Interview von Detlef Gürtler

Dieser Artikel entstammt der aktuellen Ausgabe von «GDI Impuls». 

Herr Økland, was braucht eine Stadt, um wichtig zu sein?

Langfristig gewinnen am ehesten diejenigen mit der stärksten Ökonomie. Im Mittelalter Venedig oder Florenz, in der Gegenwart Zürich oder Oslo, im Fussball München oder Madrid.

Mit Ihrer Betonung der ökonomischen Stärke begeben Sie sich in direkten Widerspruch zum US-Wirtschaftsgeografen Richard Florida, der als den entscheidenden Faktor für den Erfolg von Städten nicht das Geld, sondern die Köpfe ansieht – die «Creative Class».
Ja, Richard Florida bietet eine geradezu verführerisch einfache Theorie. Nur liegt Florida eben falsch. Oder sagen wir besser: Er wird falsch interpretiert.

Wie kann man das Konzept der Creative Class falsch interpretieren?
Man kann es sich zu leicht damit machen. Und genau das passiert in vielen Fällen – indem nur in die hübschen Seiten der Urbanität, also in Kultur und Lifestyle, investiert wird und nicht in Jobs und Business-Infrastruktur. Vergessen Sie die Theater, die Architektur, die schönen Parks, Cafés und Kinderspielplätze – es geht um Jobs. «Back to Basics» sozusagen.

Kommen die Jobs nicht fast von alleine, wenn erst einmal die Creative Class erfolgreich angelockt wurde?
Ich sehe es genau umgekehrt. Wenn Sie Ihre Stadt stark machen wollen, müssen Sie erst einmal deren Wirtschaft stark machen. Natürlich ist es wichtig, gute Leute in der Stadt zu haben, und natürlich ist es richtig, dass Kreative auch eine ganze Menge Jobs schaffen können. Aber diese Jobs entstehen nicht einfach dadurch, dass man an einem schicken Platz ein schickes Café eröffnet.

Also setzen wir lieber eine neue Fabrik an diesen Platz, und das Café und das Theater eröffnen sich dann von selbst?
So dann auch wieder nicht: Die Zeit der grossen Fabriken in der Innenstadt ist wohl endgültig vorbei. Aber in der Tat, wenn die Bürger in ihrer Stadt Arbeitsplätze haben, werden sie auch Geld für Kultur ausgeben.

Und wenn ich als Bürgermeister für meine Bürger Arbeitsplätze in der Kultur schaffe?
Dann machen Sie damit gleich zwei Fehler auf einmal. Denn erstens soll nicht die Gemeinde selbst die Arbeitsplätze schaffen, sondern sie soll in die städtische Infrastruktur investieren, die es dann anderen ermöglicht, Arbeitsplätze zu schaffen. Und zweitens gehören viele Jobs in der Kultur nun mal zu den am schlechtesten bezahlten überhaupt. Da werden in der Chemie- oder der Pharmaindustrie doch ganz andere Gehälter gezahlt.

In den globalen Ranglisten der Bestverdiener tauchen aber auch immer wieder Kreative auf…
Hollywood ist ein schönes Beispiel. Denn dass die Schauspieler dort so gut verdienen, liegt ja nicht so sehr daran, dass die Bürger von Los Angeles so gerne ins Kino gehen; es liegt daran, dass Menschen in aller Welt gerne Filme aus Hollywood sehen. Wenn ein solches Kultur-Konzept aufgehen soll, müssen also Kreativ-Leistungen erbracht werden, die exportfähig sind – wobei «Export» hier nicht gleich globale Ausstrahlung bedeuten muss; eine über die eigene Stadtregion hinausgehende Ausstrahlung reicht schon.

So gesehen schafft das mit der Ausstrahlung ja nicht nur Hollywood, das können beispielsweise auch Basel, Genf, Zürich, Wien oder Berlin.
Wien ist derzeit vielleicht sogar die beste Stadt der Welt. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs entstand dort eine Drehscheibe für Business in Mittel-und Osteuropa. Die Kultur dort ist gross, die Arbeitslosigkeit klein – die Jugendarbeitslosigkeit ist sogar die niedrigste in der Europäischen Union –, die Kriminalität ist gering und die Universität gut. Viel besser geht nicht.

Wenn man dem Creative-Class-Ansatz folgt, müsste eigentlich das Arm-aber-sexy-Berlin ganz vorne liegen.
Ach ja, Berlin. Die deutsche Hauptstadt wird immer wieder als Musterbeispiel für den Erfolg dieses Konzepts angeführt: jede Menge Start-ups, viele spannende junge Leute, ein grossartiger Platz, um dort zu leben, und das alles zum halben Preis von Oslo. Und das stimmt ja auch alles: Berlin hat derzeit eine grosse Anziehungskraft. Aber welcher Stadt würden Sie empfehlen, dem Berliner Beispiel zu folgen? Müsste man da nicht erst einmal die ganze Stadt nachhaltig demolieren, um jenes kaputte Flair zu erhalten, das Berlin so einzigartig macht? Nein, Berlin ist kein Vorbild, sondern eher eine Ausnahme von der Regel.

Kultur-Investitionen ziehen also nicht unbedingt eine kreative Klasse an?
Manchmal schon, aber längst nicht immer. Das Muster von Erfolg beziehungsweise Misserfolg lässt sich auf einen Satz reduzieren: Städte schaffen es vor allem dann, kreative Menschen durch Investitionen in Kultur anzuziehen, wenn sie auch ohne diese Investitionen für Kreative anziehend wären. Sonst bringt der Aufwand nichts.

Das klingt ja nicht gerade ermutigend.
Es ist aber vor allem für die Städte aus der zweiten und dritten Reihe realistisch. Wer zieht schon aus Berlin oder Paris nach Dortmund, nur weil dort ein neues Theater eröffnet wird? In Skandinavien bilden Kopenhagen, Stockholm und Oslo die erste Reihe, sie sind für Kreative ohnehin attraktiv, dort können neue kulturelle Angebote einen Turbo-Effekt auslösen. Aber wie sollten Aarhus oder Göteborg einen Turbo zünden können? Dazu müssten erst die Voraussetzungen geschaffen werden. Womit wir wieder bei den Jobs sind.

Jobs, Jobs, Jobs – wird das für einen Bürgermeister nicht langweilig?
Langweilig? Was ist daran denn langweilig? Ganz im Gegenteil, wenn es einer Stadt ökonomisch gut geht, ist das, was dort passiert, doch fast immer interessant. Nehmen Sie doch nur das heute so abgewirtschaftete Detroit: In den 1950er- und 1960er-Jahren, auf dem Höhepunkt des Auto-Booms, war die Stadt cool und ihre Kultur auch, Motown ist nur ein Stichwort dafür. Amsterdam im 17. Jahrhundert war eine faszinierende Stadt und Venedig im 14. Jahrhundert ebenso. Wenn eine Stadt vital und stark sein möchte, wenn eine Stadt für die besten Köpfe des Landes oder des Kontinents oder der Welt attraktiv sein möchte, braucht sie nun mal eine starke Wirtschaft.

Heute ist Detroit eher ein abschreckendes Beispiel, eine sterbende Stadt. Was ist da schiefgegangen? Und wie können sich die heutigen Verantwortlichen in anderen Städten schützen, damit es bei ihnen nicht auch so schiefläuft?
Detroit ist sicher ein besonders krasser Fall für das, was passieren kann, wenn eine Stadt von einer einzigen Branche abhängt – und es dieser Branche schlecht geht. Manchester oder Duisburg sind andere Beispiele dafür. Auch heute gibt es gerade unter den florierenden Städten einige mit einer ähnlich hohen Abhängigkeit: Das Schicksal Oslos ist sehr stark mit dem der Ölindustrie verknüpft, das von Zürich stark mit den Banken. Ein wenig mehr Diversifizierung wäre hier wohl sinnvoll, und zwar am besten nicht erst, wenn die Branche, von der man abhängt, ins Wanken gerät.

Ståle Økland ist Gründer und Leiter des norwegischen Trend-Beratungsunternehmens Global Retail Trends. Nach seinem Studium (Soziologie und Geschichte) arbeitete er in der Werbebranche als Creative und Managing Director. Sein Buch «Bykamp» (2014) befasst sich mit der Entwicklungn von Städten. Økland amtet auch als Politiker für die Konservative Partei Norwegens.