Von Karin Frick, Peter Gloor, Detlef Gürtler

Im Sport werden die Meister meist jährlich ermittelt. Auch die Oscar-Trophäen und die Nobelpreise werden jedes Jahr von neuem verliehen, die meisten anderen Preise oder Rankings halten sich ebenfalls an den Jahresrhythmus. So kontinuierlich und fliessend neue Erkenntnisse, Bücher, Kunstwerke das Licht der Welt erblicken, so punktuell und mit fester Taktung werden sie von Jurys und anderen Institutionen bewertet. Auch bei der Untersuchung der Global-Thought-Leader scheint es sinnvoll zu sein, jährlich eine Bewertung vorzunehmen, um damit auch im Zeitverlauf die Entwicklung des Einflusses und der Relevanz einzelner Denker und Denkschulen beurteilen zu können.

Schon nach der ersten Erstellung einer Global-Thought-Leader-Map im Jahr 2012 stellten sich uns eine Reihe von Fragen, deren Antworten erst eine neue Durchführung einer solchen Untersuchung bringen konnte; ebenso hatten wir eine Reihe von Vermutungen, die sich im kommenden Jahr bestätigen konnten – oder eben nicht. Und tatsächlich haben sich durch die nun vorliegende Untersuchung eine Reihe von Antworten ergeben – aus denen, wie so oft in der Forschung, neue Fragen entstehen, für die dann beim nächsten Mal Antworten gefunden werden können.

ZENTRALITÄT UND RELEVANZ
Eine unserer offensten und spannendsten Fragen betraf den Zeitrahmen der Analyse. Eine Betrachtung der Blogosphäre für einen kurzen Untersuchungszeitraum von ein bis zwei Wochen könnte eher den Charakter einer Momentaufnahme aktuell wogender Debatten haben, als zu den wirklich einflussreichen Denkern vorzudringen. Diese Vermutung wurde nur teilweise bestätigt: Einige 2012 sehr hoch bewertete Ideengeber landen 2013 in der Tat weit abgeschlagen (siehe Tabelle Seite 39), aber für eine ganze Reihe von Denkern gab es in beiden Untersuchungen solide Plätze im Vorderfeld.

Womit sich die Frage stellt, ob es hier ein Muster gibt, mit dem sich zwischen Einjahresfliegen und dauerhaft einflussreichen Thought-Leadern unterscheiden lässt. Ein möglicher Indikator für diese Unterscheidung könnte in der Zentralität eines Denkers bestehen: Je näher die Position einer Person in der Thought-Leader-Map der Blogosphäre am Zentrum der Karte liegt, desto wahrscheinlicher könnte es sein, dass er auch im kommenden Jahr auf vorderen Plätzen dabei ist. Ein anderer möglicher Indikator könnte die Zahl der Verbindungen sein, über die ein Denker mit anderen untersuchten Denkern verknüpft ist. Je mehr solcher Relationen in diesem Jahr vorhanden sind, desto grösser wäre dann die Wahrscheinlichkeit einer erneut hohen Platzierung im kommenden Jahr.

Da sich beide Vermutungen direkt auf die Darstellung der bereits abgeschlossenen Untersuchungen beziehen, bietet es sich geradezu an, sie zu testen – indem man vor Beginn der nächsten Untersuchung eine daraus abgeleitete Prognose formuliert, welche der Thought-Leader der ersten beiden Jahre auch im dritten Jahr vorn liegen und welche ins Mittelmass zurückfallen.

DOMINANZ DES ABENDLANDS
Durch das Design der in der Untersuchung verwendeten Analyse-Software ist vorgegeben, dass die Auswahl der zu beobachtenden Personen eine entscheidende Rolle spielt. Dieser Input bestimmt in hohem Masse mit, welche der vielen potenziell zu berücksichtigenden Quellen der Infosphäre wie relevant für die Analyse sind.

Bei der ersten Untersuchung war die Erstellung der Kandidatenliste in erster Linie vom Untersuchungsteam selbst vorgenommen worden; zudem wurden viele Vorschläge von Denkern berücksichtigt, die über eine Beziehung zum GDI Gottlieb Duttweiler Institute verfügen. Die Vermutung lag nahe, dass dabei aufgrund des Mindsets der Beteiligten einzelne Denker-Gruppen überrepräsentiert sein könnten – insbesondere Ökonomen sowie Ideengeber aus dem Abendland.

Der deutlich breiter angelegte Auswahlprozess für die diesjährige Untersuchung erlaubte es uns, diese Vermutung zu überprüfen. Dabei hat sich quantitativ die herausgehobene Rolle der Ökonomen bestätigt: Sie stellen erneut das mit Abstand grösste Kontingent aller wissenschaftlichen Disziplinen. Offensichtlich ist ihr Fachgebiet in der heutigen Zeit in besonders hohem Masse daran beteiligt, Brücken zwischen verschiedenen Fachrichtungen zu bauen. Zudem prägen Ökonomen stark die gesellschaftlichen Debatten, da sie mit Fragen befasst sind, die direkt in die Lebensgestaltung vieler Menschen eingreifen.

Und was das Abendland angeht: Es scheint auch bei einer breiter angelegten Kandidatenauswahl den globalen Diskurs zu bestimmen – zumindest insofern, als er sich in englischer Sprache abspielt. Erklärungsbedürftig ist allerdings, dass sich auch diesmal kein einziger chinesischer Denker in der Liste der hundert einflussreichsten Ideengeber befindet. Hierfür würden wir gern in den kommenden Jahren eine Antwort finden   – am liebsten in Form einer «China-Thought-Leader-Map».

OFFENE SPRACHEN-FRAGE
Damit sind wir bereits bei der ersten jener offenen Fragen angelangt, vor denen wir jetzt völlig neu nach dieser zweiten Untersuchung stehen und die erst bei zukünftigen Auflagen beantwortet werden können. Es ist die Sprachen-Frage – und damit eigentlich die Frage nach der Berücksichtigung auch anderer Kulturräume. Bislang haben wir uns weitgehend auf die Untersuchung englischer Quellen konzentriert: Wer zu den Global-Thought-Leadern gehören will, so die Begründung, muss mit seinen Ideen auch in den Debatten der globalen Sprache wahrgenommen werden, und das ist nun einmal Englisch. Thought-Leader-Untersuchungen für die Kulturräume der übrigen grossen Sprachen des Abendlandes – also vor allem Französisch, Spanisch oder Deutsch – können sicherlich ein interessantes Bild der prägenden Denker und Debatten in den betreffenden Ländern zeichnen, aber sie stellen dennoch eher das Bild einer zweiten Liga dar.

Anders sieht es mit den grossen Sprachen des nicht-abendländischen Raums aus – nämlich Chinesisch und Arabisch, in geringerem Ausmass auch Russisch und Türkisch. Denn die Denker dieser Sprachräume sind in den englischsprachigen Quellen so gut wie nicht vertreten. Hier gibt es offenbar keinen Automatismus, wonach die Ideen der einflussreichsten Köpfe auch den Weg in die englischsprachige Infosphäre finden.

Die Gründe dafür mögen vielfältig und auch jeweils spezifisch sein. In der Türkei und der arabischsprachigen Welt spielen sicherlich auch religiöse Gründe eine Rolle für die relative Isolation der eigenen Ideenproduktion, in Russland kann zudem die traditionelle Gegnerschaft zu den USA aus der Zeit des Kalten Krieges eine intellektuelle Ausdehnung ins Englischsprachige behindern. In China gesellt sich auch noch ein systemisches Problem hinzu: Die «great firewall», die das chinesische Internet von dem der übrigen Welt abtrennt, ist auch für die Software von Galaxyadvisors kaum zu durchdringen – und wenn doch, muss damit gerechnet werden, dass die Suchresultate verfälscht sind: Was durchgelassen wird, ist entweder von Exilchinesen geschrieben oder von Zensoren manipuliert. Aber was auch immer im Einzelnen dazu beiträgt, dass sich diese Länder beziehungsweise Sprachräume aus dem Ideenstrom der restlichen Welt heraushalten – alles spricht dafür, zumindest für China und Arabien eigene Thought-Leader-Maps zu zeichnen.

HUNDERT MILLIONEN ZHANGS
Technisch ist das sicherlich machbar. Allerdings ist damit für jede einzelne Sprache ein beachtlicher Aufwand verbunden: Es muss herausgefunden werden, welche Publikationen beziehungsweise Diskussionsforen jeweils am wichtigsten für die Debatten innerhalb der Gesellschaft oder der Intellektuellen sind, es muss eine qualitativ hochwertige Vorauswahl der Kandidaten getroffen werden, was eine gute Kenntnis des jeweiligen Kulturraums erfordert, und es müssen diese Denker dann auch noch korrekt gefunden und ihre Beziehungen registriert und bewertet werden. Schon Letzteres kann zum verzwickten technischen Problem werden – in China etwa gibt es allein hundert Millionen Menschen mit dem Nachnamen Zhang. Ob es schon im kommenden Jahr so weit sein kann, auch andere Sprachräume zu untersuchen, ist deshalb noch unklar.

ZUSÄTZLICHE RANKINGS
Eine andere Ausweitung der Thought-Leader-Untersuchung dürfte technisch einfacher sein, wäre aber methodisch sicherlich ebenfalls umstritten: die Erweiterung um weitere Kriterien. So könnte es sicherlich attraktiv sein, einen Messwert für den Einfluss einzelner Denker in sozialen Netzwerken zu ermitteln. Nicht so sehr bezüglich des eigenen Engagements: Nur wenige der Grossdenker nutzen schliesslich selbst intensiv die sozialen Medien; quantitative Kenngrössen wie Follower-Zahl bei Twitter oder Fan-Zahl bei Facebook sind deshalb kaum aussagekräftig. So müssen wir auch einen diesbezüglichen Vorschlag des britischen Historikers Niall Ferguson, Platz 25 der Global-Thought-Leader, zurückweisen: Bei Twitter, so Ferguson, gebe der Quotient zwischen der Zahl der Follower und der Zahl der Tweets eine Information über die Relevanz des jeweiligen Twitterers. Eine Rechnung, die in der Tat bei ihm einen deutlich höheren Wert ergibt als bei seinem Erzfeind Paul Krugman, Platz 74; aber noch weit bessere Ergebnisse erzielen Stars wie Beyoncé oder Miley Cyrus. Der Ferguson-Quotient ist, wenn er überhaupt irgendetwas misst, offenbar eher ein Mass für die Popularität einer Person als für die Qualität ihrer Äusserungen.

Methodische Herausforderungen stellen sich auch bei einer anderen möglichen Erweiterung der Untersuchung: der Berücksichtigung von Videos. Die zunehmende Bedeutung von Vorträgen sowie bewegten Bildern in der intellektuellen Sphäre geht zulasten der Bedeutung von Büchern und schriftlichen Äusserungen. Die absolute Zahl der Aufrufe des beliebtesten Vortragsvideos eines Denkers auf Youtube kann in erster Näherung einen Hinweis auf den audiovisuellen Einfluss der entsprechenden Person bieten. Inwieweit diese oder andere Kenngrössen in den Influence-Rank des kommenden Jahres aufgenommen werden, ist noch nicht entschieden.

HÖHERE FREQUENZ
Ebenfalls denkbar wäre eine Ausweitung der Untersuchung durch eine Verkürzung des Zeitabstands zwischen zwei Analysen. Während es bei der Bewertung des Einflusses in der Wikisphäre eher eine langsamere Veränderung geben dürfte, liegt es auf der Hand, dass Themen und Personen in der Blogosphäre, also in der öffentlichen Debatte, weitaus schneller wechseln. Bei häufigeren Messungen des Einflusses und der Vernetzungen liessen sich die Muster im Rauschen der Debatte vermutlich deutlicher erkennen.

Theoretisch gibt es keinerlei Untergrenze für die Frequenz einer Thought-Leader-Analyse der Infosphäre: Zwölf, sechs, drei, zwei Monate, jeder Rhythmus wäre darstellbar, mit jeder weiteren Untersuchung nimmt die Qualität und Aussagekraft der Ideengeber-Bewertung zu. Sogar eine kontinuierliche Beobachtung der öffentlichen Debatte wäre denkbar, so wie auch Google für die Berechnung des Page-Ranks kontinuierlich das gesamte Netz beobachtet. Allerdings würde in einem solchen Fall, wiederum ähnlich wie bei Google, von Zeit zu Zeit eine Anpassung der Kriterien für den Influence-Rank sowie ein Update der zu bewertenden Personen vorgenommen werden.

GRÖSSERE PERSONENZAHL
Nicht ganz so flexibel ist die hier gewählte Untersuchungsmethode, wenn es um eine quantitative Ausweitung der zu beobachtenden Personen geht. Von 2012 auf 2013 wurde die Zahl der bewerteten Denker in etwa verdreifacht. Bei weiteren Wachstumsschritten in dieser Grössenordnung geraten die Software und die Darstellung schnell an die Grenzen des Wachstums: Eine Netzwerk-Darstellung der Beziehung der gesamten Weltbevölkerung oder auch nur aller Facebook-Nutzer wäre von geringer Aussagekraft und dafür von hoher Unübersichtlichkeit.

Ohne uns festzulegen, ob auch 500 oder 1000 Denker auf diese Weise untersucht und ihre Beziehungen dargestellt werden könnten, können wir doch festhalten, dass die hier gewählte Methode zur Festlegung eines Influence-Ranks nicht für die Allgemeinheit anwendbar ist. Sollte jedoch der Influence-Rank ein populäres Mass für intellektuellen Einfluss werden, müssen wir wohl damit rechnen, dass es eine relevante Nachfrage danach geben wird, das Konzept dieser Thought-Leader-Untersuchung zu demokratisieren.

NETZWERKSUCHE
Wenn wir, in Anlehnung an Randall Collins, davon ausgehen, dass Ideen nicht isoliert in einzelnen Köpfen entstehen, sondern in Denkernetzwerken gefunden, entwickelt und erstritten werden, könnte es sich als sinnvoll erweisen, auch solche Netzwerke zu identifizieren und ihren Einfluss zu bestimmen. Die bisherigen Vernetzungsdarstellungen in den Thought-Leader-Maps zeigen zwar die relative Nähe oder Ferne, die einzelne Personen zueinander oder zu bestimmten Konzepten und Ideen haben – sie geben aber keine direkten Informationen darüber, inwieweit es sich dabei tatsächlich um real existierende Netzwerke handelt.

Das lässt sich auch nicht so einfach erkennen. Schliesslich gibt es hier nicht nur Institutionen, die sich explizit als Denkernetzwerke verstehen, wie den Club of Rome. Es gibt darüber hinaus einzelne Institutionen, die faktisch so funktionieren wie einige Center am MIT oder in Harvard oder wie früher der Xerox Parc. Es gibt (selten) grosse Denker, die sich zusammentun, und (sehr häufig) grosse Denker, die eine Menge Anhänger um sich herum versammeln. Es gibt Themen, um die herum sich Netzwerke spinnen, und es gibt Netzwerke, die sich entlang von Konfliktlinien organisieren.

Selbst die beste Software dürfte mit dieser Vielzahl von Netzwerkkonzepten in der ersten Runde überfordert sein. Es würde wahrscheinlich, ähnlich wie bei der ersten Auflage der Thought-Leader-Untersuchung, erst einmal einen intensiven menschlichen Input brauchen.

Aber daran soll es nicht scheitern.