Von Karin Frick und Daniela Tenger

Alles, was digitalisierbar ist, wird digitalisiert
Smartphone, Smart Mobility, Smart Citys und jetzt also auch Smart Home. Alles, was uns umgibt, wird digitalisiert, vernetzt, neu und intelligenter organisiert. Produkte, Dienstleistungen, Prozesse oder Branchen, die zuvor isoliert voneinander organisiert waren, erhalten mit der Digitalisierung eine neue, gemeinsame Basis. Während Autos früher Autos und Häuser früher Häuser waren, können heute smarte Autos mit smarten Häusern kommunizieren. Die Digitalisierung schafft eine neue Offenheit und Leichtigkeit, einst starre Begrenzungen zwischen Objekten, Menschen und Prozessen werden durchlässig oder verschwinden ganz. Software, das «Baumaterial» der Digitalisierung, erfordert, anders als herkömmliche Baumaterialien, praktisch keine Investitionskosten, kann aber viel Kapital generieren. Venkatesh Rao, Autor und Technologieforscher, sieht Software denn auch viel mehr als künstlerisches Element, wie beispielsweise Farbe. Er setzt den Einfluss von Software auf die menschliche Zivilisation mit der Erfindung der Schriftsprache und des Geldes gleich. Denn auch die Software macht vor nichts halt: Alles, was digitalisierbar ist, wird digitalisiert werden.

Ob die Anbieter wollen oder nicht, die Digitalisierung und die rasante Weiterentwicklung des Internets der Dinge werden auch alle Branchen rund um die Immobilie erfassen und alle Prozesse rund ums Bauen und Wohnen auf den Kopf stellen.

Statt Hardware bestimmt die Software
Der Einfluss der Digitalisierung lässt sich mit der Elektrifizierung vergleichen: Erst ab den 1950er-Jahren haben sich elektrische Haushaltsgeräte etabliert und die Wahrnehmungsformen und Aufgaben des Wohnens verändert. Heute ist die umfassende elektrische Verkabelung von Wohnungen mit Steckdosen in allen Zimmern selbstverständlich, kaum ein Haushalt ohne Kühlschrank, Staubsauger und Waschmaschine. Dadurch haben sich unsere Hygienevorstellungen, beispielsweise wie oft wir Unterwäsche wechseln, oder unsere Ernährungsgewohnheiten verändert. Der Elektriker hat sich als eigene Berufsgattung etabliert. Genauso selbstverständlich wie heute die Steckdosen wird morgen die digitale Organisation und Steuerung des Zuhauses für die Bewohner sein. Der Smart-Home-Berater könnte sich dann als neuer Beruf durchsetzen.

Plug-and-play als Erfolgsrezept
Nun gibt es allerdings schon seit Jahrzehnten Geräte und Infrastrukturen, die intelligente Wohnungen versprechen. Bis anhin haben sie sich nicht als Massenprodukte durchgesetzt, warum also sollte sich das nun ändern? Die Geschichte von PC und Handy zeigt: Was bei der Entwicklung noch komplex, umständlich und gar nicht für den Massenmarkt gedacht war, wurde von den Endnutzern akzeptiert, sobald ein einfaches Plug-and-play-System verfügbar war. Gleiches dürfte jetzt im Smart-Home-Markt passieren, denn mit der Digitalisierung wird die Komplexität von Installation und Steuerung für den Installateur und den Endnutzer zunehmend reduziert.

Der in der Schweiz wohl grösste Anbieter in diesem Bereich, Digitalstrom AG, vernetzt sämtliche Geräte und Lampen einer Wohnung miteinander. Die Technologie dahinter: Legosteinartige Mikrocomputer werden aufs bestehende Stromnetz aufgesetzt, am Stromkasten wird ein Smart Meter installiert, danach braucht der Nutzer nur noch die entsprechende Software und die Apps herunterzuladen, um seine ganze Wohnung per Smartphone oder Tablet zu steuern. Der Kostenpunkt für die Vernetzung einer Vier- bis Fünfzimmerwohnung liegt gemäss Zeitungsberichten bei 4000 bis 5000 Franken. Obwohl das vielen immer noch zu teuer sein dürfte, zeigt das Beispiel: Die Digitalisierung ist als automatisierte Steuerung für Nutzer heute schon einfacher und erschwinglicher. Und Software wird immer noch billiger und leistungsfähiger. Deshalb wird die Digitalisierung bis in fünfzehn Jahren die Art und Weise, wie Nutzer ihre Wohnungen steuern und bespielen, endgültig und umfassend verändern. So wie heute ein Computer ohne Netzanschluss nichts mehr wert ist, wird 2030 das Zuhause selbstverständlich Teil des vernetzten Lebens sein.



Von digitalen Plänen und digitalen Baustellen
Während in der Planung schon heute immer mehr digital abläuft, ist das Bauen nach wie vor sehr analog. Der Bruch zwischen dem digitalen Entwurf und der konventionellen Ausführung führt zu Fehlerquellen, da digitale Daten erst in manuelle Bauprozesse übersetzt werden müssen. Doch es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis das digitale Zeitalter auch das Bauen erreicht. In der Architektur wächst digitales Bauen bereits als neue Disziplin heran. An der ETH Zürich wird seit 2014 am «Nationalen Forschungsschwerpunkt digitale Fabrikation» zum Thema geforscht. Ziel ist, durch die Verknüpfung digitaler Technologien mit dem physischen Bauprozess neue Planungs- und Bauformen zu entwickeln, welche die Produktionseffizienz und die Nachhaltigkeit der Gebäude optimieren. Die digitalen Planungsinformationen sollen nahtlos mit der Fertigungsmaschine verknüpft werden. Hierfür arbeiten Forschende aus der Architektur, dem Maschinenbau und der Elektrotechnik mit Material- und Computerwissenschaftlern und Experten der Robotik zusammen. Im Unterschied zu früheren Automatisierungsversuchen in der Baubranche fokussiert sich die jüngste Forschung nicht auf das Erstellen von Standardelementen, sondern von massgeschneiderten Bauteilen mithilfe digitaler Technologien. An der ETH Zürich wird beispielsweise der «In-situ-Fabricator» entwickelt, ein mobiler Roboter, der sich auf Baustellen zurechtfindet und vor Ort beliebige komplexe Strukturen bauen kann. Der Roboter kann mit CAD-Plänen verknüpft werden und fortlaufend überprüfen, ob das Gebaute mit den Plänen auch präzise übereinstimmt. Die Form folgt den digitalen Daten, und dadurch kann in Zukunft jedes Bauteil anders aussehen.

4-D-Druck und Pflanzenhäuser
Auch mithilfe von 3-D-Drucktechnologien werden bereits ganze Häuser produziert. Zwar ist die Qualität vieler Drucker noch nicht sehr überzeugend. Geht man jedoch davon aus, dass der 3-D-Druck heute dort steht, wo vor zwanzig Jahren noch die Digitalfotografie war, dann wird das disruptive Potenzial deutlich. Und während wir uns langsam an die Idee des 3-D-Druckers gewöhnen, forscht das MIT bereits am 4-D-Druck: Objekte aus dem 3-D-Drucker verändern ihre Beschaffenheit entlang der Zeitachse im Zusammenwirken mit bestimmten Materialien. Als Beispiel stellt der US-Wissenschaftler Skylar Tibbits Rohre vor, die sich erst ausdehnen, wenn sie mit Wasser in Kontakt kommen. So könnte das Verlegen von Rohren einfacher werden, weil sie sich erst unterirdisch voll entfalten. Eine andere Idee des Wissenschaftlers: Möbel aus dem 4-D-Drucker, die sich beim Käufer zu Hause selbst in die richtige Form bringen. Noch ist das Zukunftsmusik, aber am MIT forscht das Self-Assembly Lab unter Skylar Tibbits fleissig an der Umsetzung.

Ein noch extremeres, weit in der Zukunft liegendes Beispiel ist das Projekt «Fab Tree Hab» der Non-Profit-Organisation Terreform ONE (Open Network Ecology), einer Forschungsgruppe von MIT-Abgängern, die nachhaltige, smarte Designlösungen für Städte vorantreibt. Die Idee: Mit Computertechnologie konstruierte Muster bringen Pflanzen und Bäume dazu, in eine bestimmte Form zu wachsen und so Wohnraum zu schaffen – der Wohnraum entsteht also aus der Pflanze selbst, die Software dient als Hilfsmittel. Die Vorlagen, um die sich die Pflanzen entwickeln, können später anderswo wiederverwendet werden.

Digitale Kataloge und neue Vertriebskanäle
Die Software-Innovationen verändern, was bis anhin als unantastbar galt: In welcher Form und mit welchen Materialien wir bauen, wird in Zukunft nicht mehr von Steinen und Rohren bestimmt werden, sondern von der Software. Damit werden ganz neue Gestaltungsformen möglich, die wir uns heute so noch kaum vorstellen können. Und das betrifft nicht nur die Aussenhülle, sondern auch die Innenausgestaltung: Geforscht wird beispielsweise auch an der intelligenten Wandfarbe, die ihre Färbung per Knopfdruck wechselt   – für die richtige Deko je nach Stimmung und Anlass. Die Digitalisierung macht im Soft- und Hardwarebereich alles möglich. Wie wir bauen werden, bestimmen dann allein noch die Programmierer und die Vorstellungskraft.

Tradition trifft auf Convenience – digitales Wohnen wird gemütlicher
Anbieter, die über Kundenerfahrungen berichten, zeichnen häufig eine nicht sehr optimistische Perspektive. So berichtet Dieter Beeler, Vorstandsmitglied des Schweizerischen Verbands der Immobilienwirtschaft SVIT, über das Zürcher Pilotprojekt «Ecoplace» Folgendes: «Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Leute die Möglichkeit, den eigenen Ressourcenverbrauch zu kontrollieren und zu steuern, zwar in den ersten paar Monaten spannend fanden, dann aber das Interesse relativ schnell nachgelassen hat. Wir müssen die Daten für die Bewohner attraktiver aufbereiten, sodass sie sich auch mit anderen Nutzern vergleichen können, und sie ihnen proaktiv zustellen.»

Auch die Anbieterbefragung, die für diese Studie durchgeführt wurde, zeigt eine überraschend geringe Kundennachfrage. Ist Smart Home also nur ein Hype, der von den Anbietern vorangetrieben wird und Bedürfnisse herbeiredet, die gar nicht existieren? Wollen und brauchen wir diese Technologien überhaupt?

Mensch und Technologie – ein permanenter «Reality-Gap»
Der verstorbene Science-Fiction-Autor Douglas Adams verkürzte die Technologieskepsis der Nutzer auf drei simple Regeln. Erstens: Alles, was es bereits gibt, wenn wir geboren werden, ist normal, gewöhnlich und ein natürlicher Teil der Welt. Zweitens: Alles, was zwischen unserem 15. und 35. Lebensjahr erfunden wird, ist neu, aufregend, revolutionär und eröffnet Karrierechancen. Drittens: Alles, was nach unserem 35. Lebensjahr erfunden wird, ist gegen die natürliche Ordnung der Dinge. Diese Zuspitzung zeigt: Technologischer Fortschritt ist unvermeidlich. Und genauso unvermeidlich ist der menschliche Widerstand dagegen. Die Ablehnung von neuen Dingen, die wir nicht kennen, widerspiegelt sich in der Geschichte der Menschheit. Ans Auto mussten sich die Menschen seinerzeit genauso gewöhnen wie hundert Jahre später ans Handy – beide Technologien sind heute nicht mehr wegzudenken.

Technologie ist den Menschen also immer mehrere Schritte voraus. Während die Technologie immer leistungsfähiger wird, verändern Menschen ihr Verhalten und ihre Einstellungen viel langsamer. Im Wohnen ist der Graben zwischen dem, was wir anwenden und verstehen, und dem eigentlichen Potenzial von Technologie besonders gross. Denn unsere Wohnung fungiert als Gegentrend zur schnelllebigen Welt. Während wir uns beispielsweise in der Mobilität oder in der Kommunikation rasch an neue Technologien gewöhnt haben (ein iPhone hat mit einem Telegrafen nichts mehr gemein, doch wir trauern diesem nicht nach), haben sich unsere Einrichtungen und unsere Möbel im Wesentlichen nicht verändert. Ein Stuhldesign von heute sieht einem vor fünfzig Jahren entworfenen Stuhl immer noch sehr ähnlich, und die Funktion ist exakt die gleiche geblieben. Das Zuhause bedeutet für die Menschen Rückzug und Schutz vor der dynamischen, globalen Welt.

Je digitaler unsere Welt, desto stärker keimt die Sehnsucht nach dem «Realen» auf. Authentizität prägt als Gegentrend zum technologischen Fortschritt die Werte und Wünsche der Menschen. Einerseits sind wir bemüht, das Zuhause als authentischen Rückzugsort zu bewahren, gleichzeitig erwarten wir auch im Wohnen neuen Komfort, an den wir uns seit der Digitalisierung gewöhnt haben. Das Stichwort ist hier Convenience   – möglichst einfach, praktisch, wie und wo es gerade gefällt. Zu Hause sein müssen, wenn der Handwerker oder der Postbote vorbeikommt, nur zwischen 9.00 und 11.30 Uhr bei der Verwaltung anrufen zu können, solche Einschränkungen werden je länger, desto weniger akzeptiert. Die Digitalisierung hat 24/7 zum Lebensstil erwählt, und dieses Prinzip wird auch die Anforderungen der Kunden an die Wohn- und Bauindustrie prägen. So wie wir heute bereits erwarten, mit unserem Smartphone einkaufen oder Flüge buchen zu können, wollen wir in Zukunft auch Zugriff auf Heizung, Türschloss oder Multimedia selbstverständlich über unser intelligentes Gerät haben. Die Technologie muss aber unauffällig und störungsfrei funktionieren.

Erste Möbelhändler reagieren bereits und lancieren Produkte, die durch Einbettung von Informationstechnologien neue, unsichtbare Zusatzfunktionen besitzen. Ikea beispielsweise hat Lampen und Beistelltische mit integrierten drahtlosen Ladegeräten fürs Smartphone auf den Markt gebracht, um dem Kabelchaos und der ewigen Suche nach dem Ladegerät ein Ende zu bereiten. Das Beispiel zeigt: Neue Technologien sind nicht an Form oder Material gebunden, sondern können unsichtbar in Möbel implementiert werden. Je mehr wir uns ans vernetzte, ans Always-on-Dasein gewöhnen, desto höher werden die Erwartungen an die Vernetzung von Services und Produkten von der Architektur über Interior-Anbieter bis hin zum Vermieter. Unsere Vorstellungen davon, wie smart das Wohnen sein soll, werden sich mit unseren Erfahrungen im Umgang mit Technologie weiterentwickeln.

Die Pluralisierung der Lebensstile erfordert flexiblere Wohnungen
Nicht nur gesellschaftliche Trends, sondern auch demografische Veränderungen wie die Alterung und neue Sozialstrukturen wirken als Treiber für die Digitalisierung im Wohnbereich. Die Pluralisierung von Lebensstilen (mehr Singles in allen Altersgruppen, Patchwork-Familien oder Paare, die zwar zusammen sind, aber getrennt wohnen) und vor allem mehr Wandel innerhalb des eigenen Lebenslaufes fordern Strukturen, die das Nicht-Übliche zulassen. Eine ganz praktische Folge dieser Entwicklung: neutrale, vielseitig nutzbare Wohnräume statt der klassischen Einteilung mit einem grossen Schlafzimmer für die Eltern, Kinderzimmern und dem zentralen Wohnzimmer. Mehr Flexibilität wird auch gefordert, weil sich die Erwerbsarbeit wieder weniger strikt aufs Büro beschränkt und die Wohnung sich vermehrt zum Ort der gemischten Tätigkeiten entwickelt. Die Digitalisierung macht genau diese Flexibilisierung möglich: Heute schon können in der Steuerung und Überwachung verschiedene Szenarien eingerichtet werden, je nach aktuellem Bewohner, Bedarf und Zweck. Wirklich spannend wird es, wenn wir die oben beschriebenen Entwicklungen im Bereich des Baus weiterdenken: Wenn beispielsweise intelligente Tapeten je nach Anforderung ihre Farbe wechseln oder wenn Wände aus neuartigen Materialien und mit dem 3-D-Drucker hergestellt werden und so nach Bedarf versetzt werden könnten, dann eröffnen sich ganz neue Spielwiesen für die flexible Gestaltung der Wohnung.