Die Folgen der leistungsorientierten 24/7-Gesellschaft für unseren Schlaf schrecken auf: Experten bestätigen, dass im Schnitt in westlichen Ländern heute eine Stunde weniger geschlafen wird als noch vor 20 Jahren. Das GDI Gottlieb Duttweiler Institute führte 2014 zum Schlafverhalten in der Schweiz eine eigene repräsentative Umfrage mit 1070 Beteiligten durch. Unsere Ergebnisse decken sich mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen der letzten Jahre: Beinahe die Hälfte der hiesigen Bevölkerung schläft weniger lang als noch vor zehn Jahren, nur ein Viertel schläft länger. Und: Nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität des Schlafes leidet unter den verschiedenen Treibern. So geben 35 Prozent der Befragten an, heute schlechter zu schlafen als noch vor zehn Jahren; nur 14 Prozent schlafen besser. Die Gründe für den Schlafmangel sind augenfällig: Unser Alltag ist überfrachtet, dem Schlaf wird keine Priorität eingeräumt. Die Erwerbstätigen im Alter von 15 bis 54 Jahren nennen zudem häufig die Arbeit als Grund für den Schlafmangel.




«Schlafstudie»


Die Flexibilisierung der Gesellschaft ist noch nicht abgeschlossen. Doch inmitten dieses Prozesses werden Stimmen laut, die auf die Nachteile eines 24/7-Rhythmus aufmerksam machen. Flexibilisierung produziert auch Hyperaktivität – und immer öfter mehr Komplexität, als sie absorbiert. Mit zunehmendem Multitasking werden die Menschen immer erschöpfter, müder und machen häufiger Fehler. In diesem Sog wächst die Sehnsucht nach Dauerhaftem, nach festen Strukturen und Rhythmen. «Wir müssen uns als Gemeinschaft über unsere wahren Bedürfnisse klar werden und entsprechend neue Lebensweisen finden», erklärt der New Yorker Kunstprofessor und Buchautor Jonathan Crary.

Je mehr wir an die Grenzen unserer Leistungsfähigkeit stossen, desto stärker manifestieren sich das Bedürfnis nach Erholung und der Wunsch nach gutem Schlaf. Unterstützt wird diese Rückbesinnung auf den Schlaf durch das steigende Gesundheitsbewusstsein, das die Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts prägt. Wir sind um einen möglichst gesunden Lebensstil bemüht, Sport als Freizeitaktivität und viel Gemüse auf dem Menüzettel gelten für einen grossen Teil der Europäer als selbstverständlich.

Auch die alternde Gesellschaft fördert das Bedürfnis nach Entschleunigung und mehr Ruhe. Wie aktiv jemand in der Nacht ist, hängt neben den individuellen Rhythmen und der Arbeitssituation nämlich auch vom Alter ab. In einer zunehmend älter werdenden Gesellschaft verliert das aktive Nachtleben an Reiz. Lange Nächte an Partys und in Clubs werden zur (willkommenen) Ausnahme, gemütliche Abende zu Hause die Regel. Die Eventbranche hat diesen Trend schon längst erkannt und bietet Afterwork- oder auch Lunch-Partys für über 30-jährige Berufstätige an, die keine Nächte mehr durchfeiern mögen oder können. Mit dem demographischen Wandel wird es automatisch ruhiger werden um die Nacht, denn im Jahr 2060 werden sich knapp 30% der Schweizer im Rentenalter befinden. Um es mit den Worten des Soziologen Peter Gross zu sagen: «Das Alter mässigt eine heiss laufende Gesellschaft.»

Schlafen ist ein Grundbedürfnis wie Essen und Trinken. Alle drei braucht der Mensch, um seine Energieressourcen aufzufüllen. Die Kulturwissenschaftlerin Brigitta Steger bezeichnete Schlaf gar als die «radikalste und weitreichendste Form des Ausspannens vom sozialen Leben», die gleichzeitig für das Funktionieren dieses sozialen Lebens unabdingbar sei.

Die gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen der letzten Jahre haben auch das Essverhalten stark geprägt: Statt zuhause drei feste Mahlzeiten einzunehmen, essen wir, wann und wo es gerade passt. Die Anbieter haben sich längst darauf eingestellt und bieten inzwischen je nach Wunsch gesunde, vegane oder lokale Snacks und Mahlzeiten für unterwegs an. Beim Schlafen hat diese Anpassung noch nicht stattgefunden, denn obwohl auch unsere Schlafgewohnheiten durch Smartphone, Leistungsgesellschaft und steigende Mobilität unter Druck geraten, schlafen wir wie zu Beginn der Industrialisierung in der Nacht, zuhause und am Stück. Das private Schlafzimmer gewinnt aber als Refugium in unserer «Always on»-Gesellschaft an Bedeutung, wir investieren heute mehr denn je in Bettsysteme und -Design. Die paradoxe Konsequenz: Schlaf war noch nie so komfortabel und gleichzeitig ein so knappes Gut wie heute. Auf die lange Dauer werden wir die Übermüdung genauso wenig ignorieren können wie den Hunger oder den Durst. Deshalb wird sich die kollektive Einstellung zum Schlaf in den nächsten Jahren massiv ändern. Schlaf wird zunehmend zum grossen Anliegen unserer Gesellschaft werden.

Die GDI-Studie «Die Zukunft des Schlafens» können Sie auf unserer Website kostenlos downloaden.