Dieser Artikel entstammt der aktuellen Ausgabe von «GDI Impuls». 

Von Detlef Gürtler, Chefredaktor «GDI Impuls»

Er hätte ein Wendepunkt werden können, jener 5. November 1757. Das französische Heer verlor fast kläglich in der Schlacht bei Rossbach gegen die Armee des Preussenkönigs Friedrich des Grossen, eklatante Schwächen Frankreichs wurden offenbar. Das Land, seine Institutionen, seine Wirtschaft, die höfisch-ignorante Gesellschaft, deren monströses Symbol das Schloss Versailles war, waren nicht mehr zeitgemäss, ein Neuanfang würde entschlossenes und tief greifendes Handeln erfordern. Doch statt zu einem Wendepunkt in Frankreichs Geschichte zu werden, ging die Schlacht bei Rossbach vor allem durch einen Satz in die Geschichte ein – durch den Kommentar der offiziellen Mätresse Ludwigs XV., Madame de Pompadour: «Après nous le déluge!» Nach uns die Sintflut. So kam es dann auch, 32 Jahre später.

Die Mentalität, die sich in diesem Ausspruch äussert, ist nicht auf dekadente Potentaten beschränkt. Auch bei Managern und Politikern ist dieses Entscheidungsverhalten zu finden: Es tritt immer wieder auf, wenn langfristig wirksame Entwicklungen eine kurzfristige Reaktion erfordern – die Bewertung dieser Reaktion aber eher aufgrund der kurzfristigen Ergebnisse erfolgt. Bei der nächsten Wahl, im nächsten Quartalsbericht, morgen an der Börse. Wenn jemand, der, salopp formuliert, heute etwas tun soll, was ihm persönlich schadet oder zumindest nicht nutzt, beschreibt «Nach mir die Sintflut» also eine naheliegende Verhaltensweise. Nur eben nicht die richtige. «Vor mir die Sintflut» wäre besser, also eine konsequente Gefahrenabwehr, ohne auf den persönlichen Vorteil zu achten. Aber wie schafft man es, diejenigen, die vielleicht gar nicht direkt bedroht sind, zu einer Vor-mir-die-Sintflut-Verhaltensweise zu bewegen?

FLUT HAPPENS, SO ODER SO

Beginnen wir, der Einfachheit halber, ganz wörtlich – bei der Sintflut. Also jener grossen Überschwemmung oder Sturmflut, auf die die jeweiligen Deiche, Sperrwerke oder Polder nicht vorbereitet sind. Jahrhundertereignisse, wie sie immer mal wieder an irgendeiner Küste oder einem Ufer passieren; und dabei muss man nicht einmal darüber streiten, welche Rolle dabei der menschgemachte Klimawandel spielt: Flut happens, so oder so. Die «hydrologischen Katastrophen» machen nach Angaben der Katastrophen-Statistik des belgischen Centre for Research on the Epidemiology of Disasters etwa die Hälfte aller Naturkatastrophen aus, mit ebenfalls etwa der Hälfte aller betroffenen Personen. Bei Todesfällen und Schadenshöhe liegen hingegen die «geophysikalischen Katastrophen» (Erdbeben, Vulkanausbrüche) vorn.

Naturereignisse werden erst zu Katastrophen durch den Schaden, den sie anrichten. Und für Schäden gibt es Spezialisten: die Versicherungen. Auch für katastrophale Schäden gibt es Spezialisten: die Rückversicherungen. Ihr Job ist es schliesslich, genau dann einzuspringen, wenn ein Schaden das normale, und normal versicherbare, Ausmass übersteigt. So sammelt ein Spezialist wie die Swiss Re, um wiederum sein Risiko kalkulieren zu können, alles, was er an Daten über katastrophengefährdete Regionen bekommen kann. Dazu gehören nicht nur historische Schadensereignisse, sondern auch der aktuelle Stand der Schutzmassnahmen, und damit auch die Qualität der politisch Verantwortlichen. Versicherer können dadurch sowohl Druck ausüben als auch Hilfestellung leisten.

Druck ausüben können sie, indem sie ganz kaufmännisch für schlechtere Vorsorge höhere Prämien verlangen. Je schlechter der Küstenschutz, desto teurer die Versicherung – eine ganz rationale Rechnung, die die Verantwortlichen von heute zur Rücksicht auf die Interessen der Bürger von morgen, nun ja, überreden soll.

WIR STEHEN GEMEINSAM IN DER HAFTUNG

Und Hilfestellung leisten, indem sie Kosten-Nutzen-Rechnungen zur Verfügung stellen. Denn die Versicherer können aufgrund ihrer globalen Erfahrung für alle erdenklichen Einzelmassnahmen kalkulieren, welcher Aufwand und welcher Ertrag damit verbunden sind. Wobei ihre Expertise eben gerade nicht enthält, welche Einzelmassnahmen der Klientel der Regierungspartei vor Ort am meisten nutzen – aber es geht ja auch gerade darum, eine Vor-mir-die-Sintflut-Mentalität zu unterstützen.

Allerdings gibt es gerade im Katastrophen-Segment eine Reihe von Ländern, für die das Druck-Szenario nicht funktioniert. Das sind, logisch, diejenigen, die zu arm sind, um überhaupt Vorsorge treffen zu können. Aber das sind auch viele, die Ressourcen für die Vorsorge haben – aber keine Versicherungsprämie bezahlen. Die Niederlande sind ein Beispiel dafür: Der Kampf gegen die Sturmfluten ist dort keine Einzelmassnahme, sondern eine zentrale Aufgabe für die gesamte Gesellschaft. Das Sturmflut-Risiko wird dort nicht versichert, weil faktisch alle Niederländer seit Jahrhunderten gemeinsam in der Haftung stehen.

Aber auch in diesen Fällen, in denen kein direkter ökonomischer Druck ausgeübt werden kann, gäbe es für die Rückversicherer einen Weg, auf diejenigen Einfluss auszuüben, die die langfristige Existenzsicherung offenbar weniger wichtig nehmen als kurzfristige politische Ziele: den Weg an die Öffentlichkeit. Dieser Weg allerdings wird bezogen auf einzelne Regionen bislang nur gegangen, um vorbildliche Akteure herauszustellen. Aber wer Rankings der besten Hochwasserschutzmassnahmen herstellen kann, könnte auch problemlos Rankings der schlechtesten Massnahmen machen. Sicher, damit läuft man das Risiko, sich Ärger einzuhandeln – aber es wären höchst sinnvolle Informationen, um politisch Verantwortliche weltweit zu nachhaltigem Handeln anzuregen.

DIREKTE BETROFFENHEIT – DIREKTE VERANTWORTUNG

Die Hoffnung allein, über Aufklärung und Bewusstseinsbildung zukunftsfähiges ökologisches Handeln zu erreichen, hat sich spätestens mit dem Scheitern des Welt-Klimagipfels in Kopenhagen 2009 zerschlagen. Die Weltgemeinschaft verändert ihr Handeln offenbar nicht durch Einsicht, sondern durch Krisen.

Und damit verändert sich auch der Aktionsraum, um zu einer Vor-mir-die-Sintflut-Mentalität zu kommen. Er wird kleiner. Denn bevor die Krise global erfahrbar wird, findet sie in vielen lokalen und regionalen Katastrophen statt. Auf dieser Ebene gibt es direkte Betroffenheit und direkte Verantwortung – und es gibt sehr direkte Möglichkeiten, den Schalter umzulegen. Small is powerful.

Wie überall auf der Welt und in der Politik steigt die Einsicht in die Notwendigkeit von Katastrophenschutz erst nach der Katastrophe. Diejenigen aber, deren Geschäft die Kalkulation (und Verhinderung) von Katastrophen ist, haben gute Chancen, die Einsicht schon vor der Sintflut zu wecken.