Dies ist ein Text aus der aktuellen Ausgabe von «GDI Impuls». 

Peter Spiegel

IQ steht genuin für Intelligenz-Quotient. Wenn man die Chiffre IQ jedoch auf die Ebene ihrer gesellschaftlichen Botschaft hebt, steht sie für Ich-Qualitäten: meine Intelligenz, meine Fähigkeiten, sie zu nutzen. Wofür steht WeQ? Für Wir-Qualitäten. Ein ganzes Jahrhundert war geprägt von der Erfolgsphilosophie, es komme in erster Linie auf die Ich-Qualitäten von Individuen an, vor allem basierend auf deren IQ.

Daraus leitete sich der Wert eines Menschen für die Gesellschaft ab: Wie viel Macht und Moneten steht ihm zu, und wie viel Ungleichheit zwischen den Menschen rechtfertigt dies. IQ war unangefochtener Antriebsmythos und äusserst langlebiger Megatrend mit einer unbestreitbar bestechenden Erfolgsbilanz. Aber auch mit einer Vielzahl unschöner und unkluger Nebenwirkungen.

Und jetzt soll dieser Megatrend sich seinem Ende zuneigen? Ersetzt werden durch einen Megatrend, der ein so klares «I» durch ein viel schwabbeligeres «we» ersetzt? Ja. Genau dies steht an und breitet sich mit einem grundlegend neuen Lebensgefühl und mit gravierend anderen Lebenserfahrungen aus, in allen Facetten, Biotopen, Sektoren und Lebenslagen und mit schon jetzt irritierend starken Erfolgsgeschichten. WeQ orientiert sich in seinen Zielen und Prozessen auf wir-bezogene Qualitäten, insbesondere auf gemeinwohlorientierte Ziele und auf teamorientierte Prozesse.

BEREICHERNDE ORIENTIERUNG

Die schlimmste Botschaft für die IQ-Orientierung: WeQ-Orientierung ist nicht nur ökologisch und sozial deutlich nachhaltiger, sondern auch intelligenter, kreativer, leistungsstärker, in einem umfassenden Wortsinne bereichernder und – wenn sich unternehmerisches Denken dafür öffnet – auch ökonomisch erfolgreicher. IQ wirkt einfach eng, ärmlich und überholt im Vergleich zu WeQ. Der Orientierung an Ich-Qualitäten kann man daher keine guten Zukunftsperspektiven mehr ausstellen. Die Orientierung an Wir-Qualitäten überrollt derzeit alles und macht alles neu.
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Etwas muss nicht in allen Punkten neu sein, um alles neu zu machen. Die Zahlen null und eins waren nicht neu, aber die Fokussierung auf sie eröffnete das digitale Zeitalter. Wir-Qualitäten sind keineswegs per se neu, aber die Erkenntnis von deren Charme und neuen Chanceneröffnungsqualitäten machte die Tore zu einer neuen, faszinierenden WeQ-Welt auf. Ein kleiner Rundflug durch diese Welt mag das verdeutlichen.

WIKIPEDIA

Lexika sind kondensiertes Weltwissen, so wichtig und fundamental, dass Brockhaus und Co. zu den erhabensten Tempeln des Wissens über alle bisherigen Zeitalter wurden. Brockhaus wird gegenwärtig final abgewickelt. Das Brockhaus-Zeitalter wurde durch jenes von Wikipedia abgelöst. Die neue Weltenzyklopädie Wikipedia wird täglich verbessert und fortgeschrieben durch Tausende freiwillige und ehrenamtliche Mit-Akteure, die die Macht über das Weltwissen der traditionellen elitären Intelligenz entrissen und sie kollektiver und demokratischer Intelligenz zugeführt haben.

Wiki ist die WeQ-Revolution der Wissenswelt.

CO-LABORATION

Das ist die freie Zusammenstellung von Teams aus Menschen, die irgendwo in der Welt leben und sich zur gemeinsamen Bewältigung eines zeitlich befristeten Projekts oder zum Start eines Unternehmens vereinbaren, aber sich anschliessend wieder neue Projekte und Co-Laboration-Teams suchen.

Co-Laboration ist die WeQ-Revolution der Arbeitswelt.

Warum sollten zentrale Neuentwicklungen zum Eigentum und Machtinstrument von wenigen werden, warum nicht zum freien Eigentum und Instrument aller und zum Objekt der gemeinsamen Weiterentwicklung durch alle? Content-Management-Systeme zur Gestaltung von Homepages hätten ebenfalls wie so viele andere Software-Produkte zu Gelddruckmaschinen von Microsoft, Google, Facebook und Co. werden können. Hier jedoch «gewannen» bereits sogenannte Open-Source-Produkte, die von Experten in globaler Zusammenarbeit kostenfrei entwickelt wurden und permanent weiterentwickelt werden, wie Typo3 und Drupal den Wettbewerb gegen kommerzielle Anbieter.

Dort, wo Open-Source-Produkte bereits Teil der Wirtschaft wurden, haben sie dieser keineswegs geschadet, sondern wirkten gerade auch als wirtschaftliche Entwicklungsbeschleuniger. Dennoch ändert Open Source nichts weniger als unseren Eigentumsbegriff und damit auch Eigentumsverhältnisse. Open Source ersetzt Eigentum durch etwas, das man als Wirkentum bezeichnen könnte. Eigentum individualisiert Zugangsrechte, «Wirkentum» bedeutet: für alle kostenfrei zugänglich, wir-orientiert und wirkungsorientiert zugunsten der Entwicklungspotenziale aller Menschen und aller Unternehmen.

MOOC

Private Initiativen der Co-Laboration treten inzwischen auch dem Staat zur Seite bei der Bereitstellung von Gemeingütern. Im Sinne einer neuen Generation von Gemeingütern revolutionierte beispielsweise der ehemalige Finanzanalyst Salman Khan mit seiner Online-Learning-Plattform khanacademy.org die Welt des menschlichen Lernens. Über diese und andere «MOOC» (Massive Open Online Courses) kann jeder jederzeit jedes schulische, universitäre und bald auch berufliche Wissen überall und für immer kostenfrei in höchst professionell-pädagogischer Weise lernen. Dies ist die Verwirklichung des Menschheitstraums der besten Bildung für alle, und dies nahezu zum Nulltarif.
MOOC ist die WeQ-Revolution der Wissensaneignung.

CO-CREATION

Bei der Co-Creation werden die Kunden von Produkten und Unternehmen zu deren Mitentwicklern, und beide Seiten profitieren davon erheblich, wie Untersuchungen bestätigen. Unternehmen, die diesen Trend verstanden haben, entwickeln bessere Produkte und Dienstleistungen und bessere Kundenbindung. Und nebenbei werden Kunden buchstäblich zu Mitgestaltern von Wirtschaft, wo immer sie dies möchten.

Co-Creation ist die WeQ-Revolution der Produktentwicklung.

Und immer häufiger werden Produkte dann auch gemeinsam genutzt. Beim Sharing, ob von Auto, Wohnung, Büro oder Waschmaschine, ist für die Nutzung kein persönliches Eigentum mehr nötig, es reicht der Zugang. Vorhandene Kapazitäten werden so besser ausgelastet, Ressourcen gespart, die materielle Last für den Einzelnen genauso verringert wie die Umweltbelastung.
Sharing ist die WeQ-Revolution des Konsums.

DESIGN-THINKING

Letzte Station dieses kleinen Rundflugs durch die WeQ-Welt ist das Design-Thinking. Dabei handelt es sich um eine Methode zur systematischen Entwicklung von Innovationen. Der Unterschied zur Innovationgenerierung in traditionellen Labors und Entwicklungsabteilungen: Mit Design-Thinking wird Innovationsentwicklung in den entscheidenden Phasen von den klassischen Experten abgeschnitten und ganz besonders heterogenen Teams übereignet. Frei von den Verengungen von Fachexperten, entwickeln diese sehr vielfältig zusammengesetzten Teams Lösungsideen, die bewusst die Frage der technischen Realisierbarkeit ignorieren. Erst dann werden Experten wieder zugelassen und hinzugezogen, um die konsequent bedarfs-, zielgruppen- und wir-orientierten Lösungen mit Hilfe von deren Fachkompetenz praktisch umzusetzen. Der gesamte Innovationsprozess ist hier von Wir-Qualitäten geprägt.
Design-Thinking ist somit die WeQ-Revolution in der Innovationsentwicklung.

WEQ IN DIE WIRTSCHAF TRAGEN

WeQ ist also nicht etwas, was erst eines Tages passieren wird. WeQ ist schon da. Viele entscheidende Impulse stammen dabei nicht aus der Wirtschaft, sondern aus der Szene rebellischer Weltverbesserer, die aber inzwischen immer besser lernen, sozialunternehmerischer zu denken und zu handeln. Zunächst erkannten nur wenige kluge Führungskräfte in der Wirtschaft deren Wert. Doch jetzt scheint die Zeit reif für eine weitere WeQ-Revolution, einen weiteren WeQ-Prozess: Die Wirtschaft und auf gesellschaftliche Verbesserungen hin orientierte zivilgesellschaftliche Strömungen sehen sich nicht länger als Antagonisten. Sie lernen gerade, substanziell über lediglich imagepflegendes Sozialengagement von Unternehmen hinauszugehen und über substanzielle Kooperationen nachzudenken, die beiden Seiten und der Gesellschaft insgesamt völlig neue Nutzenoptionen eröffnen.

Für die Entwicklung von Wir-Qualitäten im Sinne einer solchen neuen Qualität der Kooperation von Wirtschaft und engagierter Zivilgesellschaft entwickelte sich in den vergangenen Jahren ein ganzes Bündel unterschiedlicher, aber in der Stossrichtung ähnlich gelagerter Konzepte. Die bedeutendsten Konzeptionsbegriffe sind Social Entrepreneurship, Social Business, Inclusive Business, Social Innovation, Social Impact Infrastructure, Social Finance, Missionrelated Investing. Diese Konzepte sind verbunden mit den Namen beziehungsweise Werken von Persönlichkeiten wie Muhammad Yunus (Grameen Bank), Jimmy Wales (Wikipedia), Bill Drayton (Ashoka) und C. K. Prahalad. Jeder dieser unterschiedlichen Ansätze legte in den vergangenen Jahren eine steile weltweite Erfolgsstory hin. Als Versuch einer begrifflichen Klammer über alle diese Trends, unternehmerisches und gesellschaftsverbesserndes Denken und Wirken klug zu verknüpfen, schlug ich den Begriff Social Impact Business vor.

WEQ-DNA UND WEQ-TEST

IQ ist nicht schlecht oder falsch, nur ist WeQ schlicht sehr viel mehr als IQ. Eine IQ-orientierte Bildung basiert auf einem deutlich kleineren Spektrum an Haltungen und Qualitäten. Durch die deutliche Erweiterung des Haltungsspektrums bei einer WeQ-orientierten Bildung werden nicht nur die kognitiven Fähigkeiten noch einmal erheblich besser entwickelt, weil man bei einem teamorientierten Lernen die Lernerfahrungen und Qualitäten der Teammitglieder viel besser für seine eigenen Lernkurven mitnutzen kann als bei einem einseitig individualisierten Konkurrenzlernen.

Wir-Qualitäten wie Verantwortungsgefühl, Engagement oder kooperative Gestaltungslust schaffen einen unvergleichlich stärkeren lebenspraktischen Bezug für alle Lernprozesse und fördern die eigenen lebensunternehmerischen Umsetzungskompetenzen. Unternehmen wie die Deutsche Bahn, Google und SAP suchen ihre neuen Mitarbeiter nicht länger nach deren Noten aus, weil Noten auf schulische Paukleistungen viel zu wenig über deren Können aussagen. Sie entwickelten daher inzwischen ihre ganz eigenen, auf das Können ausgerichtete Leistungserkennungs-Konzepte.

Ein lebensnäheres und erfahrungsgetragenes Lernen stärkt das Erlebnis der Selbstwirksamkeit, die Begeisterung für lebenslanges Lernen und damit auch die persönliche und gesellschaftliche Brauchbarkeit von allem Gelernten. Das Lernen der Wir-Qualitäten ist somit das Herz der WeQ-Revolution, weil sie jeden Menschen mit den Fähigkeiten ausstatten, die er in dieser neuen Ära braucht.

WeQ ist die DNA eines weiteren Quantensprungs zur Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten. Mit WeQ-Orientierung lernen wir, in jedem Menschen ein Bergwerk, reich an Edelsteinen von unschätzbarem Wert, zu entdecken. Die Menschheit steht erst am Anfang ihres Entfaltungspotenzials. Würde man Tests durchführen in zwei Vergleichsgruppen, wobei die eine in ihrer Ausbildung, an ihrem Arbeitsplatz und in ihrer persönlichen Lebensgestaltung noch weitgehend nach dem IQ-Modus lebt und die andere bereits ziemlich deutlich nach dem WeQ-Modus, wären wir vermutlich sehr erstaunt über die eklatanten Unterschiede in den Lebensgestaltungskompetenzen und in der Lebenszufriedenheit. Wir sollten schleunigst IQ-Tests vergessen und stattdessen WeQ-Tests entwickeln, mit denen wir den Entwicklungsstand im Prozess der fortschreitenden Wir-Qualitäten-Herausbildung feststellen.

WeQ ist offenbar ein Megatrend, wenn auch bisher noch in Inseldimensionen in unseren gesellschaftlichen Räumen. Es ist Zeit, in der gesamten Gesellschaft WeQ als Megatrend zu erkennen. Und unsere zivilgesellschaftlichen, unternehmerischen und politischen Rahmenbedingungen dementsprechend neu zu gestalten.