Lesen Sie die Berichterstattung des «Tages-Anzeiger» zum Thema.

Von Detlef Gürtler, Karin Frick und Peter Gloor

Es ist ein Rekord für die Ewigkeit. Gerade mal siebzehn Jahre alt war Malala Yousafzai, als sie Friedensnobelpreisträgerin wurde. Für ihr unerschrockenes Einstehen für Bildung auch für Mädchen werde sie ausgezeichnet, so das Nobelpreiskomitee. Und in der Tat hatte die Geschichte der Schülerin aus einer von Taliban dominierten Region Pakistans die ganze Welt bewegt – vor allem, nachdem ein Attentat auf sie ausgeführt worden war, das sie nur knapp überlebte. Kritiker bemängelten deshalb, Malalas nobelpreiswürdige Leistung habe offenbar darin bestanden, sich niederschiessen zu lassen.

Natürlich – ein Lebenswerk ist das noch nicht, für das Malala Yousafzai mit dem renommiertesten Preis der Welt ausgezeichnet wird. Aber ein Thema, einen Gedanken auf die globale Agenda gebracht und das Denken vieler Menschen beeinflusst hat sie in jedem Fall. Genau das, was einen Global Thought-Leader ausmacht. Im Global-Thought-Leader-Ranking, das das GDI in Zusammenarbeit mit dem MIT-Forscher Peter Gloor in diesem Jahr zum dritten Mal erstellt hat, belegt Malala Yousafzai diesmal Platz 58. Im kommenden Jahr dürfte die Platzierung deutlich besser ausfallen, denn die Messung der in der Thought-Leader-Map visualisierten «Betweenness-Centrality», auf der ein grosser Teil der Bewertung beruht, fand im Sommer statt und damit deutlich vor der Nobelpreisvergabe.

VON NULL AUF HUNDERT

Ganz vorn im diesjährigen Global-Thought-Leader-Ranking steht ebenfalls ein Neuzugang auf der Kandidatenliste: Papst Franziskus. Bei der Kandidatenauswahl im vergangenen Jahr hiess er noch Jorge Mario Bergoglio und war weit davon entfernt, ein Thought-Leader zu sein. 2014 wurde er erstmals in die Vorauswahl der 236 Kandidaten aufgenommen und schaffte es (wenn auch knapp) auf Platz 1, dicht gefolgt vom «Internet-Papst» Tim Berners-Lee und dem indischen Ökonomen Amartya Sen. Und auch auf den Plätzen 4 und 5 landen Thought-Leader, die vergangenes Jahr noch nicht auf der Liste standen: der tschechische Schriftsteller Milan Kundera sowie Muhammad Yunus, Gründer der Grameen Bank aus Bangladesch und Friedensnobelpreisträger 2006.

Alle drei Neuzugänge in den Top Five zeigen Grenzfälle der Kandidatenauswahl:

Dass Theologen wie Hans Küng und Religionsphilosophen wie Tariq Ramadan sich für den Kreis der Denker qualifizieren, ist unbestritten. Aber was ist mit dem Papst? Ist er eher Denker (und dann mit dabei) oder eher Macher (und dann draussen)? Wir haben uns dieses Jahr für die Aufnahme entschieden, genau wie bei Fethullah Gülen, dem geistigen wie politischen Führer einer stark religiös geprägten türkischen Bewegung (Platz 81 im Global Ranking).

Im vergangenen Jahr hatten wir Schriftsteller nur berücksichtigt, sofern sie nicht aus Nordamerika oder Europa stammten – ausserhalb des angelsächsischen Kulturkreises sind die Geistessphären weniger arbeitsteilig organisiert, Ideengeber aus Kultur und Politik haben einen grösseren Einfluss. So waren beispielsweise Paulo Coelho, Mario Vargas Llosa oder Arundhati Roy schon 2013 dabei – der Europäer Milan Kundera hingegen nicht. Dieses Jahr wurde er jedoch aufgenommen, da Tschechien zwar zu Europa, aber eben nicht zum angelsächsisch geprägten Kulturkreis gehört. Die insbesondere in Lateinamerika sehr intensive Kundera-Rezeption brachte ihn in die Spitzengruppe.

Ist Muhammad Yunus eher ein Macher (als Gründer und langjähriger Leiter der Grameen Bank in Bangladesch) oder eher ein Denker? Eher Letzteres, sagen wir heute – und hätten wir wohl auch schon im vorigen Jahr sagen sollen, als wir Yunus nicht mit auf die Kandidatenliste setzten. Ein Fehler.

WARUM ALL DIE NEWCOMER?

Von den zehn Bestplatzierten des vergangenen Jahres schaffte es 2014 keiner in die Top Ten. Am besten aus der letztjährigen Spitzengruppe schnitt noch Jürgen Habermas ab, der nach Platz 2 in diesem Jahr Platz 12 erreichte. Der Spitzenreiter von 2013, Al Gore, landete hingegen auf Platz 30, der australische Philosoph Peter Singer fiel von 3 auf 68.

Für diese Volatilität sehen wir vor allem drei Gründe:

1. Die sehr starken Schwankungen in der Blogosphären-Teilwertung.
Diese Kategorie bildet, dem Mediensegment entsprechend, sehr kurzfristige Strömungen ab. Je nachdem, welche Ereignisse gerade die Debatte prägen, können die Platzierungen damit von Messung zu Messung deutlich abweichen. Al Gore beispielsweise, der auch in dieser Kategorie im vergangenen Jahr einen überlegenen ersten Platz belegte, landete dort in diesem Jahr auf Platz 198. Vermutlich würde es die Volatilität dieser Kategorie verringern, wenn mehrere Messungen über das Jahr verteilt würden – was allerdings mit einem erheblichen Mehraufwand verbunden wäre. Die Wikisphären-Wertung hingegen ist im Jahresvergleich deutlich stabiler: Sieben der zehn bestplatzierten Denker in dieser Einzelwertung lagen hier auch im Jahr 2013 unter den Top Ten.

2. Die Neuaufnahme weiterer Kriterien.
Gegenüber dem Vorjahr wurden zwei weitere Bewertungskategorien aufgenommen – die Betweenness-Centrality in der Twitter-Sphäre sowie die Anzahl der Wikipedia-Seiten in den unterschiedlichen Sprachversionen. Die Twitter-Kommunikationen mit ihnen beziehungsweise über sie brachten unter anderen Paulo Coelho, Stephen Hawking oder Edward Snowden eine hohe Betweenness (man redet über sie und/oder mit ihnen), und damit gute Bewertungen in diesem Kriterium, Jürgen Habermas hingegen schnitt hier schlecht ab. Die Zahl der unterschiedlichen Sprachausgaben bei Wikipedia ist ein Indikator für die globale Bedeutung eines Denkers. Im Gesamtergebnis trägt dieses neu aufgenommene Kriterium zur Reduzierung der angelsächsischen Dominanz bei: Waren im vergangenen Jahr noch fünf der zehn bestplatzierten Ideengeber US-Amerikaner, sind es dieses Jahr nur noch zwei. Im Gesamt-Ranking ist dieser Einfluss ebenfalls bemerkbar, wenn auch geringer ausgeprägt: Vierzig der Top 100 kommen aus den USA – drei weniger als 2013, aber immer noch mit Abstand die grösste Gruppe.

3. Veränderte Gewichtung bei der Kandidaten-Vorauswahl.
Jede Änderung des Personenkreises führt automatisch zu einer Änderung der Vernetzungen zwischen den untersuchten Personen. Insbesondere bei Denker-Gruppen, deren Angehörige stark untereinander kommunizieren, etwa Physiker oder arabischsprachige Wissenschaftler, kann dadurch die Betweenness-Centrality im Gesamt-Sample beeinflusst werden. Vermutlich hat beispielsweise eine höhere Zahl indischer Thought-Leader unter den Kandidaten mit dazu beigetragen, dass in der Teilauswertung der Blogosphäre ein indischer Ökonom, Partha Dasgupta, auf Platz 1 landete – wobei es in der Gesamtwertung trotzdem «nur» für Influence-Rank 139 reichte.

UND JETZT... DIE RANGLISTE

Aufgrund dieser Faktoren sind die Ergebnisse des Global-Thought-Leader-Rankings von Jahr zu Jahr nur beschränkt vergleichbar. Das gilt insbesondere für die Veränderung bei der Platzierung einzelner Personen, weshalb wir auf die Veröffentlichung von Gewinner- oder Verlierer-Listen bewusst verzichten. Die selbst gestellte Aufgabe, ein realistisches und belastbares Influence-Ranking der weltweiten Thought-Leader zu erstellen, wird auch in den kommenden Jahren zu Anpassungen bei Kriterien, Kandidaten und Gewichtungen führen – so wie ja auch die Kriterien von Googles Page-Rank-Algorithmus immer wieder verändert werden, um zu nutzergerechten Suchergebnissen zu kommen. Jetzt aber zur Rangliste 2014:



Belastbar im oben genannten Sinn sind insbesondere die Muster, die sich in den aggregierten Daten finden. Hier sind auch im Vergleich mit den Vorjahren Beobachtungen und Aussagen möglich, die auf entsprechende gesellschaftliche Entwicklungen hindeuten. Im Folgenden die auffälligsten Beobachtungen aus dem Global-Thought-Leader-Ranking 2014:

WERTE AN DIE MACHT

Der Diskurs über Werte scheint in der Infosphäre derzeit wichtiger als Wirtschaft oder Technologie. Dafür sprechen die weiterhin guten Platzierungen für Philosophen, auch wenn die Philosophendichte in der Spitzengruppe nachgelassen hat. Dafür spricht ebenfalls die Zunahme der Theologen an der Spitze – zu denen eigentlich auch der Anti-Theologe Richard Dawkins auf Platz 19 zählt.

Dessen Platzierung gibt auch einen Hinweis darauf, warum die Werte-Diskurse so weit vorn liegen: Es gibt dort viel zu streiten. Das Verhältnis zwischen Staat und Religion ist zuletzt vor allem durch den Islamismus zum Reizthema geworden; und auch in der katholischen Kirche wurden durch den neuen Papst gleich eine ganze Reihe von Debatten angestossen. Auch die Herausforderungen durch Migration und Flüchtlingsströme bieten viele Gelegenheiten zu Diskussionen und prägen den gesellschaftlichen Diskurs.

Umgekehrt ist die Entwicklung bei den Ökonomen. Während im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts noch sie es waren, die im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit mit Verve um Wohl und Wehe von Volks- und Weltwirtschaft stritten, ist es in dieser Disziplin im Jahr 5 nach der zweiten Weltwirtschaftskrise von 2008 / 09 ruhiger geworden. Die wichtigsten wirtschafts- und finanzpolitischen Entscheidungen sind getroffen worden – unabhängig davon, ob man sie nun für richtig oder falsch hält, sind dadurch Fakten geschaffen worden, die die wissenschaftliche Debattierlust beschränken. Die diesmal bestplatzierten Ökonomen sind denn auch nicht so sehr für ihre Positionen in Konjunktur- oder Steuerdebatten als vielmehr für werteorientierte Diskurse bekannt: Amartya Sen (Platz 3) und Muhammad Yunus (Platz 5).

ROMANCE SCHLÄGT SCIENCE

Zumindest seit Homer, wenn nicht schon Jahrtausende vorher, ziehen Geschichtenerzähler die Menschen in ihren Bann. Auch die Lehren der grossen religiösen Schriften sind in weiten Teilen in Abenteuergeschichten verpackt. Und noch das bestverkaufte Archäologie-Sachbuch aller Zeiten, «Götter, Gräber und Gelehrte», erschien 1949 mit dem Untertitel «Roman der Archäologie». Gute Geschichten scheinen mehr Menschen zu inspirieren als neue Technologien oder die Wirtschaftslage. Und trotz Big Data und Hightech sind es immer noch die Geschichtenerzähler, die die Menschen in ihren Bann ziehen. Das gilt im engeren Sinne für Poeten und Romanciers: Gleich acht von ihnen haben es in die Top 100 geschafft und drei sogar in die Top Ten: Milan Kundera, Mario Vargas Llosa und Paulo Coelho. Und das gilt im weiteren Sinn auch für Journalisten und Sachbuchautoren, wie Naomi Klein, Jaron Lanier und Douglas Rushkoff. Sie sind in der Lage, grosse Ideen auf einen grossen Begriff zu bringen und sie einem breiten Publikum zu vermitteln. Ideen werden selten im Original gelesen – den Vermittlern kommt dementsprechend eine tragende Rolle bei der Verbindung zwischen den Thought-Leadern und dem Rest der Welt zu.

KLUB DER ALTEN WEISSEN MÄNNER

Auch wenn sich auf den Spitzenplätzen des diesjährigen Rankings eine erstaunlich starke Durchmischung findet – und das sowohl nach Regionen als auch nach Altersgruppen als auch nach Fachgebieten –, ist die Dominanz des klassischen Thought-Leader-Klischees der älteren weissen Männer immer noch ausgeprägt: 88 der 100 Bestplatzierten sind Männer (vier mehr als im Vorjahr), 71 von ihnen sind sechzig Jahre oder älter, und 73 kommen aus Nordamerika oder Europa (sechs weniger als 2013).

Eine grundlegende Änderung dieses Musters ist unwahrscheinlich, was das Alter angeht: Wirkungsgeschichte und Lebenserfahrung sind zwei der wichtigsten Elemente für hohen Einfluss, Fälle wie Malala Yousafzai oder Edward Snowden (die beiden Jüngsten unter den Top 100) bleiben Ausnahmen.

Eine Änderung des Musters ist allenfalls mittelfristig möglich, was das Geschlecht angeht: Die Auswahlprozesse, die zur Besetzung von führenden Positionen in Staat, Wirtschaft, Forschung und Kultur führen, finden zwar seit einiger Zeit genderneutraler statt, aber bis sich dieser Effekt in die globale Thought-Leader-Spitze überträgt, können durchaus Jahrzehnte vergehen.
Und eine Änderung des Musters in Bezug auf die Zugehörigkeit zum Abendland wäre sofort möglich, wenn die grossen Kulturräume in die Wertung einbezogen werden könnten, die sich der hier gewählten Methode entziehen: China und Arabien. Die Denker dieser beiden Regionen sind weitgehend vom globalen, auf Englisch geführten Diskurs abgeschottet. Sprachbarrieren gibt es auch in anderen Kulturräumen, aber zumindest für die Hauptdenker etwa des deutschen (wie Jürgen Habermas) oder des französischen Sprachraums (wie Esther Duflo oder Thomas Piketty) findet sich eine Übersetzung und Übertragung in die internationale Sphäre. Für China und Arabien (und abgeschwächt für Russland und die Türkei) gilt das nicht. Zumindest im Diskurs-Bereich scheint somit die Globalisierung an eine Grenze gestossen zu sein.

SWISSLESSNESS

Kurz und schmerzlos: Im globalen Kontext spielen Schweizer Denker kaum eine Rolle. Wie im Vorjahr sind nur die Theologen Hans Küng (Platz 13) und Tariq Ramadan (Platz 76) unter den globalen Top 100 zu finden. Das ist rein quantitativ ja gar nicht so schlecht: 0,1 Prozent der Weltbevölkerung stellen 2,0 Prozent der wichtigsten globalen Denker. Aber es entspricht nun einmal nicht dem schweizerischen Selbstverständnis, ausgerechnet in theologischen Fragen weltführend zu sein.

Na ja, vielleicht das nächste Mal.