Von Detlef Gürtler

Big Data hat den Gesundheitssektor erreicht. Darauf zumindest konnten sich alle Redner einigen, die am 12. März 2014 zum Symposium «Healthcare revolution: Big data and smart analytics» nach Rüschlikon gekommen waren. Auf Einladung des Swiss Re Centre for Global Dialogue und des GDI Gottlieb Duttweiler Institute wurden die Perspektiven der Daten-Revolution für den Gesundheitssektor analysiert.

Vor allem zwei Effekte trieben derzeit die Big-Data-Entwicklung im Gesundheitsbereich voran: der rapide technische Fortschritt, insbesondere in der Sensortechnik sowie das Wachstum des mobilen Internets. «Ob Sony, Samsung, Huawei, Intel: Alle grossen Elektronik-Unternehmen bieten inzwischen Bio-Sensoren an», sagte Peter Ohnemus, President & CEO des Gesundheitsdaten-Dienstleisters dacadoo. Schon im Jahr 2013 seien weltweit mehr als 100 Millionen Bio-Sensoren verkauft worden, die Wachstumsraten lägen derzeit bei etwa 60 Prozent pro Jahr.

Smart Watches und andere Hardware-Produkte zur Erfassung und Verarbeitung von Biodaten seien auf dem Weg, den Markt zu erobern – und trügen damit dem steigenden Interesse der Bürger an solchen Daten Rechnung. «Immer mehr Menschen möchten sich selbst überwachen», beschreibt Laurence Jacobs, Research Scientist an der medizinischen Fakultät der Universität Zürich, den Quantified-Self-Trend.

Adrian Ionescu, Professor für Nanoelektronik an der École Polytechnique Fédérale Lausanne, prophezeit sogar die baldige Marktreife von «Smart Tattoos» als Biodaten-Quelle – «einige Tage Lebensdauer, bis sich die Haut erneuert, zu einem Preis von etwa einem Dollar.» Den grössten Sensor-Wachstumsschub sieht Ionescu allerdings durch das Internet der Dinge: Es werde zu Milliarden, gar Billionen neuer Sensoren und Geräte führen.

Welche Erkenntnisse bereits mit den existierenden Daten gewonnen werden können, demonstrierte Ben Reis, Director der Predictive Medicine Group an der Harvard Medical School. Allein aus den Abrechnungsdaten der Krankenkassen liesse sich für einzelne Menschen Jahre im voraus prognostizieren, ob sie Herzinfarkte erleiden oder an Krebs erkranken würden. Es lasse sich sogar vorhersagen, ob Frauen Opfer sexuellen Missbrauchs würden. An Prognosen zum Selbstmord-Risiko, so Reis, werde derzeit geforscht.  

Die Frage, wer welche Daten zu welchem Zweck sammeln, verarbeiten und nutzen dürfe, ist unter den Experten umstritten. Effy Vayena, Senior Research Fellow am Institute für Biomedizinische Ethik der Universität Zürich, hob die Notwendigkeit der Transparenz hervor: «Wann immer wir Daten für Prognosen verwenden, müssen wir absolut transparent darstellen, welche Daten wir nutzen, und woher wir sie erhalten haben.»

Christoph Nabholz, Head of Business Development des Swiss Re Centre for Global Dialogue, betonte stärker den Nutzen-Aspekt: «Bei Gesundheitsdaten geht es um ein Geben und Nehmen.» Wann immer man der Nutzung persönlicher Daten zustimme, erwarte man im Austausch dafür nutzbare und/oder werthaltige Ergebnisse. Dies sei auch schon einer der zentralen Faktoren bei der Produktion der Biodaten, sagte Karin Frick, Head of Research am GDI Gottlieb Duttweiler Institute: «Self-Tracking-Produkte sind für alle Lebensbereiche im Angebot – ob mehr oder weniger Bewegung, mehr oder weniger Arbeit, mehr oder weniger Schlaf. Die Anbieter versprechen uns jeweils einen direkten Nutzen: Je mehr wir über uns und unsere Gesundheit wissen, desto besser können wir vorsorgen und gesund älter werden.»

Martin Denz, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Telemedizin und eHealth, betonte dagegen den Vertrauens-Massstab: «Die Verbraucher werden in allen Lebensbereichen von einer Datenflut überwältigt, sie brauchen jemand, dem sie vertrauen können, und der sie durch das Datenmeer steuert.» Für ihn ergibt sich gerade aus den neuen Technologien eine Chance für eine der ältesten medizinischen Institutionen: «Traditionell war für die meisten Menschen ihr Gesundheits-Navigator der Hausarzt. Wir haben die grosse Chance, ihn unter ganz neuen Umständen in dieser alten Rolle wiederzuentdecken.»