Welchen Stellenwert haben die Werte in der Gesellschaft? Der Werte-Index kartografiert den Werte-Kosmos der Internet-User. Er zeigt, wie häufig und in welchem Kontext deutsche Internet-User grundlegende Werte unserer Gesellschaft besprechen. Grundlage für die Analyse sind über fünf Millionen veröffentlichte User-Meinungen aus Blogs, Foren und Communities. Der Werte-Index wird seit 2009 erhoben und ist eine Kooperation von Peter Wippermanns Trendbüro und TNS Infratest. Wir haben Wippermann vor seinem Referat am GDI-Trendtag zum Projekt befragt.

Herr Wippermann, Sie erheben den Werte-Index, einen Kompass für Bedeutung und Relevanz von Werten der deutschen Web-User. Was sticht 2016 ins Auge?
Der Rückzug in die eigene kleine Welt und die Sehnsucht nach Sicherheit sind kennzeichnend für die Ergebnisse des Werte-Index 2016. Der Mensch zieht sich in die Privatheit der ihm vertrauten Umgebung zurück. Unter Gleichgesinnten ist es leichter möglich, für individuelle Interessen, Vorlieben und Stärken anerkannt und geschätzt zu werden. Die Echokammer der Freunde bietet Raum für Identität, Bestätigung und Sicherheit. Die drei wichtigsten Werte sind Gesundheit vor Freiheit und Erfolg. Aufsteiger sind die Werte Natur und Sicherheit. Ein historisches Tief erleidet die Familie, dafür steigt die Gemeinschaft auf. Nachhaltigkeit bekommt einen neuen Sinn und bezieht sich auf das eigene Ich oder eine bessere Welt.

Sie werden am GDI-Trendtag vom «blinden Fleck der digitalen Effizienz» sprechen. Was erwartet uns?
Der blinde Fleck der Effizienz ist die kulturelle Konnektivität. Seit über zwanzig Jahren konzentrieren wir uns auf die neuen technologischen Verbindungen im Netzwerk. Was in einer hocheffizienten, von Daten und Algorithmen gesteuerten Welt selten und kostbar wird, ist das Analoge. Dazu gehören Gefühle, Sehnsüchte und Ängste. Dazu gehören Fragen nach Ethik und Moral – nach gemeinsam geteilten Werten.

Was geht für Konsumenten in diesem toten Winkel verloren – und was für Unternehmer?
Wir sind als Bürger und Konsumenten schlauer als unsere Institutionen und Unternehmen. Wir reagieren auf Finanzkrisen, Flüchtlingsströme und Terror mit Achtsamkeit. Wir emanzipieren uns und übernehmen Verantwortung in einer bisher nicht gekannten Dimension. Was zählt, ist ein neuer individueller Werte-Set, den wir uns selbst erschaffen: Selbstoptimierung steht für Gesundheit. Selbstbestimmung bewirkt Freiheit und Selbstorganisation garantiert den Erfolg. Menschen wollen nicht länger auf die Rolle als berechenbarer Konsument oder produktiver Mitarbeiter reduziert werden. Sie wollen mit allen Facetten ihrer Persönlichkeit wahrgenommen werden. Das gilt für Konsumenten und für all jene, die im und für das Unternehmen arbeiten.

Sie sagen, sie beobachten eine Sehnsucht nach einer Wirtschaft, die nicht nach einer rein quantitativen Logik funktioniert. Warum ist es die Aufgabe der Wirtschaft, diese Sehnsucht zu stillen?
Die Customer-Centricity weicht der Human-Centricity. Es geht um die Anerkennung der Bedürfnisse und der Einzigartigkeit von Kunden und Mitarbeitern. Und es geht um Produkte, Prozesse und Unternehmensentscheidungen, die diese wiederspiegeln. Was Menschen antreibt, sind Emotionen, Sehnsüchte und Bedürfnisse. Unternehmen, die Werte leben, akzeptieren Gefühle und Empathie als menschlich und selbstverständlich. Sie erkennen sie als entscheidend für erfolgreiche Beziehungen, Zusammenarbeit und Ergebnisse an und räumen ihnen einen hohen Stellenwert ein.

Sie sind Partner des Europäischen Trendtages und referieren seit längerem am GDI. Was schätzen Sie an der Konferenz?
15 Jahre lang habe ich den Deutschen Trendtag veranstaltet und mich 2011 gefreut, diesen Tag mit dem Europäischen Trendtag des GDI zu vereinen. Diese Konferenz analysiert den gesellschaftlichen Wandel weltweit und prognostiziert ihren Einfluss auf Europa.
Standortbestimmung und Inspiration sind einzigartig für Entscheider aus Wirtschaft und Politik. 

Am GDI-Trendtag 2016 referieren nebst Wippermann weitere international renommierte Speaker. Psychologin Susan Pinker, Branding-Guru Martin Lindstrom und weitere Referenten erklären die Herausforderungen des postdigitalen Zeitalters für Wirtschaft und Gesellschaft. Melden Sie sich jetzt zum Trendtag an!