GDI IMPULS 4.2011 - Summaries

Summaries

Zusammenfassung (PDF)

Norbert Bolz > Seite 10
GEGENSÄTZE MISCHEN SICH AUF Wir leben mit dem Blick auf die Zukunft gerichtet – deshalb interessieren wir uns für Trends. Wir leben aber auch aus der Geschichte – deshalb interessieren wir uns für Gegentrends. Wenn aus dem einen Interesse Realität wird, meldet sich auch das andere Interesse zurück. In Anlehnung an Hölderlin können wir also sagen: Wo aber Trend ist, wächst der Gegentrend auch. Zwischen Vergangenheit und Zukunft liegt die Gegenwart – und zwischen Trend und Gegentrend der Hybrid. Denn dort, wo die Gegensätze aufeinanderprallen, bieten sich die besten Chancen für neue Produkte und Geschäfte, die versuchen, das Beste beider Welten zu vereinen. Wenn Trend und Gegentrend wie Leitplanken die Richtung bestimmen – dann sind Hybride wie die Fahrzeuge, die auf der dadurch vorgegebenen Strasse unterwegs sind.

Gespräch mit Christophe Laudamiel > Seite 22
«DIE ZUKUNFT DUFTET NACH PATSCHULI UND SANDELHOLZ» Jede Epoche hinterlässt ihre eigene Duftspur. Waren die Achtzigerjahre noch sehr blumig und süss, wurden die beiden Jahrzehnte danach immer fruchtiger. Das stand für ein gewisses Aufräumen: Selbst die Verruchtheit war plötzlich sauber. Die Grundessenzen der Zukunft seien hingegen Patschuli, Sandelholz, Lavendel. Ein neuer Megatrend zeichne sich aber erst ab, wenn Jugendliche gegen das Parfüm ihrer Eltern rebellierten. «Jugendliche kaufen bestimmte T-Shirts und hören bestimmte Musik, um die Eltern zu provozieren, aber es gibt keine Parfüms, die sie tragen können, um sich von ihren Eltern abzugrenzen.»

Alexander Ross > Seite 28
BLASE, KNALL UND ECHO Die alternde Gesellschaft ist der wohl älteste und berechenbarste Trend überhaupt. Doch der Kunde der Zukunft ist zwar scheinbar zwangsläufig grau, aber er will es nicht sein. Denn grau ist alt. Und alt will keiner sein, auch wenn alle alt werden. Alles, was nach alt klingt, wird gerade die Alten als Kunden verlieren – viele scheinbar besonders vorausblickende Investoren in Pflegeheime mussten das schmerzhaft erfahren. Der Fitness-Teller wird bestellt, der Senioren-Teller bleibt liegen – obwohl auf beiden das Gleiche drauf ist. Erfolg versprechend sind dementsprechend eher Strategien, die zwar Demografie meinen, aber Service und Convenience versprechen, etwa der bevorstehende Einzug der Ikea-Möbelhäuser in die Innenstädte. Hiess Ikeas Devise früher «Mach es selbst», muss sie in Zukunft «Wir machen das für Sie» heissen.

Anja Dilk > Seite 36
VOM COCOONING ZUR KOCHSHOW Cocooning nannte Ende der Achtzigerjahre die US-Trendforscherin Faith Popcorn den Rückzug aus dem öffentlichen Raum ins Private, in die Gemütlichkeit der eigenen vier Wände – und brachte hervorragend das Lebensgefühl der beiden kommenden Jahrzehnte auf den Punkt. Nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 kam das Cocooning im Mainstream an. An der Entwicklung der TV-Kochshows lässt sich dieser Übergang vom Nischentrend zum Mainstream gut verfolgen: Was um 1995 intellektuell und etwas spröde begann, hat sich zu einem florierenden Entertainment-Sektor entwickelt. Doch langsam könnte der Koch-Zenit überschritten sein: Spielerische Formate, beispielsweise Poker, bedrohen den Kokon.

Christoph Kucklick > Seite 46
DIE NÄCHSTE GESELLSCHAFT Wir erleben gerade die vierte Medienkatastrophe der Menschheitsgeschichte. Nach Sprache, Schrift und Druck katapultiert uns jetzt der Computer in die nächste Komplexitätsdimension. Bei Sprache, Schrift und Druck handelte es sich jeweils um grandiose Überforderungen für die jeweiligen Gesellschaften, weil sie weit mehr kommunikative Möglichkeiten anboten, als die Menschen bis dato zu bewältigen gewohnt waren. Die neuen Medien behelligen die Gesellschaft mit «Sinnüberschuss», den es zu absorbieren gilt. Was nur durch radikalen Umbau gelingt. Besonders heikel wird der Übergang in die «nächste Gesellschaft» für jene Institution, die in der Buchdruckgesellschaft überhaupt erst entstand und seither für deren Dynamik sorgte: die Unternehmen. Management kann sich nicht mehr auf die Überzeugung stützen, für alles gewappnet zu sein, sondern muss seine Stärke aus dem Wissen beziehen, dass es vermutlich nicht vorbereitet ist. Das erfordert erhöhte Sensibilität sowie Strukturen, die Überraschung nicht vermeiden wollen, sondern erwarten.

Manfred Berger . Arne Johannsen > Seite 68
DIE KUNST DES VERTRAUENS Wenn das Tempo in der Arbeitswelt weiter zunimmt, gibt es für den zeitintensiven Aufbau des «alten Ver­trauens», das langsam wachsen muss, kaum noch Gelegenheit. Um ein «neues Vertrauen» zu entwickeln, müssen wir Abschied nehmen vom Denken in Kontinuitäten. Dabei kann uns das Vorbild des Künstlers behilflich sein – der immer dann, wenn Routine droht, einen Neuan­fang versucht. Und gerade dadurch Vertrauen aufbaut.

Gespräch mit Olivier Ledoit und Pierre Pâris > Seite 76
WENN DAS GELD IN DECKUNG GEHT Egal, welche Währung wir heute betrachten: Es gibt gute Gründe, über deren zukünftige Kauf­ und Investitionskraft besorgt zu sein. Deshalb wird es zu einer Bedeutungszunahme von Wäh­rungen kommen, die durch mehr als nur Ver­trauen gesichert werden. Erst durch Gold oder Silber gedeckte Parallelwährungen sind bereits in Malaysia und Utah im Umlauf, aber auch die Deckung durch einen breiten Rohstoffkorb von Weizen bis Palladium ist denkbar. In Zeiten negativer realer Renditen werden solche Kon­zepte trotz hoher damit verbundener Lager­kosten wettbewerbsfähig.

Franz Liebl . Jan Oliver Schwarz > Seite 82
QUELLCODE DER ZUKUNFT Wenn alles Wis­sen jederzeit und überall für jeden verfügbar ist, müssen Unternehmen nach neuen Quellen suchen, um einen Zeitvorsprung bei Entwick­lungen und Trends zu realisieren. Eine solche Quelle können Romane sein. Um komplexe ge­sellschaftliche Entwicklungsprozesse zu ver­stehen, gibt es sogar kaum bessere Quellen als literarische Werke, da sie sich durch die for­male und thematische Inszenierung von Kom­plexität auszeichnen. In Romanen wird nicht nur behandelt, was sich in einer Gesellschaft ver­ändert. Wenn sie gelesen werden und über sie geredet oder geschrieben wird, reagiert auch die Gesellschaft selbst. Strategische Frühauf­klärung kann diese Wechselwirkung nutzen.

Christian Ankowitsch > Seite 88
GRAUENHAFTE SACHE! GENAU SO MACHEN WIR DAS AUCH! Selbst wer die Ge­schichte grosser Skandale und die Mechanik menschlicher Abgründe beschreibt, kann sich nicht darauf verlassen, dass sie im richtigen Sinne verstanden werden. Er ist auf die mora­lische Haltung seiner Leser ebenso angewiesen wie auf die Kontexte, in denen sie ihnen begeg­nen. Die einen werden die detailreichen Panora­men menschlicher Verfehlungen als Warnung verstehen und als Aufforderung, etwas zu än­dern; die anderen als Anleitung, wie man sich zu verhalten hat, wenn man Ähnliches plant. Dar­aus ergibt sich eine paradox anmutende Kon­sequenz: Wer verfahrene Situationen wieder neu beleben will, der tut am besten etwas vor­sätzlich Falsches.

Lionel Tiger > Seite 96
REPRIMATISIERUNG Die Ansicht, dass Men­schen von ihrem Primaten­Dasein durch tech­nische Entwicklungen befreit werden, ist genau genommen falsch. Eigentlich ist das Gegenteil der Fall. Wenn Schimpansen sich mit Techno­logien auskennen würden, hätten auch sie so etwas wie Facebook erfunden, um mit einem Sechstel ihrer Spezies und der Hälfte aller gleichaltrigen Schimpansen elektronischen Kontakt aufnehmen zu können. Die sozialen Netzwerke ermöglichen der Menschheit eine Rückgewinnung des Primitiven.

Detlef Gürtler > Seite 100
COFFEE TO STAY Nach dem Rückzug des Starbucks­Gründers Howard Schultz aus der operativen Führung des Unternehmens begab sich das Management auf einen Wachstums­kurs, der die Seele des Unternehmens gefähr­dete – und in der Finanzkrise seit 2007 auch dessen Existenz. Schultz kehrte Anfang 2008 zurück und schaffte den Turnaround, unter ande­rem dadurch, dass er seine Baristas neu in der Kaffeezubereitung schulte und die Kreativität seiner Kunden über soziale Netzwerke anzapfte.

Gespräch mit Rui Porto > Seite 104
DER WELTMARKTFÜHRER AUS BRASILIEN Mitten in einer Absatzkrise richtete die Flip-­Flop­-Marke Havaianas sich 1994/95 auf dem brasilianischen Heimatmarkt neu auf das Top­ Segment aus – und konnte bei der folgenden globalen Expansion die in Brasilien erreichte Positionierung als Fashion­Ikone erfolgreich übertragen.

Richard David Precht und Ernst Fehr > Seite 106
KANN ICH FAIR SEIN? UND WENN JA, WARUM? Experimente zur Frage, wann und warum sich Menschen fair oder egoistisch verhalten, sind ein boomendes Forschungsgebiet. Bei Kin­dern lässt sich eine Erziehung zu Fairness nach­ weisen – egoistisches Verhalten nimmt mit dem Alter ab. Wenn aber Geld ins Spiel kommt, wächst der Egoismus rapide an – bis hin zu aso­zialem Verhalten.