Von Karin Frick, Head Research

One-size-fits-all funktioniert heute nicht mehr. Der Konsument lehnt standardisierte Massenware zunehmend ab und verlangt individualisierte Produkte, wie z. B. Müeslimischungen (mymuesli), massgeschneiderte Turnschuhe (miadidas) oder Schokloade (myswisschocolate). Der Trend geht zum Individual-Produkt, das gilt auch für Gesundheit: also weg von der Massenmedizin und hin zur personalisierten Medizin. Damit ein Produkt oder eine Leistung personalisiert werden kann, muss man die individuellen Bedürfnisse, Wünsche und Besonderheiten kennen. Wer einen massgeschneiderten Anzug herstellen will, muss wissen, welche Körpermasse jemand hat, welchen Stoff und Stil er bevorzugt. Auch für personalisierte Medizin braucht es individuelle Daten, auf die die Behandlung aufbauen kann.

Aufgrund des technischen Fortschritts der Bio- und Informationstechnologie verfügen wir heute über so viele Daten wie nie zuvor. Sie stammen zum einen aus Genanalysen, die immer schneller und billiger werden, und zum anderen erzeugt die zunehmende Nutzung von mobilen Geräten riesige Mengen von persönlichen Verhaltensdaten. Während die Erkenntnisse aus Gen-Analysen bereits heute für die Diagnose und Therapie bei verschiedenen Krankheiten genutzt werden, wurde das Potenzial von Smartphone-Daten für die Gesundheit noch kaum erkannt.

Doch bereits heute weiss Google oder mein Telco-Provider mehr über meine individuellen Gesundheitsrisiken als mein Arzt oder meine Versicherung. Durch die Auswertung von Suchanfragen kann Google zum Beispiel den Verlauf von Grippe-Epidemien vorhersagen oder kritische Wechselwirkungen zwischen Medikamenten früher als jede Behörde erkennen. In Zukunft werden Smartphones immer mehr wertvolle Gesundheitsinformationen liefern. Die nächste Generation von mobilen Geräten wie Google-Brillen und iPhone-Uhren werden wir direkt am Körper tragen. Sie zeichnen alles auf, was wir tun, mit wem wir kommunizieren, wie viel wir uns bewegen, was wir essen, wie wir uns fühlen, wie wir schlafen. Auch die Messung von Vitalwerten wie Puls, Blutdruck und Blutzucker gehören bald zur Standardausstattung von mobilen Kommunikationsgeräten.

Die Auswertung der Kommunikations- und Bewegungsmuster von einer sehr grossen Zahl von Menschen ermöglicht es, auch individuelle Gesundheitsrisiken immer besser vorherzusagen. Je mehr Daten zur Verfügung stehen, umso besser werden die Resultate. Zurzeit entwickeln verschiedene Unternehmen Gesundheits-Apps, die gezielt zur Vorhersage eingesetzt werden sollen.

Beispiel: Ginger IO ist eine Smartphone-App, die zwei Tage im Voraus sagen kann, ob eine Depression ausbricht. Wie funktioniert das? Die App analysiert Kommunikations- und Bewegungsmuster aus Smartphonedaten. Ginger IO konzentriert sich vorerst auf Menschen mit Diabetes, die ein sehr hohes Risiko für Depressionen haben.

Mit der Verdatung des Lebens erhält die Prävention eine neue Grundlage. Statt nur allgemeine Verhaltensregeln zu postulieren, kann man gezielt auf individuelle Risiken einwirken. Ein Vorteil des elektronischen Gesundheitsmonitorings ist, dass es ermöglicht, einen individuellen Zustand im Kontext von externen Einflussfaktoren zu beurteilen, und damit die individuellen Besonderheiten einer Person und ihrer Situation berücksichtigen kann.

Vorerst geht es um Kurzfristprognosen: Das Monitoring wird zuerst bei chronisch Kranken eingesetzt, um mögliche Komplikationen vorherzusehen und frühzeitig zu behandeln. In Zukunft werden Therapie und Prognose immer stärker verschmelzen (= Theragnostik). Der Fokus der Behandlung wird sich allmählich verschieben von Pillen auf Apps, die den individuellen Gesundheitszustand kontinuierlich beobachten und das Verhalten coachen. So werden zum Beispiel statt eines Schlafmittels Schlaf-Apps verschrieben, die den individuellen Schlafrhythmus überwachen und coachen.

Sollen Prognosen erfolgreich sein, ist ein vernetztes Denken gefragt und die Kooperation über Branchengrenzen hinweg. Ohne Vernetzung der Daten bleibt personalisierte Medizin eine Fiktion. Ob und unter welchen Bedingungen die vermehrte Selbstbeobachtung zu gesunderem Verhalten verleitet oder zu Hypochondrie, bleibt vorerst offen. Klar ist, dass Monitoring nie neutral ist. Wer weiss, dass er beobachtet wird, entscheidet und verhält sich anders als jemand, der sich unbeobachtet fühlt.