7th European Consumer Trend Conference

«DIE HARTEN MACHTFRAGEN KEHREN ZURÜCK»

Interview mit David Bosshart, 29. Oktober 2010 (PDF)

> 1. Was ist Macht?
Macht heisst die Fähigkeit, andere zu beeinflussen. In einem nächsten Schritt, seinen Willen durchzusetzen. Notfalls mit Gewalt und gegen den Willen des anderen. In einer Zeit, in der wir uns an ökonomische Denkmuster gewöhnt hatten, trat der Machtaspekt in den Hintergrund. Alles drehte sich um Geld und Tausch. Geld löste alle Probleme. Das ging aber nur gut, solange die Mächtigen genügend Geld gaben. Nun kehren die harten Machtfragen zurück, denn Geld ist in immer mehr Bereichen knapp. Macht an sich ist übrigens keineswegs verwerflich. Vielmehr braucht man sie auch, um durchaus vernünftige Anliegen durchzubringen, etwa zugunsten einer Organisation oder eines Gemeinwesens. Mit Social Networks, mobilen Geräte und totaler Kommunikation nimmt Machtausübung zunehmend die Form von Propaganda und Diffamation an und wird zum irrationalen Ueberschwang.

> 2. Nach welchen Regeln funktioniert Macht?
Bislang konnten wir uns weitestgehend auf sog. "Soft Power" verlassen, also auf die Attraktivität von Marken, Kultur und Lifestyle, von Shopping. Dahinter stand die Rechtsstaatlichkeit, das Einhalten von Gesetzen, von Verträgen; ein friedliches Umfeld, in dem wir keine Kriege führten, sondern Handel betrieben. Das schuf die Illusion einer Welt "ohne Geschichte" - siehe "the end of history", die nach dem Fall der Mauer 1989 von Fukuyama angekündigt wurde. Heute sehen wir: nichts ist naiver, nichts ist falscher als zu denken, die "anderen" würden so wie "wir".

> 3. Wie haben sich die Machtverhältnisse in den letzten zehn Jahren verändert?
Weil sich die politische Macht verschiebt (BRIC, Chindia, Next 11, bei gleichzeitig relativem Abstieg von Frankreich, England, USA, Japan) und immer mehr Ressourcen knapp werden (Energieträger, Ernährung, Talente), verändert sich auch Soft Power: die Konflikte nehmen zu. Nicht mehr die Attraktivität des Lifestyles, Verträge oder Diskussionen führen zu Lösungen. Emerging Nations wie etwa China scheinen zur Uberzeugung zu gelangen, dass nur politische, und damit in Konsequenz auch militärische Macht welcher Art auch immer gewisse Herausforderungen lösbar machen. Das ist für konsumgewohnte Westler ein Schock. Denn sie setzen sich nicht mehr durch mit ihren - friedlichen - Konsumgütern, den Menschenrechten und den Verträgen.

> 4. Wer hat die Macht? Und wie hat er/sie sie erhalten? Und wie erhält er/sie sie?
Die Banker sagen: das System. “Wir sind nur Diener des Systems, und bringen Euch das Wachstum, das ihr braucht.” Die Techies sagen: Innovationen wie iPhone oder iPad. Mao sagte 1955: der Kapitalismus braucht zu seiner Durchsetzung in Zucker eingehüllte Kugeln: die Marken und den westlichen Lifestyle. Nimmt man den Zucker weg, bleibt das, was es letztendlich ist: Durchsetzungsmacht unter anderen Voraussetzungen.

> 5. Welche Machtzentren müsste man Ihrer Meinung nach angreifen, um einen Machtwechsel
herbeizuführen?

Fragen Sie sich, warum jetzt alle zum Cyberwar aufrüsten? In den achtziger Jahren war es Star Wars. Ronald Reagan gewann, weil er darin einfach so viel Geld butterte, bis die Sowjets outinvested waren. Zum Preis steigender Verschuldung. Die 90er- und 00er-Jahre brachten dann die Illusion, dass der Schulden-Imperialismus eine neue Form der Weltbeherrschung sei. Der ist aber kollabiert. Jetzt beginnt das Spiel von Neuem. Die Finanzmärkte und die virtuellen Welten werden die Hauptrolle spielen, denn sie sind weitgehend "unsichtbar" und entziehen sich immer wieder den gängigen Entwicklungen. Ein schönes Beispiel ist der Aufstieg des Shadow Bankings, parallel mit dem Versuch, die Bankenwelt zu regulieren.

> 6. Glauben Sie, dass ein Machtwechsel bevorsteht? Wenn ja: zu wessen Gunsten?
Das kann niemand vorhersagen. Nach dem Ende der bipolaren Weltsicht haben wir heute, eher noch als eine multipolare, eine nicht polare Welt, die sich sozusagen kaleidoskopisch immer wieder ändert. Auch vermeintliche Randgebiete können herrschende Strukturen auf den Kopf stellen. Auch Nischen-Existenzen können Macht bekommen und ausnützen. Sicher ist: Wer absteigt, wie etwa Frankreich, wird häufig zuromantischen Verhaltensweisen animiert, man protestiert und streikt - nur: gegen wen? Denn das Resultat betrifft die Streikenden selbst: Sie steigen noch schneller ab.

> 7. Beschreiben Sie einen Moment, in dem Sie sich machtlos fühlten.
Wenn Technologie bei Routineoperationen nicht funktioniert. Wenn bei Museumsaustellungen oder beim Security Check im Flughafen die Warteschlange endlos lang ist – und das Personal noch langsamer arbeitet. Oder beim Betrachten von Megacities wie Kalkutta, Mexico City oder Wuhan und den ungedeckten, elementaren Bedürfnisse ihrer gigantischen Menschenmassen.

Am 16. März 2011 findet im GDI Gottlieb Duttweiler Institute in Rüschlikon/Zürich die 7th European Consumer Trend Conference statt mit dem Titel «Rückkehr der Macht – Wer beherrscht Marken, Medien, Menschen?».