is to change people‘s narrative. Change the story the people have imagined the future will be. Change that and you change the future. Everything else is far too complicated and out of a single person‘s control – but just change the story we tell ourselves about the future and you change the future itself.»