Interview: Andrea Freiermuth, Migros-Magazin*

Vaclav Smil, in Ihren Publikationen und auf Youtube argumentieren sie gegen den Konsumwahn – warum?
Wir sind masslos geworden. Davon müssen wir abkommen. Es ist doch einfach dumm, wenn man mit einem zwei Tonnen schweren Gefährt zum Einkaufen fährt. Und schauen Sie sich die Häuser in den USA an: Im Schnitt sind sie 230 Quadratmeter gross. Niemand braucht so viel Platz.

Aber die Wirtschaft braucht Konsum.
Das ist das Problem. Unsere Wirtschaft basiert auf Wachstum. Und wir haben uns daran gewöhnt, dass wir immer reicher und reicher werden. Das kann aber nicht immer so weitergehen. Unser Planet ist endlich, folglich gilt die Endlichkeit auch für das Wachstum.

Was ist die Lösung?
Wir müssen dem Gesetz des Lebens gehorchen. Bäume, Menschen, alles auf der Erde wächst zu Beginn sehr schnell, aber irgendwann erreichen alle Organismen die maximale Grösse und wachsen nicht mehr weiter. Wir sind masslos geworden.

Wie kann man die Menschen davon überzeugen, weniger zu konsumieren?
Es gibt nur einen Weg, und zwar über die Geldbörse. Wir zahlen für viele Dinge zu wenig. Lebensmittel waren noch nie so günstig wie heute. In den USA etwa wird im Schnitt bloss 10 Prozent des Einkommens für Essen ausgegeben, in Frankreich sind es 15 Prozent. Darum lassen wir auch 40 Prozent der Nahrungsmittel, die wir erzeugen, verderben. Dasselbe ist mit Wasser und Strom. Wir zahlen zu wenig dafür, und darum gehen wir verschwenderisch damit um.

Wie schaffen wir die Abkehr vom Konsum?
Bildung kann helfen. Aber wahrscheinlich braucht es erst eine Krise. Der Mensch ist sehr anpassungsfähig. Wir passen uns jedoch nur an, wenn wir müssen. Alle grossen Veränderungen in der Geschichte basieren auf diesem Prinzip. Ohne den Zweiten Weltkrieg gäbe es die EU nicht – und ohne EU würden sich die Leute in Europa wahrscheinlich immer noch die Köpfe einschlagen.

Anstatt Konsumverzicht könnte doch auch Innovation eine Lösung sein.
Heute braucht praktisch jeder Motor weniger Benzin als noch vor 30 Jahren. Auch die Herstellung von Stahl oder Zement benötigt weniger Energie. Aber diese Effizienzsteigerung wird von höheren Ansprüchen aufgewogen. Darum sind grüne Technologien alleine nicht die Lösung.

Ihr neuster Titel heisst «Harvesting the Biosphere», also «Ernte der Biosphäre». Was bedeutet er?
Die Leute denken, das Wichtigste sei Benzin für ihre Autos oder billiger Strom, um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Aber das Wichtigste ist immer noch die Biosphäre: In ihr findet die Photosynthese und damit das Leben statt. Ohne die Biosphäre und die darin enthaltene Biomasse könnten wir einpacken. In meinem Buch zeige ich auf, wie die Menschen das Gleichgewicht in der Biosphäre verändert haben. Seit der Steinzeit haben wir die Masse der lebenden Pflanzen um rund 40 Prozent verringert. Unsere eigene Masse und jene unserer Nutztiere ist jetzt viel grösser als die Masse aller wilden Kreaturen.

Sie provozieren gerne und sagen, dass es dringendere Probleme als den Klimawandel gibt. Sind Sie ein Leugner der Klimaerwärmung?
Sicher nicht. Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre steigt, und das Klima hat sich verändert. Daran gibt es nichts zu rütteln. Aber niemand weiss genau, wie warm es in Zukunft tatsächlich wird. Das Klima wird von so vielen Faktoren beeinflusst. Da kann man einfach keine verlässlichen Vorhersagen treffen. Zudem geht mit dem Fokus auf den Klimawandel vergessen, dass das Wasser an vielen Orten knapp wird, weil es entweder verschmutzt ist oder die Grundwasserreserven aufgebraucht sind. Auch die Erosion von fruchtbarem Land hat ein dramatisches Ausmass angenommen. Darüber spricht niemand. Die Leute konzentrieren sich einfach zu sehr auf ein Problem und vergessen alle anderen.

Lassen Sie uns über Europa sprechen. Sie sehen die Zukunft des Alten Kontinents düster.
Die Bevölkerung wird immer älter, und die Jungen haben keine Arbeit. Sie kennen die Zahlen. Eigentlich erstaunlich, dass es in Spanien noch keine Revolution gegeben hat. Dann ist da das grosse Unbehagen mit der EU und die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen aus Russland. Hinzu kommen die Migranten aus Afrika. Europa hat viele Probleme.

Können Sie auch etwas Nettes sagen?
Europa ist wunderschön. Seine wahrscheinlichste Rolle in der Zukunft wird diejenige eines Museums sein. Ein Museum, das viele chinesische Touristen besuchen werden.

Und was für eine Rolle hat die Schweiz?
Die Schweiz will kein EU-Mitglied sein, aber alle Vorteile der Union geniessen. Wenn ich ein Bürokrat in Brüssel wäre, würde ich das nicht toll finden. Aber natürlich verstehe ich auch die Schweiz. Sie kann kein Vollmitglied werden, ohne die direkte Demokratie aufzugeben. Das ist ein Dilemma. Aber keine Angst: All die chinesischen Touristen, die künftig nach Europa kommen, wollen sicher auch das Matterhorn sehen – und Chinesen lieben Schweizer Uhren.

Waren Sie schon in der Schweiz?
Ja, schon mehrmals. Nach Interlaken und Zermatt gehe ich aber nicht mehr. Das ist ein internationaler Zoo. Vor zwei Jahren war ich in Les Diablerets, dort hat es praktisch keine Touristen, das hat mir gefallen.

Im Vergleich zu Kanada sind unsere Berge domestiziert.
Der Vorteil ist, dass ihr keine Grizzlys habt. Die sind gefährlich. Darum wandere ich lieber in den Schweizer Bergen als in den Rocky Mountains. 

* Dies ist ein Auszug eines Interviews aus dem Migros-Magazin, die Vollversion lesen Sie hier.