GDI IMPULS 2.2011 - Summaries

Summaries

Zusammenfassung (PDF)

Detlef Gürtler > Seite 10
KARTEN FÜR DAS DATENMEER So wie durch die Weite des Ozeans ab 1492 schlagartig ein neuer Orientierungsbedarf entstand, wächst heute das Bedürfnis nach Orientierung im sich immer weiter dehnenden Datenozean. Daten­mengen, die bei einzelnen Projekten bereits Hunderte von Terabyte erreichen, lassen sich vom menschlichen Gehirn nur noch erfassen, wenn sie visuell aufbereitet werden. Die Lö­sungen am Anfang der Neuzeit hiessen Karte und Chronometer und sollten allen exakt die gleichen Ergebnisse liefern. Heute heissen sie Mapping (das uns eine neue Blütezeit für In­formationsdesign bringt) und App­ing – und liefern jedem sein ganz individuelles Ergebnis, seine individuelle Orientierung. Wir bewegen uns damit zurück zu jenem Mittelpunkt des Universums, aus dem wir durch die koperni­kanische Revolution vertrieben wurden – aller­dings jetzt mit sieben Milliarden Mittelpunkten für sieben Milliarden Welten.

Peter Glaser > Seite 22
DIE GROSSE ENTORDNUNG Herausfinden zu wollen, wo es langgeht, ist dem Menschen ebenso unstillbar wie erfolglos gegeben. Aus diesem unermüdlichen Scheitern sind mächtige zivilisatorische Leitströmungen hervorgegangen. Kein grosses technologisches Konzept beispielsweise hat sich so entwickelt, wie es sich seine Urheber vorgestellt hatten. Mit dem Internet hat der Mensch eine vollkommen neue Dimension des Durcheinanders erschaffen. Das Netz ermöglicht es uns nun, nicht mehr nur Bücher und Zettel durcheinanderzuwerfen, sondern auch Bilder aller Art, Animationen, Vi­deos und komplette Datenbanken. Ziel der Ver­netzung ist es, die Unübersichtlichkeit zu uni­versalisieren. Jeder soll alles von überall aus durcheinanderbringen können. Immer neuen Graden an Komplexität zu begegnen, ist unser Schicksal. Lösungen des Informationsfort­schritts sind in zunehmendem Mass ganzheit­lich und organisch. Das verlangt auch von uns eine Wandlung der mechanischen Ansicht der Welt – die oft einfach unter den Begriff des Digitalen geschlüpft ist – in eine organische, in deren Mittelpunkt der Mensch steht.

Anja Dilk > Seite 42
DIE ORIENTIERER Die Welt der Orientierungs­dienstleister ist in Bewegung. Navis, Apps, Routenplaner und Streetviews im Netz konkur­rieren untereinander und mit den klassischen Landkartenverlagen, die aus der Welt von Papier und Tinte kommen. Letztere setzen dabei auf Kombinationen aus Online­ und Offline­Welt, auf die Verzahnung von Geo­ und Reiseinforma­tionen sowie auf Nischenprodukte, etwa Karten für Motorradfahrer, Mountainbiker oder Rei­sende mit Kindern. Auch die Navi­Produzenten reagieren auf den Druck von Google und App durch eine Verbreiterung des Angebots: zusätz­liche Services wie Benzinpreisinformationen, Spezialangebote für den Freizeitmarkt oder Business­Pakete, die zur Optimierung des Flot­tenmanagements von Grossunternehmen und Speditionen beitragen. 

Franz Josef Radermacher > Seite 68
DIE GRENZEN DER (UN-)GLEICHHEIT Zu viel ökonomische Gleichheit schadet einem Staat genauso sehr wie zu viel Ungleichheit. Am bes­ten entwickeln sich Gesellschaften, wenn die 20 Prozent mit den höchsten Einkommen zwi­schen 35 und 50 Prozent aller Einkommen kas­sieren. Gesellschaften mit noch höherer Gleich­heit, wie die von der Geschichte abgewählten sozialistischen Planwirtschaften, behindern die Innovationskraft. Gesellschaften mit höherer Ungleichheit, wie derzeit etwa Brasilien oder Südafrika, werden als Zweiklassengesell­schaften empfunden. Die Demokratie scheint nur noch begrenzt geeignet, die Interessen der Mehrheit der Menschen umzusetzen. Noch un­gleicher verteilt ist das Einkommen aber, wenn man die Welt als Ganzes an dieser Grösse misst: Das reichste Fünftel verfügt über achtzig Prozent des gesamten Einkommens. Das Ergebnis ist ein Zustand globaler Apartheid.

Marcus Hammerschmitt > Seite 74
DIE TOUCH-REVOLUTION Der Multi­Touch­ Screen hat in den vergangenen Jahren einen fulminanten Durchbruch erlebt. Sein entschei­dender Vorteil besteht in der dramatisch ver­ringerten Zeit, mit der Information dargestellt und verarbeitet werden kann. Während die Maus naturgemäss zur seriellen Arbeit zwingt, macht sich die Multi­Touch­Oberfläche menschliche Fähigkeiten zunutze, die jedes Musikinstrument von seinem User fordert: die parallele Beschäf­tigung mehrerer seiner Finger mit unterschied­lichen Aufgaben. Anders als etwa bei der ge­scheiterten Sprachsteuerung ist bei ihnen die Vertraulichkeit der Kommunikation skalierbar: Von scheinbar totaler Diskretion bis zu schein­bar totaler Offenheit ist alles möglich. Aller­dings ist die Touch­Technologie wie keine an­dere vorher geeignet, dem User Autonomie und Selbstständigkeit zu suggerieren – selbst wenn die Handlungsspielräume in Wirklichkeit irrele­vant oder nonexistent sind.

Gespräch mit Enrico Spolaore > Seite 80
DIE STAATSFORMEL Die wichtigsten Einfluss­grössen für die optimale Grösse von Staaten sind die Produktionskosten öffentlicher Güter, die durch Heterogenität entstehenden Kosten und der Grad der internationalen Offenheit eines Landes. In einer Welt, in der jedes Land nur für sich produziert, haben grössere Länder grös­sere Binnenmärkte, und wer grössere Märkte hat, kann kostengünstiger produzieren. Öko­nomische Integration in den Weltmarkt führt deshalb zu politischer Desintegration. Die bei­den Gross-­Staaten China und Indien begegnen diesen zentrifugalen Kräften unterschiedlich: China hält sie durch eine stark zentralistische Diktatur zurück, Indien setzt auf Dezentralisie­rung. Die EU hat bei ihrer Integrationspolitik die Kosten der Heterogenität massiv unterschätzt –
ein langfristiger Entwicklungspfad zu einer er­folgreichen Europäisierung erforderte eine deutlich höhere Transparenz der europäischen Institutionen und Entscheidungswege.

Gordon Nemitz . Christian Rieder > Seite 86
HOMO SMARTPHONE Seit dem iPhone­Start sind Smartphones vom Manager­Tool zum om­nipräsenten und ­potenten Begleiter geworden. Was das klassische Schweizer Sackmesser für den Umgang mit Materiellem ist, sind sie für den Umgang mit Immateriellem. In einer Studie haben die Autoren untersucht, wie sich dreissig Intensivnutzer von Smartphones in unter­schiedlichen sozialen und funktionalen Konte­xen verhalten. Sie führen ein Leben im 17/7­ Takt: sieben Tage die Woche siebzehn Stunden pro Tag in Kommunikation oder auf Standby.  Der Kontakt im sozialen Netzwerk ersetzt dabei immer mehr den Kontakt mit der realen Um­gebung, insbesondere in Transit­-Zeiten. Beim Shopping degradiert das Smartphone den sta­tionären Handel zum 4-­D-­Informationskanal: Waren werden im Laden begutachtet, danach werden im mobilen Internet Preise verglichen, um als Smart Shopper Geld zu sparen. Die Me­diennutzung auf dem Smartphone beschränkt sich fast völlig auf Schlagzeilen und Abstracts. In die Tiefe gehende Beschäftigung geschieht durch Offline-­Lektüre, meist am Wochenende, oder durch nichtelektronische Gespräche mit Bekannten – oder auch gar nicht.

Alexander Ross > Seite 92
ALPHAMÄNNCHEN-DÄMMERUNG Der Män­nerklub in den Führungsetagen von Wirtschaft und Politik wird aufgemischt: Diversity ist in, die Zahl der Frauen in Führungspositionen nimmt ebenso zu wie die Aufmerksamkeit für das Thema – eine ernste Bedrohung für jene Alphamännchen, die Management by Testos­teron praktizieren. Zusätzlich in die Defensive geraten sie durch den Fall Strauss­Kahn. Er wird für Alphatiere zu dem, was Fukushima für die Atomkraft wurde: der Anfang vom Ende. Eine ganze Reihe von Abwehrstrategien kann die Alphamännchen­Dämmerung zwar brem­sen, aber nicht verhindern. Eine Alternative könnte eine Arbeitsteilung nach Pferdevorbild sein: Der Alphahengst kommt zum Einsatz, wenn es ums Kämpfen geht – aber die Führung der Herde übernimmt immer eine Stute.

Karin Frick > Seite 100
PEAK PRIVACY Die Privatsphäre, deren Ver­schwinden heute so oft beklagt wird, ist ein Ideal der Moderne. In der Antike und im Mittel­alter war die Überzeugung, dem Menschen stünde ein abgetrennter Raum für Eigenes zu, nicht in der heutigen Form vorhanden. Niemand forderte in der Antike, die Allgemeinheit müsse individuelle Verwirklichung ermöglichen. Im Gegenteil, die Allgemeinheit hatte Anspruch auf die Individuen und selbst auf die Unversehrtheit ihrer waffenfähigen Körper. Die seit einiger Zeit zunehmende Öffnung der Privatsphäre wird von der Internet­Generation nicht so sehr als Mangel empfunden, sondern eher als ein eigener Wert. Für sie ist die Verbindung zum Netzwerk wichtiger als die eigene Privatsphäre. Wer im Netz Resonanz erzeugen will, muss transparent sein und sich in andere einfühlen können. Of­fenheit wird zur Schlüsselkompetenz im Zeit­alter der Social Networks.

Natalia Gemperli . Martina Kühne > Seite 104
WO WIRD MAN MODEMETROPOLE ? Um eine prosperierende Modestadt zu werden, reichen einzelne Faktoren wie bekannte Designer, re­nommierte Modeschulen, glamouröse Mode­wochen oder wirtschaftlich attraktive Produk­tion nicht aus. Vielmehr spielen wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Faktoren zu­sammen. Je stärker die Vernetzungen und Ver­knüpfungen, desto grösser das Potenzial. Neu im Kreis der Standortfaktoren sind Streetstyle­ Blogs, die die Modewirklichkeit jenseits der Laufstege zeigen. Und neu im Kreis der Mode­metropolen sind Berlin, Johannesburg, Dubai, Moskau, São Paulo, Kopenhagen und Barce­lona. Um den Aufstieg in dieser Gruppe kämpfen derzeit Belfast, Seoul und Istanbul.

Gespräch mit Rolando Benedick > Seite 108
DER KUNDE SUCHT HEUTE GEMÜTLICHKEIT Der Handel befindet sich in einem Umbruch, wie er ihn zuletzt bei der Erfindung des Waren­hauses erlebte. Die zunehmende Verschmelzung von Online­- und Offline-­Welt stellt alles Be­währte infrage, es entsteht ein Bedürfnis nach Erneuerung. Neben einer klaren Identität gehö­ren dazu Vereinfachung der Prozesse, höhere Schnelligkeit und lokalerer Einkauf: weniger in China oder Bangladesch, mehr in der Ukraine oder Polen, die für Europa wichtiger sind.